Montag, 22. Dezember 2008

Winter


22. Dezember 2008

Winter... Kalter Wind...
Es sind noch wenige Tage bis Weihnachten. Drei Tage noch. Die Bahnhofsuhr zeigt 17:34 Uhr. In wärmende Jacken und Mäntel gehüllt stehenden Zugreisende von überall her wartend auf dem Bahnsteig. Ab und an erwischt uns eine Böe kalten Windes.

Mein I-Pod spielt Songs von ムック. Ich sitze wartend auf der Bank auf dem Bahnsteig 12. Da höre ich eine in einen roten Parka gekleidete Frau abermals «Hallo?» rufen. Ich drehe mich um und sehe ein altes Mannlein, das auf dem Weg zum Perron auf dem Boden sitzt. Zusammengebrochen. Drei Menschen sind da um dem Mann zu helfen. Die Frau im roten Parka ruft unnachgiebig »Hallo? Hören sie mich?«. Sie redet auf den Mann ein, dass er nicht das Bewusstsein verliere. Ein weiterer Passant alarmiert den Krankenwagen.

Ich schaue wieder in die Ferne. Doch mein Zug kommt noch immer nicht. Die Menschen auf dem Bahnsteig glotzen runter zu dem Mann und den drei Helfern. Sie reden und starren. Ich schaue nicht mehr hin. Ich höre nicht mehr hin. Zu unangenehm wäre es mir, wäre ich dieser alte Mann, da auf dem kalten Boden, von zahlreichen Augenpaaren begafft... Unmöglich verhält sich der Mensch, denke ich. Meine gute Stimmung ist im Eimer. Meine Misanthropie ist wieder da. Die Misanthropie und das grosse Mitleid mit den Menschen.

Die S8 fährt ein. Endlich. Die Passanten scheinen ihren Zug vergessen zu haben, noch immer glotzen sie zu dem Mann. Ich höre die Frau im roten Parka zu jemandem sagen, ob er bei dem Mann bleiben könne. Sie muss weiter - mit der S8.

Als ich im Zug sitze bemerke ich, wie die Leute, eben noch auf dem Bahnsteig gestanden nun im Zug sitzen und weiterhin versuchen Blicke auf den Mann zu erhaschen. Mein I-Pod spielt nun 最終列車(dt. der letzte Zug). Ich überlege, ob ich das auf den Mann beziehen soll? Vielleicht ist sein letzter Zug abgefahren? Was für ein Schock muss das für die Hinterbliebenen sein?

Die S8 setzt sich in Bewegung. Die Fahrgäste drehen ihre Köpfe und schauen zurück zum Bahnhof, vielleicht bekommt man ja noch etwas mit von dem alten Mann?
Ich hänge meinen Gedanken zum Menschenmüll nach und betrachte die Schneeflocken, die sich in der Luft verlieren...

© Navi M.

