Dienstag, 16. November 2004

Familienvater

26. November 2004


Obwohl Sonntag ist, sitzt er in seinem Büro. Schon ganz früh am Morgen war er aufgestanden um für seine Familie frische Brötchen zu holen und anschliessend gleich ins Büro zu hetzen.
Es kam oft vor, dass der Vater am Sonntag nicht daheim war. Aber böse war ihm niemand deswegen. Seine Familie hatte ihn sehr lieb.

Fast wäre er eingenickt. Er brauchte Schlaf. In den letzen Wochen hatte er kaum geschlafen und war gezwungen, dies alsbald nachzuholen. Mal wieder richtig lange und ausgiebig zu schlafen. Nein, er darf nicht schlafen. Muss noch diese Präsentation fertig stellen. Mit einem weiteren Becher Kaffee wird es schon gehen. Koffein hält ihn schon seit Jahren auf Trab.

Der Regen schlägt unnachgiebig an die Scheibe seines Büros. Immer diese Unwetter!


Um 15:30 Uhr hat er seine Arbeit beendet und gespeichert. Nun noch den Computer herunterfahren und das Licht löschen. Das Büro muss er auch noch abschliessen. Und immer dieser Regen!
Immerhin steht sein Auto direkt vor dem Ausgang. Er wird von ein paar Regentropfen getroffen. Sie hinterlassen hellgraue Spuren auf seinem weissen Hemd. Glänzende Kugeln bleiben auf seiner Jacke zurück.
Nun aber nichts wie nach hause!

Immer noch herrscht starker Regen...

Die Autobahn ist wirklich verdammt nass. Aquaplaning. Die Scheibenwischer werden heute wieder gefordert. Sie arbeiten und arbeiten, haben keine Pause um mal wieder Luft holen zu können. Sie geben ihr Bestes, kommen aber einfach nicht gegen das Heer des Wassers an.

Diese verdammten Raser! Gehören alle weggesperrt! Krepierst hoffentlich, du verdammter Idiot!

Zwei dunkle Klappen fallen zu. Von oben nach unten. Schon wieder auf die Augen. Die Lieder sind so schwer, wollen schon wieder zufallen. Schlafen. Wie gerne würde er jetzt einfach schlafen. Sich hinlegen und einen Ausflug ins Schlummerland unternehmen. Das Schlummerland mit seinen vielen Attraktionen. Dort kann sogar eine Kuh fliegen. Man kann auf Wolken gehen.

Eine Hupe! Die Augen weit aufgerissen. Reflex und mit dem Fuss auf die Bremse getreten. Wasser! Das Auto kommt ins Schleudern, knallt in die anderen, die vor ihm im Stau stehen. Zu viele Geräusche, als dass man aller Herkunft hätte ausmachen können. Ein stechender Schmerz im Gesicht. Regen tropft in die tiefen Wunden. Die Scheibe ist hin. Blut. Überall ist Blut. Sein Blut. Der Wagen überschlägt sich. Metallteile werden eingedrückt. Teile werden durch die Luft geschleudert. Der Wagen kommt auf der Nebenspur zum stehen.

Wieder eine Hupe. Eine mächtige aber. Er öffnet die Augen und sieht grade noch den LKW, der auf ihn zu gebremst kommt. Metall wird zerbeult. Etwas bohrt sich in seinen Bauch. Beine hat er längst nur noch bis zu den Knien. Füsse und Unterschenkel sind bereits zu einer breiigen Masse zerdrückt worden. Blut spritzt aus seinem Mund. Das Lenkrad hat seinen Brustkasten zerdrückt. Die Luft wird knapp.
Eingeklemmt zwischen irgendwelchen Teilen sieht man seine Hand. Die Finger gebrochen. Der Nagel des Zeigefingers schaut aufrecht nach Oben. Ein Glassplitter hat sich zwischen ihn und das Nagelbett geschoben. Blut. Überall Blut. Sein Blut.
Es vermischt sich mit dem Regen und verteilt sich auf der gesamten Fahrbahn.

Zu hause läuft der Fernseher. Die Kinder und die Frau schauen sich einen Actionfilm an, welchen er ihnen am Samstag mitgebracht hatte. Ein Auto überschlägt sich. Die Insassen sterben. Der Sohn jubelt voller Freude über den Schrotthaufen, der vorhin noch ein Auto war. Die Töchter wissen nicht recht, ob ihnen das nun gefällt oder nicht. Mutter greift in die Schüssel mit dem Popcorn und schaut auf die Uhr. Er ist noch immer nicht da. Wann nimmt er denn endlich mal seine Ferien? Er muss sich mal ausruhen. Sein Job bringt ihn noch mal um!

Sirenen des Krankenwagens, der Polizei und der Feuerwehr sind zu hören. Der LKW-Fahrer steht vor dem PW. Hat einen Schock.

