Sonntag, 26. November 2006

Fanlliebe


26. November 2006

Der Bassist einer sehr erfolgreichen Band sagte in einem Interview, dass sie, die Fans, sie, die Band, entführen, ihnen folgen und sie missbrauchen sollen. Wie ernst er das gemeint hat weiss keiner. Er hätte auch nicht gedacht, dass es in der Schweiz so kranke Menschen gibt, die sich denken, na gut, wie du willst.
Ich bin einer dieser kranken Menschen. War ich doch neulich mit einer Freundin am Konzert eben dieser Band. Meine Freundin hatte damals und noch heute Gefallen am Schlagzeuger gefunden. Ich verliebte mich in den Bassisten, der so gottvergessen schön ist. ♥_♥ Für uns war klar, wir müssen etwas unternehmen, ansonsten sehen wir die nie wieder. Gesagt getan? Nein. Wir gingen ohne zu handeln nach hause und waren tot betrübt.

Ein Bekannter aus Deutschland bot sich an, den Bassisten zu entführen, einfach damit ich wieder glücklich sein kann. Gesagt getan? Righty right!
Ich liess mir von einem Bekannten einen 170X200X200 (HxBxT) gläsernen Kasten in Holzfassung zimmern. Er baute den Kasten in meinem Arbeitszimmer zusammen und dachte, es wäre für ein neues Fotoshooting. Meine abstrakten und teilweise recht wunderlichen Fotografien kennt er ja schliesslich gut, also stellte er auch keine Fragen.
Ich ging zum Gestüt in der Nähe um mir Boxeneinstreu in Form von Sägespänen zu besorgen. Netterweise bekam ich eine ganze Karre umsonst. Ich streute den Glaskasten aus. An die Luftlöcher an den Seiten und in der Decke hatte er also auch gedacht. Perfekt. Ich befestigte eine Wasserflasche an der Halterung - sonst wäre mein armer Bassist verdurstet. Er hatte alles, was er brauchte. Wasser, eine Schale Reis und ein Laufrad, damit er nicht verkommt. So der gläserne Käfig war fertig.
Am Abend kam mein Bekannter vorbei. Er trug eine Art Leichensack auf den Schultern. Darin war mein Bassist. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Juhuuu. Er war noch betäubt. Mein Bekannter setzte ihn im Käfig ab und ging wieder. Ich verschloss die Tür des Glaskastens und kochte Abendessen: Sushi. Schliesslich war der Bassist Japaner.
Ich stelle einen Teller mit frischen Sushi durch die kleine Luke in den Glaskasten und wartete. Ich muss einige Stunden gewartet haben, denn ich schlief ein. Geweckt wurde ich von den Sonnenstrahlen, welche durch die kleinen Ritzen der Holzläden schienen. Vor mir im Glaskasten sass mein Bassist. MEIN Bassist. Er war also zu sich gekommen. Dieses Freudengefühl, das ich hatte, ist kaum zu beschreiben. Es war so herrlich. Ich hatte, was ich wollte! Er gehörte mir! Mein. Mein Eigentum!
Leider wollte er nicht mein lebendiges Plüschtier sein. Er machte Zicken, prügelte gegen das Glas und klang sehr zornig. Ich konnte ja kein Wort verstehen. Wie auch?

Also brachte ich ihm einen Block und einen Kugelschreiber. Er schrieb mir eine ganze Menge japanischer Zeichen auf und gab mir den Block mit grimmiger Miene zurück. Ich setzte mich hin und holte einen japanisch-deutsch Dix hervor und musste jedes verdammte Zeichen nachschlagen. Es hatte keinen Wert. Einen Teil konnte ich verstehen - nach etlichen Stunden des Übersetzens. Er wollte raus, wissen, was das sollte und was ich vor hatte. Tja, ich konnte es ihm nicht verständlich machen, dass er nun mein Besitz war und somit mein lebendiges Plüschtier zum knuddeln. Als ich den Glaskasten betreten wollte, griff er mich an. Also ging ich nicht mehr hinein.

Ich brachte ihm auch nichts mehr zu essen und auch kein Wasser. Das hatte er davon. Ich wollte ihm ja nichts antun, obwohl er das nach seiner Aussage in diesem Interview gewollt hätte. Ich wollte nur eine lebendige Puppe zum knuddeln und schminken und gern haben. Er konnte das nicht verstehen. Selbst Schuld.
Er lebt noch immer. Liegt in den Sägespänen und verdurstet langsam. Ich denke, ich werde ihm nachher eine Flasche Wasser bringen. Mal sehen, vielleicht können wir ja noch mal von vorne anfangen? 



© Navi M.