Mittwoch, 1. Dezember 2004

schlampig


1. Dezember 2004

Die Stadt liegt noch im Dunkel. Dunkel. Früher hätte diese Bezeichnung wohl noch gepasst. Doch durch die vielen Strassenlaternen und die weihnachtlichen Dekorationen an allen Fenstern und über den Strassen war es richtig hell. Nebel lag über den Strassen, durchbrochen vom Scheinwerferlicht eines haltenden Buses. Die Türen gingen auf. Inmitten einer Menschenmenge war auch sie. Sylvana Borger.
Der Anfangs feine Nieselregen wurde schliesslich ein kräftiger Regenschauer. Bis Sylvana an ihrem Arbeitsplatz, wo sie eine Ausbildung im Detailhandel absolvierte, ankam, war sie vom Regen durchnässt. In letzter Zeit schien sie wie vom Pech verfolgt. Alles schien sich gegen sie verschworen zu haben. Sogar ihre Arbeitskolleginnen. Einzig die Chefin hielt zu ihr; Nur Gott allein weiss wieso.
Sylvana erschien regelmässig 5-10 Minuten zu spät im Geschäft. Sie konnte sich das erlauben, denn die Chefin sagte nichts. Wenn alle anderen 15 Minuten Pause machten, machte Sylvana 25. Sie war auch diejenige, die immer zu früh Mittagspause machte, und zu spät zurückkam. Die Stimmung im Team war dementsprechend mies. Keiner konnte Sylvana mehr leiden. Sie konnte sich alles erlauben...
Sylvana war im 2. Lehrjahr und somit verantwortlich für die Müllpressanlage. Diese war eine schwerer grosser Kasten, der den Müll presste und sich im Untergrund des Gebäudes befand. Da die Maschine schon einige Jahre auf dem Buckel hatte, musste man den Müll jeden Tag einmal pressen. Mit mehr wäre die Maschine nicht mehr fertig geworden.
Papier und Karton wurden separat in einen grossen Müllcontainer entsorgt.
Nicole, die im 1. Lehrjahr war, hatte die Aufgabe den Müll zu trennen. Sylvana musste ihn dann lediglich in die Anlage, resp. den Container werfen.
Natürlich erledigte sie auch diese Arbeit sehr schlampig, wie all die anderen Aufgaben:
An der Kasse liess sie stets die Quittungen herumliegen, stempelte die Gutscheine nicht, räumte keine Kleider ein, ja nicht mal die Klospülung betätigte sie - geschweige denn die Hände zu waschen. Sylvana war ein wirklich fauler Mensch! Die anderen mussten ständig hinter ihr aufräumen, ihre Fehler ausbügeln und sich wegen ihrem Verhalten bei den Kunden entschuldigen.
Sylvana bestand auch darauf, dass die im 1. Lehrjahr den Müll entsorgen sollte. Damit kam sie aber nie durch.
An diesem Tag stapelte sich der Müll bereits wieder. Seit zwei Tagen hatte sie ihn nicht entsorgt. Sie hatte keine Lust dazu. Da die Chefin es ihr an diesem ausdrücklich befahl, machte sie sich auf zur Luke der Müllpresse um den Müll hineinzuwerfen.
Es war viel zu viel, als die alte laute Maschine das hätte bewältigen können. Nach lautem Quietschen und Knarren setzten sich die beiden Wände in Bewegung und versuchten den Müll zu zerdrücken. Dann, setzte sie aus. Nichts funktionierte mehr. Nichts überlegend kletterte Sylvana in den Müllschacht um die Säcke wieder hinauf zu nehmen und es mit weniger zu versuchen. Sie zerrte an den Säcken und hievte diese mühsam nach Oben. Als sie etwa die Hälfte der Säcke wieder draussen hatte, ging das Quietschen und Knarren erneut los, worauf sich die Wände aufeinander zu bewegten. Sylvana wollte so schnell wie nur möglich aus der Müllpresse rausklettern, doch dies gelang ihr nicht.
Kurz bevor es zu spät war schaffte sie es, blieb jedoch mit den Stoffbändern ihrer Hose irgendwo hängen. Wohl wissend, dass, sollte sie die Bänder nicht los bekommen, ihr Bein zu Brei zerquetscht würde, zerrte sie daran. Die Wände kamen immer näher. In panischer Hektik oder hektischer Panik zerrte sie weiter und weiter. Die Wände kamen immer näher.
Dann geschah es! Um haaresbreite hatte sie es geschafft. Ihr Bein war draussen, ehe die Wände zusammenstiessen.
Als sie sich wieder voneinander weg bewegten, griff Sylvana nach den nächsten Säcken und warf sie in den Schacht. Aber diesmal nur noch 4 auf einmal. Unter gar keinen Umständen hätte sie nochmals da in diesen Schacht runter steigen wollen. Schon gar nicht nach dieser Erfahrung von vorhin.
Hinter Sylvana lagen noch 3 Müllsäcke. Einen nach dem anderen packte sie und wünschte ihnen einen guten Flug. Die Wände der Müllpresse bewegte sich wieder aufeinander zu. Sylvana beugte sich hervor um dem Spektakel nochmals zu zuschauen. Dann verlor sie das Gleichgewicht durch einen Stoss in die Kniekehlen. Sylvana ruderte verzweifelt mit den Armen, doch das half nichts. Sie stürzte in die Müllpresse und wurde samt Müllsäcken zu einer breiigen Masse zusammengedrückt.

Den Stoss in die Kniekehlen erhielt sie nicht etwa von einer gehässigen und rachsüchtigen Arbeitskollegin. Nein. Sondern durch den Kartonstapel, der sich durch das Rattern der Maschine gelöst und von dem Wagen gerutscht war.
Hätte Sylvana ihre Sache richtig gemacht und den Müll jeden Tag entsorgt, wäre das nicht passiert und sie wäre wohl noch am Leben.

Jeder Mensch wusste, dass man sich nicht direkt vor die Öffnung stellt. Zu hoch ist das Risiko in die Presse zu fallen...
 


© Navi M.