Donnerstag, 3. Oktober 2013

Blut & Schweiss (Endfassung)


Und wieder roch die ganze Büroetage nach diesem schrecklichen AXE-Deo, dessen süsslich beissender Geruch, jedes Mal Übelkeit in ihr hervorrief. Wenn der Typ seine Schweissdrüsen schon nicht operieren liess, wieso konnte er dann nicht wenigsten ein wohlriechendes Deo kaufen? Sie hatte teilweise so gar kein Verständnis für ihre Mitmenschen. Des Weiteren verstand sie nicht, wieso sie eine solche Deo-Dose auf ihrem Schreibtisch dulden musste! Überhaupt standen die überall herum! Auf ihrem Schreibtisch. Neben der Pflanze am Empfangsdesk. In seinem Büro standen sie zu dritt herum. In jedem Waschraum – ja auch in dem der Damen. Diese Deos schienen sie zu verhöhnen! Erstens nutzten sie ja doch nichts und zweitens stanken alle einfach nur abscheulich – zumindest an ihrem Chef!
An ihrem Schreibtisch sitzend und eben die Bestellung von ihrem, trotz übermässig mit Deo eingesprühtem beissend nach Schweiss stinkenden, Vorgesetzten lesend spürte sie, wie etwas in ihr tobte. „Es tobt ein Krieg in mir.“ Sie las die Bestellung immer und immer wieder und bemerkte nicht, die blutende Stelle in ihrem Handgelenk, in die sie ihre Fingernägel bohrte. Hasserfüllt.
Guten Morgen L.
Heute wünsche ich zwei Buttergipfel – aber die grossen! Dazu bringen Sie mir zwei Donuts mit Schokoladenglasur! Ach ja, und heute sorgen Sie für ausreichend Zucker in meinem Kaffee. Diese bittere Brühe von gestern war ja unter aller Sau!
Mittagessen: Reservieren Sie mir einen Tisch im Freddy’s! Ich werde alleine essen. Die sollen den Tisch ab 11:00 Uhr freihalten. Ich werde zwischen elf und eins dort eintreffen.
Dann bringen Sie mir die Abschrift von gestern sofort in mein Büro! (ch verstehe ohnehin nicht, wieso die gestern nicht schon auf meinem Tisch lag!)
Dann habe ich Ihnen gegen 10:00 Uhr etwas zu diktieren! Ich erwarte Sie daher pünktlich in meinem Büro!
L griff zum Hörer und wählte die Nummer vom Freddy’s um ihrem netten und wie immer zuvorkommenden Chef einen Tisch zu reservieren. Kein leichtes Unterfangen angesichts des breiten Zeitfensters. Doch, wie immer, schaffte sie es auch heute. War ihr Ekel von Chef dort bestens bekannt und keiner hatte Lust dazu, sich auf eine Debatte mit ihm einzulassen. Einerseits weil er immer gleich sehr laut wurde und die Diskussion gleich darauf fluchtartig zu verlassen pflegte. Ja der gute Herr J. war bekannt – nicht zuletzt wegen dieser beissenden Duftwolke, die ihn umhüllte.
Mit zwei Buttergipfel – aber den grossen, zwei Donuts mit Schokoladenglasur und einer Tasse Kaffee mit Zucker (oder in diesem Fall einer Tasse Zucker mit Kaffee) ging L ins Büro von ihrem sehr beliebten Chef. Schon die grauen Lettern mit seinem Namen auf der Glastür zu seinem Büro liessen sie erschaudern. Sollte er doch noch ungesünder essen (oder in seinem Fall wäre wohl „schlingen“ das bessere Wort) und noch fetter werden. Sein Schweissproblem bekäme er so garantiert nicht in den Griff.
Sie klopfte an und er winkte sie herein. Kaum einen Fuss in seinem Büro, wünschte sie sich nicht in einem dieser neuen minergetischen Gebäuden zu arbeiten, wo sich kein Fenster öffnen liess. Die Luft in diesem quadratischen Raum mit dem grossen, nicht zu öffnenden Fenster, war so dick, man hätte sie mit einem Messer in Scheiben schneiden können.
„Haben Sie meine E-Mail gelesen, L?“ fönte er ihr entgegen, während er sich mit einem Kleenex den Schweiss von der Stirn wischte.
Natürlich hatte sie das!
„Was bringen Sie mir denn da Schönes, L?“
„Ihre Bestellung. Zwei Buttergipfel – aber die grossen mit einer Tasse Zucker mit Kaff- ähm Kaffee mit Zucker. Dazu bringe ich Ihnen zwei Donuts mit Schokoladenglasur.“
Herr J., der von allen nur „der Schwitzer“ genannt wurde, schaute sie prüfend an. „Dann können Sie ja jetzt wieder an die Arbeit! Ich bezahle Sie nicht fürs Rumsitzen! Ist mein Tisch reserviert?!“
Natürlich war er das.
