Donnerstag, 9. März 2006

Auf dem Friedhof von Montmartre


9. März 2006


«Auf dem Friedhof von Montmartre, weint sich aus der Winterhimmel.»

Kalt, die Luft im Februar. Meine Beine spüre ich kaum noch, doch das ist egal. Ich denke an den Weihnachtsabend. An jene verhängnisvolle Nacht… Was muss er für Schmerzen gehabt haben. Was für Qualen muss er gelitten haben. Stundenlang, und dann spürte er nichts mehr.
Es hat angefangen zu schneien. Schon wieder. Liegt doch schon ein ganzer Meter Schnee. Die Gräber tragen weisse Mützen. Der Friedhof sieht in der Winternacht aus, wie auf einem schönen Gemälde. Ich entflamme das Streichholz und zünde mit seiner Flamme den Docht der roten Grabkerze an. Die Schatten der reliefartigen Buchstaben seines Namens tanzen. Tanzen auf kalten Stein. Mich fröstelt, als ich seinen Namen lese. Erik, warum nur Erik? Was habe ich nur getan?!

Die Erinnerung an den Weihnachtsabend holt mich ein. Ich sehe uns. Erik und ich tanzend am "Totentanz". Um uns herum tanzen andere, wie wir. Schwarz. Alle tragen wir schwarze Kleider. Erik trägt ein Hemd aus weisser Seide mit Rüschen und einen schwarzen Blazer. Barock. Ich schaue in seine grünen Augen und spüre Liebe. Wir sind für einander bestimmt.

Zu schnell ist der Ball vorbei. Erik und ich gehen über den Parkplatz. Ich rutsche auf einer vereisten Stelle aus, er fängt mich auf. Wir lachen. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich glücklich. Richtig glücklich. Nach meiner schlimmen Kindheit bei Pflegeeltern, die mich nie gemocht haben, habe ich endlich einen Menschen gefunden, der mich liebt und den ich liebe.

Unbedingt will ich ans Steuer. Zwar habe ich erst den Lernfahrausweis, aber doch beherrsche ich das Fahren schon sehr gut. Erik ist skeptisch. Meint, es sei zu gefährlich. Ich bestehe darauf. Bis er nachgibt, schaue ich ihn mit grossen Augen an. Er lächelt, wobei seine langen Eckzähne zum Vorschein kommen. Schon wirft er mir die Autoschlüssel zu.

Die Strassen sind weiss. Die ganze Landschaft scheint im Schnee zu ertrinken. Erik sagt mir, wie sehr er mich liebt. Alles ist perfekt.

Ich trete auf die Bremse! Reisse das Steuer herum! Alles dreht sich! Ich habe keine Kontrolle mehr über den Wagen. Eich wuchtiger Schlag! Der Aufprall. Der Airbag! Ein schwarzer Schleier fällt. Ich verliere das Bewusstsein.

Erik sitzt neben mir. Von Zweigen und Metall durchbohrt. Doch er lebt. Alles bekommt er mit. Er muss schreckliche Schmerzen haben. Blut läuft aus seinem Mund.
Davon wüsste ich nichts, hätte ich nicht die Polizeifotos gesehen. Als die Feuerwehr ihn nach zwei Stunden aus den Trümmern seines Autos holt, stirbt er.

Ich sehe seine grünen Augen, ebenso grün, wie die Pille mit dem Totenkopf. Seine grünen Augen. Er liebt mich. Die grüne Pille. Sie verspricht mir Spass. Erik ist gegen Drogen. Ich ja auch, aber… Erik ist tot… ich auch – irgendwie.

Wegen einer Frau und einer Elefantenherde, die aus vielen rosa Elefanten bestanden hat, hab ich meinen Freund getötet. Eine Halluzination. Grüne Pillen und rosa Elefanten.

Ich kann mich nicht mehr bewegen. Zu kalt ist der Winter. Ich weine im Schnee liegend. Der Himmel weint auch, ich spüre seine Tränen auf meiner Haut.
Wir weinen. Erik im Himmel und ich auf der Erde.

Ich lege mich vor sein Grab. Die Glieder sind steif. Ich bin müde. Der schwarze Schleier. Ich sterbe…

Erik, bald schon werde ich bei DIR sein.


© Navi M.