Samstag, 18. Juli 1998

Die Areuse-Schlucht


Klassenlager in Vaumarcus, 2. Sekundarschule Oftringen 1998 

Der Dienstagvormittag war sehr anstrengend. Wir mussten sehr früh aus den Federn. Für die meisten von uns war es sehr hart. Na ja, wir quatschten in der Nacht vom Montag auf den Dienstag sehr lange. Einige konnten ca. fünf Stunden - andere gerade mal eine Stunde schlafen. Es war ja auch die Rede von die Nacht durchmachen und so ähnlich.
Aber kommen wir besser wieder zurück zum Dienstag.
Der Grund für die frühe Hetzerei war das, was ich jetzt zu beschreiben versuche. Unser eigentliches Ziel galt der Areuse-Schlucht. Aber noch vor diesem zauberhaften Ort sollten uns grauenvolle Ereignisse bevorstehen... Lange Fußmärsche auf Asphalt oder Naturwegen. Es war grauenvoll. Meine Füße schmerzten zum Teil so schrecklich, dass ich dachte, es ginge dem Ende zu mit meinen armen und so wehrlosen Füßchen. "Oh, welch Tragödie, welch mit Schmerzen verbundenes Schicksal!" 

Wiederum etwas anderes waren die Naturpfade. Man schickte uns sozusagen unbewaffnet und als ahnungslose Opfer in den Dschungel. Auf jeder Seite lauerten Gefahren. Zu meiner Linken ging es steil die Schlucht hinunter, hinab ins mit Steinen durchsetzte Wasser. Zu meiner Rechten jedoch wartete der "Tod". Pflanzen, befallen von tödlichen Kreaturen, auch Zecken genannt. Wenn sich so ein Geschöpf im menschlichen Körper einnistet und man bemerkt dies nicht, so kann man daran zu Grunde gehen.

Wieder ging es steile und teilweise rutschige Steinwege hinunter. Doch glücklicherweise mussten wir nicht lange weitergehen, denn der Rastplatz wartete auf uns. Ein ziemlich feuchter Ort, welcher auch mit kleineren Lebensformen bewohnt war. Steffi und ich fanden auf dem Holztisch eine Leiche vor. Der Autopsiebericht (von mir festgestellt) ergab, dass das "Knuddelwürmchen" eines natürlichen Todes gestorben war. Tod durch austrocknen. Nach einer geraumen Zeit ging es weiter zum Hauptteil der Schlucht. Es war gefährlich, und trotzdem war der Ort eine natürliche Idylle, die einen Hauch Romantik ausstrahlte. Gefährlich war es da, weil die Steine so nass waren. Deshalb rutschte man häufig und leicht aus. Die Metallstangen, die als Festhaltemöglichkeit dienten, waren teilweise nicht aufzufinden oder beschädigt. Steffi und ich machten uns Gedanken darüber, wie es wohl wäre, wenn man da hinunter stürzen würde...
© Navi M.



- Nachwort- 

Als dieser Aufsatz entstanden ist, war ich in der Oberstufenklasse der Schule Pfaffenäcker in Oftringen. 
Unser Klassenlager, ein wahrlicher Bastard, sollte in Vaumarcus stattfinden. Ich erinnere mich noch gut an die Unterkunft in diesem brobdingnagischen Gebäudekomplex. Auch erinnere ich mich daran, dass der Bus nicht bis zur Anlage gefahren ist und wir einen weiten Weg zu Fuss zurücklegen mussten. Vaumarcus. Wie kommt man auf Vaumarcus?
Es gab zwei Massenschläge. Mädchen und Jungen waren getrennt. Wir hatten Stockbetten aus gelb bemaltem Metall und durchgelegenen weichen Matratzen. Das Zimmer der Jungen sah, und das wusste ich damals noch nicht, denn ich sollte erst später eines besuchen, einem KZ nicht ganz unähnlich. Die Lehrer und Betreuer hatten sich viel einfallen lassen. Eine ganze Woche musste geplant sein. An einem Tag sollten wir eine Wanderung zur Areuse-Schlucht unternehmen. Heute würde ich so etwas geniessen. Damals waren wir eher mit jammern beschäftigt. Undankbare Teenies eben. 
Ich erinnere mich, dass ich die Lagerschreiberin war und jeden Tag eine Eintragung darüber schreiben durfte, was wir gemacht hatten. Am zweitletzten Tag oblag uns die Aufgabe, einen Aufsatz über das Klassenlager zu verfassen. 
Meiner trug den Titel "Als ahnungslose Opfer im Dschungel". Obschon ich in obigem Text eigentlich nur mit Wehklagen beschäftigt war, waren meine Lehrer begeistert. Der Text wurde vor beiden Klassen vorgelesen. Bei Schulaufführungen wurde er ebenso zum Besten gegeben. 
Wieso habe ich nie etwas aus meinem Talent gemacht? Stephen King war 27, als ihm 400'000 Dollar für Carrie geboten worden waren.
Genau mein Alter... -_^ 

Navi M. Gray, am 25.01.2018

Das Camp Vaumarcus