Donnerstag, 18. September 2008

Schulbeginn



 18. September 2008

Da ich mich entschlossen hatte, die BM Easy zu machen musste ich wieder zur Schule. Aus welchem Grund auch immer fand ich mich dazu in Japan wieder. Meinen Rollkoffer hinter mir herziehend ging ich einen Schotterweg entlang. Hohe Hecken, frisches Gras und zu meiner Linken erstreckten sich Felder, auf denen Grüntee gedeihte.
Ich ging weiter, entlang an Müttern die mit ihren Kindern spielten. Schmetterlinge flogen durch die Gegend und wurden zu bunten Farbtupfern inmitten von lauter Grün. Die pure Idylle. Den Weg zum Ryokan kannte ich, da ich schon mal da gehaust hatte. Allerdings liess ich mich von der Schönheit der Gegend in den Bann ziehen, dass ich vergas abzubiegen und mich plötzlich auf dem Bergweg wiederfand, von dem aus ich auf die Dächer und den Garten des Ryokans blicken konnte. Also musste ich zurück.
Ich durchquerte den Garten und ging in eines der Häuschen. Wieso auch immer. Ich wusste, dass die Rezeption ganz hinten lag. Im Computerraum sassen zwei Jungs. Wir grüssten einander flüchtig. Auf dem Weg zur Rezeption suchte ich verzweifelt nach meinem Pass. Wo hatte ich den hingelegt? Habe ich ihn etwa zuhause vergessen? Nein, das kann nicht sein, ich musste ihn ja bei der Einreise vorweisen. Wo zur Hölle ist nur dieser verdammte Pass?! Anstelle meines Rollkoffers hatte ich nun eine grosse Tasche dabei, in deren Seitenfach sich mein Pass befand. Juhu
Ich bezog mein Zimmer und legte mich erstmal schlafen. Am nächsten Tag sollte ich den ersten Schultag antreten. 
Der Weg zur Schule war nicht allzu weit. Ich konnte ihn bequem zu Fuss gehen. Dort angekommen kam bereits das zweite Problem auf mich zu. In welches der vielen Gebäude muss ich wohl? Super, ich hatte den Zettel mit der Nummer des Klassenzimmers vergessen. Das fängt ja gut an! Mit nur 2 Minuten Verspätung betrat ich den Klassenraum. Zu meinem Erstaunen sah der Raum genauso aus wie mein Klassenzimmer in der Oberstufe. Die gleiche Lehrerin unterrichtete. Es war Frau Kauz. Als ich sie erkannte, hatte ich angesichts der Tatsache, dass ich mich verspätet hatte ein ganz ungutes Gefühl und stellte mich auf eine Rüge ein. Doch sie lächelte mir zu. Es hatte noch drei freie Plätze. Ich konnte mir aussuchen neben wem ich sitzen wollte. Eigentlich mag ich das nicht. Ich bin gerne die Erste, sodass die anderen entscheiden müssen, ob sie neben mir sitzen möchten oder nicht.
Frau Kauz schrieb alle Fächer an die Tafel und fragte uns, zu welchem wir etwas lernen wollten. Daher auch Berufsmatur Easy. 
Gleich am ersten Tag bekamen wir Hausaufgaben auf. Mathematik und sämtliche Kana sollten wir bis zum nächsten Tag machen.
Der erste Schultag dauerte nicht allzu lange. Meine Sitznachbarin, He-Ju, und ich gingen nach der Schule die Stadt erkunden. 
Am nächsten Tag war ich wieder zu spät. Was war mit mir los? Sonst bin ich immer überpünktlich. Diesmal war ich allerdings rechtzeitig beim Unterricht. Frau Kauz wollte unsere Hefte mit den Hausaufgaben sehen. Scheisse! Die hatte ich komplett vergessen. Da ich ihr aber versicherte sämtliche Kana bereits zu können musste ich nach vorne gehen und alle in korrekter Schreibweise an die Tafel schreiben. Somit war Frau Kauz wieder beruhigt. In der folgenden Stunde mussten wir japanische Gedichte lesen. Ich musste nach vorne und eines vortragen. Ich war mir meiner Sache sicher. Stolz keimte in mir auf, dass ich alle Kanji im Text kannte. Doch dann wurde es kälter. Ein kalter Schauer durchzog mich. Ich blickte auf und sah mitten im Gang zwischen den Bankreihen ein Mädchen stehen. In einem weissen Kleid mit schwarzen Lackschuhen. Die langen Haare hingen ihr ins Gesicht, sodass man dieses nicht sehen konnte. Sadako! Ich dachte an リング. Allerdings passten die Lackschuhe nicht. Erst dachte ich, meine Klasse will mir einen Streich spielen. Als ich mit dem Gedicht fertig war ging zurück an meinen Platz. Das Mädchen stand direkt neben meinem Tisch. Es war still in der Klasse und ich konnte das Atmen des Mädchens hören. Es glich eher einem Röcheln. Im Zimmer wurde es düster. Meine Klassenkameraden waren nur noch schemenhaft zu erkennen. Ich ging an ihr vorbei und setzte mich an meinen Tisch. Niemals hätte ich das Mädchen angestarrt! Panische Angst durchfuhr mich. Ich dachte an ihre Augen, welche mich anstarren würden. Sie stand noch immer neben mir. Mein Blick war stur nach Vorne gerichtet. Ich spürte, wie ich zitterte, wie mir beinahe die Luft wegblieb. Es ist doch nur ein Film! Nur ein Film! Ein Film! Keine Realität! Nur ein Film! Doch es war real. Sie stand neben mir im Schulzimmer! Sie bewegte sich. Sie drehte ihren Kopf in meine Richtung. Sie beugte sich runter zu mir. Ich spürte ihren Blick auf mir Ruhen. Er durchbohrte mich förmlich, obschon ich sie noch immer nicht anzusehen im Stande war. Sie kam immer nähre. Ihre Gesicht war dicht an meinem Wenige Centimeter trennten uns von einander. Ich spürte ihren Atem. Er war eisigkalt. In den Augenwinkeln konnte ich ihr Gesicht sehen. Hellblau und eiskalt. Ihre Augen starrten, schienen zu warten bis ich den Kopf drehte. Ich zitterte und versuchte sie zu ignorieren. Es gelang mir nicht. Ich sass da wie gelähmt. Ich rang nach Luft. Sie neben mir. Was konnte ich tun? Es kam mir vor wie Stunden!
Dann war es wieder hell im Schulzimmer. Das Mädchen war noch immer neben mir. Allerdings nahm sie ihre Haare vom Kopf. Ich blickte grauenerfüllt zu ihr. Ein Junge aus meiner Klasse grinste mich an. Ich war noch immer starr vor Schreck und fragte nur mit zittriger Stimme: Das warst du? Er grinste und nickte. Am liebsten hätte ich ihm eine geschmiert, doch ich konnte nicht. Noch immer sass ich wie gelähmt da.

