Donnerstag, 30. November 2006

Die Hieroglyphen eines Flyers


Ich stehe hinter der Kasse und was tue ich? Genau kassieren. Kommt eine Kundin und legt einen Artikel hin, der während der Eröffnung einiges günstiger war. Die Eröffnung war vor einer Woche. Ich nötige den müden Scanner, der seine Arbeit wohl nicht sonderlich mag, den EAN-Code einzulesen. Er reagiert wieder nicht. Gut, dann schüttle ich dich eben wieder wach. Aha, nun sind wir wach und lesen auch ganz brav diese schwarzen Balken ein. Der Preis erscheint auf dem Display und ich nenne ihn der Kundin. Diese echauffiert sich: "Sie wissen aber schon, dass das im Katalog nur die Hälfte kostet!" Möglich wär's ja. Also frage ich sie ganz höflich in welchem Katalog sie den Preis denn gesehen hätte. "Haben sie es im Hauptkatalog gesehen?"
"In dem der kürzlich kam!" Ich hole den Hauptkatalog hervor und frage sie, ob es in jenem gewesen sei. "Nein! Dieser Dünne, der vor etwa 2 Wochen im Briefkasten lag!" Sie kramt den Eröffnungsfyler hervor und deutet triumphierend auf den dort angegebenen Preis: "Sehen sie!" Ihrem Mann scheint das Gehabe seiner Frau sichtlich peinlich. Ich zeige ihr auf dem Flyer die Daten. Und was steht da zu lesen? Eröffnungspreise vom...bis. Genau 3 Tage waren die Preise so. Es steht sogar in grossen orangen Lettern auf der Hauptseite des Flyers. Ihr Mann: "Siehst du! Ich habs dir doch gesagt." "Schon gut! Ist ja nicht meine Schuld, dass der Flyer so unübersichtlich ist!" "Lesen muss man eben können, Schatz."
Und somit hat ihr Gatte alles gesagt, was es da noch zu sagen gegeben hätte.

Am zweiten Eröffnungstag kommt eine Kundin und legt mir einen Stoss Bücher für ca. CHF 210,- hin. Ich lese sie, im stetigen Machtkampf mit dem Scanner, ein und nenne er ihr den Preis. Sie starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an, gerade so als hätte eben eines ihrer Kinder seine Schokoladenhände an ihrem Pelzmantel abgewischt. "Wie, was?!" "210 Franken macht das" "Das ist aber ohne Rabatt!" Erst verstehe ich gar nicht was die gute Frau meint. Wieso sollte sie Rabatt erhalten? Bevor ich nachfragen kann, antwortet sie mir auf eine nicht gestellte Frage: "Hier im Flyer steht gross..." und sie deutet mit ihrer blutrot lackierten Kralle auf den Schriftzug des Flyers, der ihr und mir und jedem der sich für den Flyer interessiert mitteilt: 50% Eröffnungsrabatt auf alle CDs, DVDs, Kalender und Boutiqueartikel. Ich nicke und mache sie darauf aufmerksam, dass da nichts von Büchern steht. Sie bezahlt und giftet im Hinausgehen ihre Kollegin an: "Das hätte man auch draufschreiben können! Dann heisst es grossartig 50% und dann sowas! So fängt man Kunden! Betrug ist sowas!"

Sonntag, 26. November 2006

Fanlliebe


26. November 2006

Der Bassist einer sehr erfolgreichen Band sagte in einem Interview, dass sie, die Fans, sie, die Band, entführen, ihnen folgen und sie missbrauchen sollen. Wie ernst er das gemeint hat weiss keiner. Er hätte auch nicht gedacht, dass es in der Schweiz so kranke Menschen gibt, die sich denken, na gut, wie du willst.
Ich bin einer dieser kranken Menschen. War ich doch neulich mit einer Freundin am Konzert eben dieser Band. Meine Freundin hatte damals und noch heute Gefallen am Schlagzeuger gefunden. Ich verliebte mich in den Bassisten, der so gottvergessen schön ist. ♥_♥ Für uns war klar, wir müssen etwas unternehmen, ansonsten sehen wir die nie wieder. Gesagt getan? Nein. Wir gingen ohne zu handeln nach hause und waren tot betrübt.

