Samstag, 28. September 2013

Auf der Kippe

Ihr Spiegelbild schien nicht real. Diese Frau im Spiegel war nicht sie. Konnte nicht sie sein. Die aufgeplatzte Lippe. Die eingetrockneten Blutspritzer in ihrem Gesicht. Das einst weisse und nun blutgetränkte Sommerkleid. Das dunkelblaue, ja fast schwarze, und stark angeschwollene rechte Auge. Von ihrem perfekt gezogenen schwarzen Liedstrich waren nur noch dunkle Linien geblieben. Ihr Lieblingseyeliner von Shiseido, der sie gestern noch so schön hatte aussehen lassen, hatte sie über Nacht in ein Monster verwandelt. Sie war nur noch ein Schatten ihres Selbst. 
„Das bin nicht ich!“
Sie schaute diese Fremde im Spiegel an, und diese starrte einfach nur zurück. Ein Paralleluniversum musste einfach existieren. Eine andere Welt, in der sie jetzt fröhlich lächelnd vor dem Spiegel stand und sich frisierte. Tränen rannen über ihre Wangen. Tränen der Verständnislosigkeit. Tränen der Angst, der Verzweiflung – des Hasses.
Den Blick nicht von ihrem entstellten Ebenbild abwendend tastete sie nach ihrem Skalpell. Doch sie verspürte keinen Schmerz. In ihrem Bein klaffte eine breite lange Wunde. Das Blut tropfte auf den Boden, wo es eine kleine Lache um ihren Fuss bildete. Wieder und wieder zog sie die kalte Klinge durch ihre nackte Haut. Nichts! Die sonst übliche Erleichterung wollte nicht eintreten. Die Klinge fiel zu Boden. Sie verliess das Badezimmer.
Neben dem Bett auf dem Boden kauernd, sann sie über den vergangen Abend nach. Wie hatte er das tun können? Wie hatte sie es soweit kommen lassen können? War sie jemals glücklich mit ihm gewesen?
Natürlich hatten sie schöne Stunden miteinander verbracht, aber auch oft gestritten. Viel zu oft. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er ihr zum ersten Mal physischen Schmerz bereitet hatte. Es war wohl schon zu weit zurück. In letzter Zeit kam es jedoch immer öfter vor, dass er ihr wehtat. Seine Wut an ihr ausliess. All seine aufgestauten Aggressionen. Wieso, wusste sie nicht.
Sie dachte an ihre beste Freundin, die neulich am Telefon zu ihr sagte, dass sie sie nicht mehr wiedererkennen würde: „Ich habe immer zu Dir aufgeblickt! Du warst immer mein Vorbild! Was ist passiert?! Wieso lässt gerade du dir so etwas gefallen?!“ Sie wusste es nicht. Wann hatte diese negative Metamorphose begonnen? Früher hatte sie sich von Niemandem etwas gefallen lassen. Wenn einer nicht so wollte wie sie, dann konnte er gehen. Dass Vanessa, ihre beste Freundin, jedoch zu ihr aufgeblickt hatte, erstaunte sie zutiefst. War sie es doch, die Vanessa immer verehrt hatte. Vanessa war eine so starke Persönlichkeit und sie war stolz darauf mit dieser Amazone befreundet sein zu dürfen.
Und nun? Sie war ein Nichts! Wegen ihm hatte sie sich von ihren Freunden abgewandt. Sogar ihrem Pferd hatte sie den Rücken gekehrt, weil der Freund wichtiger war. Ihr Freund. Ihr erster Freund. Alle wollten ihn, und sie hatte ihn! Was hatte sie jetzt davon? Nichts. Sie hatte einen gewalttätigen und jähzornigen Schläger, der zudem seine grosse Liebe in Alkohol und Zigaretten gefunden hatte. Wieso sie so lange mit diesem Menschen zusammen war, konnte sie sich nicht erklären. Was war mit ihr geschehen? Sie hatte ihm immer all ihre Liebe gegeben, doch es war nicht genug. Sie hatte alles für ihn getan, doch es war einfach nicht genug. Stets hatte sie sich ihm unterworfen. Er wollte es so. Er war der Herr. Er hatte das Sagen – immer. Wiederspruch bedeutete Schmerz. Das hatte sie langsam und qualvoll gelernt. Sie hatte ihn nie belogen oder betrogen. Er log ständig und hatte so einige Affären, was sie schon seit längerer Zeit vermutet hatte. Später dann sollte sich ihr Verdacht bestätigen. Sie erfuhr von all seinen Frauen und konnte auch einige Lügen aufdecken. Als sie ihn darauf angesprochen hatte, rastete er aus, stritt alles ab und schleuderte ihr einen seiner Kampfstiefel ins Gesicht. Trotz der Schmerzen hatte sie es gewagt, ja sich erdreistet, etwas zu entgegnen. Die Antwort kam blitzartig auf sie zugeschossen – in Gestalt seiner Faust, die sich ihr zwischen die Rippen bohrte und seinem Kampfstiefel, mit dem er auf sie eingeprügelt hatte, bis die Dunkelheit der Bewusstlosigkeit eintrat.
Während sie weiter darüber nachdachte, entledigte sie sich ihrem steifen Sommerkleid. An manchen Stellen klebte es an ihrer Haut. Klebte das geronnene Blut. Zurück im Badezimmer stellte sie sich unter die Dusche. Das kalte Wasser war eine Wohltat. Sie wusch sich das Blut aus den Haaren und von der Haut. Sie wollte sich reinigen. Sich von ihrer Vergangenheit freiwaschen und so blieb sie über 50 Minuten unter dem kühlenden Wasserstrahl stehen.
Die Frau, die ihr nun im Spiegel entgegenblickte, sah trotz der Verletzungen nicht mehr kaputt und verzweifelt aus. Etwas hatte sich verändert. Die Augen der Frau im Spiegel leuchteten voller Lebensfreude. Auf ihrem Gesicht lag ein triumphierendes Lächeln. In ihren Gedanken sah sie die letzten Bilder ihres Ex-Freundes. Wie sein regloser Körper auf dem Sofa lag. Er hatte keine Macht mehr über sie. 

Im Spiegelschrank stand noch die „Tatwaffe“, welche sie noch zu vernichten hatte. So schraubte sie den Deckel des kleinen dunklen Glasfläschchens auf und goss den tödlichen Rest in die Toilette. Das Fläschchen landete im Abfalleimer. Hervorlugte noch das weisse Etikett auf dem in schön geschwungener Schrift „Wolfswurz“ geschrieben stand. Daneben lag ein Buch mit dem Titel Die tödlichsten Pflanzen Europas.

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