© Navi M.

Dienstag, 2. September 2008

Zug 236.781.006


Sonntagmorgen 6:46 Uhr. Sie sitzt im Zug. Ist auf dem Weg zur Arbeit. Schon wieder wird sie ihren freien Sonntag in ihrem Büro verbringen. Der Wagon ist leer, bis auf den Platz vorne rechts am Fenster. Da sitzt sie. Sie trinkt ihren Kaffee, ohne den sie nicht in die Gänge kommen würde. Seit sie diesen Job hat, haben sich nicht nur die Arbeitsstunden verdoppelt sondern auch ihr Kaffeekonsum. Sie nimmt einen Schluck und sieht zu wie es Tag wird. Ein ruhiger, sonniger Herbsttag. Sie freut sich auf einen warmen Tag.
Die nächste Station wird angesagt. Der Zug hält. Sie findet es erst nicht seltsam, dass der Zug nicht am Bahnhof sondern weit davor stehen bleibt. So etwas kommt ja schliesslich öfters vor.
Die Lautsprecher scheinen eingeschaltet zu sein. Ein Rauschen ist zu hören. Harmlos und doch unschön. Sie denkt an den Fernseher aus "The Ring" und muss lächeln.
Sie schaut wieder aus dem Fenster und sieht auf der rechten Seite direkt am Bahngleis ein altes Haus stehen. Obwohl sie diese Strecke jeden Tag fährt, ist ihr dieses Haus noch nie aufgefallen. Das Rauschen aus dem Lautsprecher wirkt immer bedrohlicher. Das ganze Geschehen wirkt unheimlich auf sie. Eine höchst unheimliche Atmosphäre denkt sie. Das Haus scheint steinalt zu sein und doch hätte sie schwören können, dass es noch nie dort gestanden hat. Kaputte Fensterscheiben hinter die Bretter genagelt worden waren. Risse im Gemäuer, tief und breit. Schmutzige Vorhänge. Vergammelte Pflanzen um das Haus herum. Toter Efeu an den Mauern. Spinnennetze, Bienenstock, Misthaufen oder Kompost auf dem sich Maden tummeln. Angewidert schaut sie weg. Aus dem Lautsprecher sind nun neben dem Rauschen auch Stimmen zu hören. Eine dumpfe, röchelnde und hohe Stimmen, welche irgendwelche Laute von sich geben, und diese sind kaum zu hören, denn das Rauschen der Lautsprecher wird immer unerträglicher.
Sie steht auf, geht zu den Türen und will hinaus. Doch die Türen bleiben verschlossen. Sie geht wieder zu ihrem Sitzplatz zurück mit dem unguten Gefühl beobachtet zu werden. Tatsächlich! Einer der Vorhänge hat sich beweg! Oh Gott! Nun glaubt sie zu vernehmen, dass etwas um den Zug herum schleicht. Sie spürt die Panik in sich aufsteigen und rennt wieder zur Tür, die sich noch immer nicht öffnen lässt. Sie zieht am Hebel der Notöffnung.
In den Wagons hinter dem Ihren, sind etwa zehn Leute verteilt. Vor den Türen standen Männer mit Schweineköpfen, die sie als Masken tragen. Bedrohlich führen sie Messer und Stichwerkzeuge mit sich. Die Türen lassen sich von Aussen nicht öffnen. Die Menschen beten und hoffen, dass die Türen verschlossen bleiben  und der Zug sich bald wieder in Bewegung setzen möge.
Alle Türen öffnen sich. Die Menschen in dem hinteren Zugteil versuchen zu fliehen. Die Maskierten sind jedoch schneller. Ein Fahrgast nach dem anderen wird aus dem Zug geholt.
Sie springt aus dem Wagen, direkt in die Arme einer der Schweineköpfe. Auch sie wird mit allen anderen in das unheimliche Haus geschleppt...
Der Zug fährt weiter, Luzern entgegen.