Ein Bekannter aus Deutschland bot sich an, den Bassisten zu entführen, einfach damit ich wieder glücklich sein kann. Gesagt getan? Righty right!
Ich liess mir von einem Bekannten einen 170X200X200 (HxBxT) gläsernen Kasten in Holzfassung zimmern. Er baute den Kasten in meinem Arbeitszimmer zusammen und dachte, es wäre für ein neues Fotoshooting. Meine abstrakten und teilweise recht wunderlichen Fotografien kennt er ja schliesslich gut, also stellte er auch keine Fragen.
Ich ging zum Gestüt in der Nähe um mir Boxeneinstreu in Form von Sägespänen zu besorgen. Netterweise bekam ich eine ganze Karre umsonst. Ich streute den Glaskasten aus. An die Luftlöcher an den Seiten und in der Decke hatte er also auch gedacht. Perfekt. Ich befestigte eine Wasserflasche an der Halterung - sonst wäre mein armer Bassist verdurstet. Er hatte alles, was er brauchte. Wasser, eine Schale Reis und ein Laufrad, damit er nicht verkommt. So der gläserne Käfig war fertig.
Am Abend kam mein Bekannter vorbei. Er trug eine Art Leichensack auf den Schultern. Darin war mein Bassist. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Juhuuu. Er war noch betäubt. Mein Bekannter setzte ihn im Käfig ab und ging wieder. Ich verschloss die Tür des Glaskastens und kochte Abendessen: Sushi. Schliesslich war der Bassist Japaner.
Ich stelle einen Teller mit frischen Sushi durch die kleine Luke in den Glaskasten und wartete. Ich muss einige Stunden gewartet haben, denn ich schlief ein. Geweckt wurde ich von den Sonnenstrahlen, welche durch die kleinen Ritzen der Holzläden schienen. Vor mir im Glaskasten sass mein Bassist. MEIN Bassist. Er war also zu sich gekommen. Dieses Freudengefühl, das ich hatte, ist kaum zu beschreiben. Es war so herrlich. Ich hatte, was ich wollte! Er gehörte mir! Mein. Mein Eigentum!
Leider wollte er nicht mein lebendiges Plüschtier sein. Er machte Zicken, prügelte gegen das Glas und klang sehr zornig. Ich konnte ja kein Wort verstehen. Wie auch?

Also brachte ich ihm einen Block und einen Kugelschreiber. Er schrieb mir eine ganze Menge japanischer Zeichen auf und gab mir den Block mit grimmiger Miene zurück. Ich setzte mich hin und holte einen japanisch-deutsch Dix hervor und musste jedes verdammte Zeichen nachschlagen. Es hatte keinen Wert. Einen Teil konnte ich verstehen - nach etlichen Stunden des Übersetzens. Er wollte raus, wissen, was das sollte und was ich vor hatte. Tja, ich konnte es ihm nicht verständlich machen, dass er nun mein Besitz war und somit mein lebendiges Plüschtier zum knuddeln. Als ich den Glaskasten betreten wollte, griff er mich an. Also ging ich nicht mehr hinein.

Ich brachte ihm auch nichts mehr zu essen und auch kein Wasser. Das hatte er davon. Ich wollte ihm ja nichts antun, obwohl er das nach seiner Aussage in diesem Interview gewollt hätte. Ich wollte nur eine lebendige Puppe zum knuddeln und schminken und gern haben. Er konnte das nicht verstehen. Selbst Schuld.
Er lebt noch immer. Liegt in den Sägespänen und verdurstet langsam. Ich denke, ich werde ihm nachher eine Flasche Wasser bringen. Mal sehen, vielleicht können wir ja noch mal von vorne anfangen? 



© Navi M.