Mittwoch, 1. Dezember 2004

Wolf


1. Dezember 2004

Ich schleiche umher, geschwächt, kränklich, vor Hunger, aus Not.
Hab ich doch seit Tagen nichts mehr gegessen. Seit Tagen, seit dem die Jäger wieder durch die Wälder streifen und alles erlegen, was vier Beine hat.
Lang ists her, da sah ich auf einer grossen Weide, eingezäunt, Schafe. Viele Schafe. Es tat mir Leid, doch ich hatte solchen Hunger, dass ich eines fressen wollte. Stürzte mich auf ein junges Schäfchen, biss ihm das Genick entzwei auf dass es nicht mehr merkte. Genüsslich verzehrend den Leichnam des Schafs ertönte ein Schuss. Nicht Der Schuss des Jägers sondern des Hirten. Fast zeitgleich verspürte ich einen pochenden Schmerz an meinem Bein. Das Blei seiner Kugel hatte mich durchbohrt. Mich getroffen. Mühsam und unter grossen Schmerzen jage ich davon, denn er wollte mich töten, dessen bin ich mir gewiss.
Hinter mir her donnernd eine weitere Kugel, mich verfehlend.

Die Wunde ist verheilt. Die Narbe blieb zurück. Aus Wunden werden Narben, und Narben bleiben hässlich. Nicht am Äusseren ists, dass  man sie hässlich misst. Hässlich sind einzig die Erinnerungen an deren Entstehung. Den Moment, in dem die Kugel mein Fleisch zerfetzte ...
Hungernd seit Tagen, nichts zu essen, durch die Wälder streifend auf der Suche. So lange Zeit  ohne Essen, dass ich fast gänzlich geschwächt bin.
Ich rieche, ich rieche Fleisch! Kann es denn wirklich sein? Fleisch? Nach all den Tagen des Hungerns... Spielt mir mein Verstand denn einen hinterlistgen Streich? Was solls.
Ich gehe dem Geruch nach. Beinahe wahnsinnig vor Hunger.
Komme in das kleine Dorf und sehe ein Kind. Ein Kind vor einem Mülleimer sitzend Fleisch in seinen Händen haltend. Fleisch! Langsam schleiche ich mich zu ihm hin. Keiner sieht mich.
~Noch eine Kugel würde ich jetzt nicht überleben~Ich habe lange Hunger gelitten. ZU lange. So lange, dass ich fast zu schwach bin, meine Zähne in das Fleisch zu bohren. Doch ich schaffe es. Gierig kaue, ja verschlinge, was ich abgebissen. Nicht nur das Fleisch in des Kindes Händen, sondern diese gleich mit. Ich mache mich über das kreischende Kind her. Zerbeisse seine Halsschlagader auf dass es nichts mehr spürt. Durch des Kindes Geschrei eilen Eltern herbei. Geschrei wird erhoben. Geschrei! Geschrei um ein Gewehr! Um ein Gewehr die Bestie zu töten! Die Bestie zu töten ehe sie das Kind verschlingt!
Zu spät, gesättigt renne ich davon. Zurück in den Schutz des Waldes. Habe ein Dorf gefunden. Ein Dorf mit vielen Kindern. Viel lebendiges Fleisch zum Fressen.
Ich bin der Wolf, der eure Kinder frisst...

© Navi M.