Sonntag, 3. Februar 2008

Das liebe Telefon





Hätte Samuel F. Morse damals nicht den Telegraphen erfunden, hätten wir heute möglicherweise kein Telefon.
Kein Telefon zu haben kann manchmal ein Segen sein!

- Klingelnde Handys deren Lautstärke das Maximum erreicht hat
- ins Handy brüllende Telefonierende die den ganzen Zug unterhalten
- ...

Klingelt das Telefon. Eine Frau, deren Namen, da nicht so gebräuchlich hier, ich beim ersten Mal nicht grad verstehe. Daher frage ich nach und die werte Dame schiesst ihren Namen nochmals durch die Leitung - gleich unverständlich wie beim ersten Mal, also frage ich nochmals nach.
Sie nennt mir ihren Namen nochmals mit der Betonung, dass SIE im Verwaltungsrat meines Geschäfts sei: "Sind sie neu?!"
"Ich arbeite seit Mai hier."
"Aber dann haben wir uns sicher schon an einer GV gesehen!"
"Nein da bin ich nicht anwesend." ...

Madame scheint gut informiert zu sein, über den Betrieb, dessen Verwaltungsrat sie beisitzt. Denn, auf der Website des Unternehmens sind ALLE Mitarbeiter abgebildet, mit Name und kurzem Text. Würde sie die Page anschauen, wüsste sie dass ich nicht neu bin. Was solls.

Sie bestellt zwei Bücher. Und jetzt folgt eine dieser geliebten Unterhaltungen:
"Dann brauch ich noch eines."
"Ja?"
"Halo? Ich brauche noch eines!"
"Und was wäre das?"
"Na irgend etwas!"
-> So langsam bildet sich ein grooooosses Fragezeichen <-
"Einen Tipp! Ich brauche eine E M P F E H L U N G!"
"Ahaaa."
"Ja! Was können Sie mir da empfehlen?!"
"Juuuu, da fragen sie die Falsche. Ich lese so etwas nicht. Aber ich leite es gerne an eine Ladenperson weiter."
"Ihr Chef (sie nennt ihn beim Nachnamen, unwissend, dass wir alle Du zu ihm sagen...) hat mich da immer SEHR gut beraten!"
"Ich werde es in diesem Fall an ihn weiterleiten."
"Danke! Wie war noch mal ihr Name!"
"Muntwyler.", natürlich spreche ich schön langsam und deutlich damit Madame den Namen auch richtig wiedergeben kann, im Falle einer Beschwerde, welche nicht lange auf sich warten lässt.
Juuuu meine Menschenkenntnis wird immer besser *g*