Die Feuerwehrmänner schneiden ihn aus dem Fahrzeug raus. Einer hebt ihn an. Er will ihn rausziehen. Ein Widerstand. Der Feuerwehrmann zieht heftiger und verliert das Gleichgewicht, als der Körper nachgibt. Auf dem Rücken auf der Strasse liegend, hält der Mann einen Oberkörper. Abgetrennt.
Seine Innereien ziehen eine Linie. Liegen auf dem Feuerwehrmann, auf der Strasse und im Wagen. Und überall ist Blut. Sein Blut. Sein Fleisch.
Er merkt nichts davon. Denn er ist tot.

Er hinterlässt eine Frau und drei Kinder…

© Navi M.

Dienstag, 9. November 2004

Geldfälscher


An einem ruhigen Morgen. Der Laden ist fast menschenleer. Einzig in der hinteren Ecke bei der EDV tummeln sich zwei Jugendliche, die sich nicht entscheiden können. Wir sind alle gut gelaunt, was sehr selten ist in jenem Betrieb. Reden miteinander und stehen uns die Beine in den Bauch weil einfach nichts zu tun ist. Der Himmel strahlt in hellem Blau und bauschige Wolken tummeln sich in ihm. Sonnenstrahlen erhellen das ganze Schauspiel und muten einen vollkommenen Tag an. Nicht das wir den Tag gesehen hätten. Der Laden liegt in einer Ecke des Centers, der keinen Kontakt zur Aussenwelt zulässt. Das einzige Fenster ist im Büro und selbst dieses zeigt in einen Schacht. Ob Tag oder Nacht, ob Regen oder Sonnenschein, wir hatten nie einen Schimmer davon, wie es draussen aussah.
Da verzogen sich die bauschigen weissen Wolken und der Himmel wurde finster und trüb. Gewitterwolken zogen auf. Denn einer der begehrtesten Kunden kommt stampfend in den Laden. Top geschalt und immer unfreundlich. Ob er überhaupt in der Lage ist zu lächeln? Keiner weiss es. Dies ist eine Frage, die wohl immer unbeantwortet bleiben wird. Genau so wie die Fragen über das Bermudadreieck, Nebellichter und schwarze Löcher. Alle kennen ihn, ich nicht. Daher sind plötzlich alle mit Aufräumen beschäftigt. Er wuchtet sich und seinen Bierbauch, der mindestens 20cm über den Hosenbund ragt in meine Richtung. Abhauen kann ich nicht mehr, da das Monstrum bereits Augenkontakt mit mir aufgenommen hat. Ist man soweit gegangen, gibts kein Zurück mehr. Man ist hilflos ausgeliefert. Wie dem auch sei. Er kommt dampfend, wie eine Dampfwalze zu mir herübergerollt und fragt in überheblichem Ton: "Haben Sie das Buch von Pascal Mercier?" (Betonung auf DAS Buch. Da zu der Zeit der "Nachtzug nach Lissabon" in aller Munde und auch auf der Bestsellerliste war, geht jeder Mensch davon aus, dass auch dieser Titel gesucht wird.) "Meinen Sie den Nachtzug nach Lissabon?" "Er wird wohl noch andere Werke verfasst haben! Oder haben Sie nur das hier?!" Freundlich, wie ich bin, zeige ich ihm die anderen Werke Merciers. Er braucht mich nicht mehr und ich gehe zurück zur Kasse, wo S und S mir zulächeln. Aha, fertig mit Aufräumen? Gut. Herr Dr. Dampfwalze rollt zur Kasse, zu S. Legt ihr einen Stapel Bücher hin und will mit einem 1000-Franken-Schein bezahlen. Er zückt dieses putzige und exakt einmal genau in der Mitte gefaltete Scheinchen und streckt es S hin. Diese "Wir nehmen keine 1000er an." In dem Moment kann man bei genauem Hinsehen erkennen, wie sich eine Ader des Zorns auf der makellosen Stirn abdrückt. Die Gesichtsfarbe von einem gesunden hellen Beige weicht in ein oranges Rot. Ein herrlicher Farbverlauf. Wirklich! Auf den Farbverlauf, welchen die wütenden Dampfwalze nicht mitbekommen hat folgt ein heftiger Wortwechsel: "Wie bitte?! Das ist auch Geld!" Worauf sie: "Sie könnte gefälscht sein." Ich glaube mich verhört zu haben. Gehts der noch gut?! Na ja, wir können auf eine entsprechende Reaktion gefasst sein. Wieso gibts hier eigentlich keinen Sessel? Sessel und Popcorn wären jetzt grad recht!
"Was?! Was erlauben Sie sich! Ich und ein Geldfälscher! Na warten sie! sie... - wissen sie was? Behalten sie ihre Bücher." Somit macht er auf dem Absatz kehrt und verlässt fluchend den Laden: "Mit schweizer Geld kann man heut zu Tage nicht mal mehr in der Schweiz bezahlen! Das ist auch Geld! Ich ein Geldfälscher!" Bravo S, der kommt bestimmt so schnell nicht wieder. Es fehlten nur noch die Worte, Sie hören von meinem Anwalt!