Dienstag, 20. Dezember 2005

Sesam öffne Dich!




Bevor sich die Türen öffnen, stehen meist schon einige ganz ungeduldige Leute davor, die unbedingt als erste den Laden betreten wollen...

An einem Samstag war das. J und ich öffneten und rollten die Kojen mit den Modern-Antiquariat-Büchern hinaus aufs Trottoir, kommt ein Mann vorbei und fragt J: "Haben sie auch ein Pissoir?"

J daraufhin: "Nein haben wir nicht, wir sind Frauen."
der alte Mann: "Wo gehen sie dann pissen?" und geht davon.

In einer Parallelwelt wäre das wohl so abgegangen:

Kommt ein älterer Mann vorbei und sagt zu J.: "Guten Tag, wie geht es ihnen?" darauf hätte J wohl geantwortet: Guten Tag, danke. Und ihnen?"

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Es ist, ich glaube es war ein Freitag, würde aber keinen Eid darauf ablegen, 08:45 Uhr und draussen auf der Strasse vor der mächtigen Glastür versammeln sich bereits die ersten Kunden. Sie treten ungeduldig von einem Bein aufs andere und wollen hereingelassen werden. J zu mir: "Hast du mal zur Tür geschaut? Die sind doch echt nicht normal!" Ich nicke ihr zu. Einer der Kunden zeigt uns seine Uhr. Wieso auch immer... Schliesslich dauert es noch bis 9:00 Uhr.


Die Menschenmenge wird immer grösser. Es sieht so aus, wie ein Geschwür das stetig wächst und wächst und wächst. Jedenfalls öffnen wir den mächtigen Glaskasten pünktlich um 9:00 Uhr. Ich beginne, die Kojen heraus zu räumen. Die Menschenmenge steht zu dem Zeitpunkt in einem Halbkreis hinter mir. Da ertönt die Stimme eines alten Mannes: "Ist jetzt wohl geöffnet?" Seine Frau: "Ich weisses nicht."
Der Mann: "Das scheint niemand so recht zu wissen..."
Darauf ich: "Es ist 9:00 Uhr."
Der Mann: "Aha, das heisst sie öffnen heute doch noch."
Ich: "Ja, wie jeden Tag pünktlich um 9:00 Uhr."
Der Mann: "Das sollte man wissen..."
Ich deute auf den Aufkleber mit den Öffnungszeiten bei der Tür: "Dort stehen sonst die Öffnungszeiten angeschrieben."

Samstag, 5. November 2005

Der neue Stephen King


Bald ist es soweit und der neue Stephen King Roman kommt auf den Markt. Wir schreiben das Jahr 2005 - wohlgemerkt! Der neue Roman, um welchen es sich handelt ist Band 7 der Dark Tower Saga. Zu Deutsch Der dunkle Turm. Der Band: Der Turm. Eben erst ist Susannah erschienen und wie gesagt, soll bald "Der Turm" folgen.

Das Telefon klingelt. Ich melde mich mit dem Standartsatz. Darauf die Kundin am Telefon: "Sie ich habe da eine Frage... weiss allerdings nicht ob sie mir weiterhelfen können..." Ich beruhige sie, denn wir helfen ja gerne weiter. Panik ergreift mich, dass sie wohl etwas verflucht schweres auf dem Herzen hat. Und dann kommt die Frage (wäre das ein Hörbuch oder ein Film würde jetzt der Soundtrack zu Der weisse Hai ertönen): "Ist ihnen Stephen King ein Begriff?" Ich könnte losheulen vor Lachen. Ob mir Stephen King ein Begriff sei? Im Alter von 10 Jahren habe ich Cujo gelesen. "Ja, der ist mir ein Begriff." "Haben sie sein neues Buch schon?" "Meinen sie Susannah?"
"Nein, das neuste vom dunklen Turm!"
"Das neuste vom dunklen Turm ist zur Zeit Susannah."
"Ich bin mir sicher dass es nicht das neuste ist."
"Also, Schwarz, drei, tot, Glas, dann folgte letztes Jahr Wolfsmond und kürzlich erst ist Susannah erschienen."
"Aber es gibt noch eins."
"Der letzte Band. Der Turm."
"Ja genau! Haben sie das schon?"
"Nein, das ist noch gar nicht erschienen. Es ist angekündigt auf den..." 

"Das heisst sie haben es nicht im Laden?"

"Nein, denn ist noch nicht erhältlich."
"Gut, wenn sie nicht mal den neusten Stephen King haben, dann gehe ich eben zu Orell Füssli!"
Und somit hörte ich nach Füssli nur noch das vertraute und hektische Pipen in der Leitung. "Na dann, viel Glück!" ^^

Donnerstag, 29. September 2005

Edward Munch - Der Schrei



28. September 2005





Mit nur einem Wort lässt sich dieses Bild beschreiben: 



Angst 

Es ist die Edward Munchs selbst. Jene, die ihn laut eines Tagebucheintrages während eines unbeschwerten Spazierganges mit Freunden überkam. Er verspürte einen Hauch von Schwermut, der Himmel färbte sich bedrohlich rot. Er blieb stehen, lehnte sich an den Zaun, wo nicht weit unter dieser Brücke ein Schlachthof stand und in dessen Nähe eine psychiatrische Klinik für Frauen, in der unter anderem auch seine Schwester auf ihren Tod wartete. Er sah die flammenden Wolken wie Blut den blauschwarzen Fjord und die Stadt Olso, welche 1900 von diesem Blickwinkel ein begehrtes Postkartenmotiv war. Seine Freunde gingen unbekümmert weiter, merkten nichts von all dem. Munch jedoch stand da, zitternd vor Angst, einen unendlichen Schrei fühlend, der durch die Natur ging.

Jenes Bild existiert in den verschiedensten Versionen und Techniken. Ein totenkopfcharakterliches Selbstbildnis mit weit aufgerissenen Augen und in einer für den Menschen typischen Geste des Erschreckens.

Beklemmend und zugleich inspirierend.

© Navi M.

Mittwoch, 2. Februar 2005

Lothar an Nathanael


1. Februar 2005


O Nathanael, Freund. Eure Zeilen lasen sich wie die jenen eines Buches, liessen mich zugleich erschaudern! Nathanael. Geister der Vergangenheit ersuchen Euch, ihnen die Tore Eures Verstandes zu öffnen und sie herein zu bitten. Freund, seit wachsam, denn der Wahnsinn lauert vor Euren Toren. Hierzu möchte ich Euch in den diesigen Seiten anvertrauen, wie ich fühlte. Seid gewiss, Ihr und einzig Ihr wisst um dies:

Nathanael, das Leben ist mir zu wider. Bald schon werde ich ihm überdrüssig. Werde dem Richter entgegen treten und Busse meiner vergangnen Taten ablegen. Denn die Geister der Vergangenheit ruhen nimmer!

Es ist eine stinkende Welt in welcher wir gehen und streben nach immer Neuem. Eine stinkende Welt, nicht nur weil ich den Gang zur Dusche bisher gemieden habe und mich der Geruch eins toten Tieres verfolgt, welches heutig von den wandelnden Grabstätten zu Mittag verspeist wurde. Dessen Geruch hat sich meiner angenommen als ich kurz in der häuslichen Küche war um mich mit einem Teller Salat zu speisen. Bitte verzeiht den Unterbuch, aber angesichts dessen, dass mein Geruch betörend während, schickt es sich nicht noch weiterhin zu schreiben. Denn Euch so gegenübertreten würd ich nimmer. Nun ehe ich noch einen Satz schreibe, werd ich die Feder beiseite legen und mich unter die Dusche verfügen.

Gewiss doch, reichlich spät meld ich mich zurück. Doch übermannte mich zuvor der Kasten der Sucht! O du grimmige Welt! Hinfort mit dir, Teufelszeug! Welch Satan hat dich in seiner finstersten Stunde erschaffen?! Du verruchtes Wesen stiehlst mich meiner Zeit! O du Ausgeburt der Hölle, wieso nur vermag ich nicht dir zu trotzen?! Nathanael, mein Freund, jene Zeit werd ich auf dem Sterbebett beklagen! Solls denn in der Tat so sein, dass ich mein kürzlich Leben so unbedacht verschwende?!

Mein Gemüt einst so ausgeglichen und klar, nun fast gänzlich trüb. Nun wieder zwingts mich, Euch mein Freund warten zu lassen. Denn meine grässlich, ja hässlich und kränklich Haut giert nach Lotion!

Ölig, wie eine Ölsardine meld ich mich zurück – und auch fast so tot…
Ich führe ein aussichtsloses Leben und eine Gier meines Innern will’s beenden. Doch da ist was anderes, tief, so tief in der tiefsten Höhle meiner Seele, dort wo Fledermäuse an den Füssen von der Decke hängen, dieses Etwas hält mein verdürstet Sein zurück! O mein Freund, wieso kann ich diese Misere des stetigen Verfalls, ja Zerfallens nicht mit unerträglicher Leichtigkeit beenden?! Freu ich mich meines Lebens zu sehr? Oder bin ich von feiger Natur? Tendieren tut’s mich Letzterem…

Überall ist Bitterkeit, Verzweiflung und der Tod. Not und totes Fleisch - … In meinen jungen Jahren, dennoch so verbittert wie ein alter Tattergreis. So verderbt und bitter. Es ist so bitter, mein Herz so bitter und ich mag es, weil es bitter ist…

Hoffte heute auf eine Lieferung meiner Bestellungen. Doch nichts geschah, wollte eintreffen. Ersätzlichst hin ein Brief Deiner Gestalt! O, welch Freudgefühl kam in mir hoch! Anfänglich las sich schwer Dein Wortgebild. Eure Hand war ins Unerkennbare abgedriftet.

O, Freund, werde morgen wieder dem gewohnten Gang nachgehen. Zur Arbeit pilgern. Woher der Wandel? Ich bin gestärkt. Stark sein und über die Schwachen spotten. Hohn und Schande über sie! So solls denn sein.

Mein arm verkümmert Freund, nur zu gut weiss ich um Euren Schmerz, Euer Leid, Euren Kummer! Geht’s mir doch zu oft so!

Ich bin verdammt auf Ewig abhängig zu sein. O meine frigide Seele komm und eile herbei. Brauche Dich in meiner Not! Es ist eine stinkende Welt!!!
HASS auf meine Gefühle und Emotionen! Ich durchschreite eine Hölle, wie nur Ihr sie kennt.

Nathanael, Freund, ein Treffen schlag ich vor am Wochenende. Am Nachmittag am Sonntag? Nicht draussen umherwandern, wie wir dies so oft getan, zu kalt ist die Kälte. Kommt zu mir, ich bin daheim.

Aussprechen, Reden, einander gegenseitig neuen Lebensmut einhauchen!
Kommt und besucht mich. Denn ohnehin ist alles übel! Und Übel ist alles!

Es grüsst Euch Euer Blutsbruder
Lothar aus dem sumpfigen Hopes End, dem Höllenpfuhl.

Nun denn, gut Nacht.

© Navi M.