Sie hielt das nicht mehr aus. Was für ein Möchtegern-Despot! Zuhause hatte die Frau die Hosen an und daher spielte er hier den Gewaltherrscher! Wieso war gerade sie seine Assistentin?! Wieso?! Ein Danke oder Bitte war seinem Wortschatz fremd. Aber mit Exklamationszeichen geizte er nie. Dem Typen gehörte einfach mal eine ausgewischt. L setzte sich an ihr Notebook, um sich über einige, ätzende Stoffe zu informieren. Wo wären wir heute ohne Google und Wikipedia?
Nach ihrer Informationsbeschaffung war L zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich froh darüber, in einer Pharmaunternehmung zu arbeiten, hatte sie doch während ihrer exakt 28minüten Mittagspause etwas aus dem Lager zu holen. Ihr guter Freund K würde ihr schon dabei helfen. Mit einem zufriedenen Grinsen nahm sie ihre eigentliche Arbeit wieder auf.
Nach ihrer Mittagspause fand sie eine neue E-Mail vom schweisstriefenden Schwitzer in ihrem Posteingang vor:
Nur zu Ihrer Information: Das Essen im Freddy’s war ausgezeichnet, nur die Bedienung etwas unfreundlich! Sie sorgen dafür, dass ich das nächste Mal zuvorkommend bedient werde! Schliesslich bin ich ein guter Gast und sollte auch so behandelt werden! Das werden Sie nach Ihrem Feierabend machen! Sie werden da vorbeigehen und denen mitteilen, dass ich ein Anrecht darauf habe, zuvorkommend behandelt zu werden!
Ich werde heute Nachmittag früher Feierabend machen. Ich arbeite schliesslich ausgesprochen hart (was man nicht von allen hier behaupten kann). Sie hingegen werden noch Dokument A bearbeiten! Sie wissen schon, das ist irgendwo in diesem grossen Pharmaordner abgelegt. Sie werden es finden! Ich erwarte morgen einen vollständig überarbeiteten Bericht mit Randnotizen! Schliesslich muss ich das bei der Sitzung meinem Boss vorlegen. Also sorgen Sie dafür, dass alles perfekt ist! Ich will mich nicht schämen müssen! Und dieses Mal, erklären Sie diese Fremdwörter gefälligst!  
PS: Bringen Sie mir nochmal so einen Kaffee! Der war nicht so schlecht wie der gestern! Dazu bringen Sie mir noch diese mit Sahne gefüllten süssen Dinger mit dem Puderzucker!
Na wunderbar! Sie wollte heute pünktlich Feierabend machen und mit einem alten Bekannten ins Kino gehen. „Es tobt ein Krieg in mir!“
Sie brachte ihm den Kaffee und die Windbeutel. Der Kaffee allerdings war nicht genau gleich, wie der vom Vormittag. Beinhaltete er dieses Mal ein paar Tropfen einer übern Mittag aus dem Lager geholten Flüssigkeit. „Wohl bekomms!“
Sie würde diese Tropfen allerdings über einen längeren Zeitpunkt anwenden müssen, ehe sich eine Wirkung zeigen sollte. Sie hatte ja Zeit.
Ihr Blick fiel auf die kleine schwarze Deospraydose, die auf ihrem Schreibtisch stand. Sie würde eine aus dem Waschraum der Männer mitgehen lassen. Das war sicherer. Morgen.
Am Tag darauf kam der Schwitzer nur für kurze Zeit ins Büro. L wusste warum. Er setzte sich, wie jeden Morgen, mit seinem breiten Hintern auf ihren Schreibtisch, schaute auf sie herab und gab seine üblichen Floskeln preis: „Na, L. Wie geht es uns denn heute. Ist Dokument A erledigt?!“
Mit der rechten Hand griff er zum Deo und besprühte sich damit. Bereits früh am Morgen zeichneten sich Schweissränder auf seinem Hemd ab. Nicht nur unter den Armen. Wieso trug er auf immer diese hellblauen Hemden? Mit Schwarzen würde diese konstante Bewässerungsanlage immerhin ein wenig vertuschen können.
Etwa 10 Minuten später verliess er das Gebäude fluchtartig und tippte von unterwegs eine E-Mail an L über sein veraltetes Blackberry:
L! Ich werde heute nicht mehr kommen! Sie besorgen das Alltagsgeschäft! Enttäuschen Sie mich nicht!
L grinste fies und dachte sich nur, dass er wohl morgen auch nicht erscheinen wird. Überhaupt die ganze Woche nicht. Ja, gewisse Liquide überzeugen doch in ihrer einfachen Anwendung. Der gute Schwitzer würde nun einige Tage noch übler riechen. Buttersäure richtig eingesetzt, kann wahre Wunder bewirken.
Dies jedoch sollte nur der Anfang sein…
Am darauffolgenden Tag erhielt sie zwei Fläschchen von ihrem Kollegen aus dem Labor. Cyanwasserstoff und Schwefelsäure. Sollte das Eine ihn nicht dahinraffen, dann das Andere ganz bestimmt. L machte sich daran, zwei Deoflaschen zu präparieren.
Zwei Wochen später kam der Schwitzer zurück in die Firma. Der Geruch nach faulen Eiern war verflogen. Natürlich konnte er sich nicht erklären, woher dieser Gestank kam und verdächtige auch keinen der Mitarbeiter. Er glaubte, an eine allergische Reaktion auf irgendetwas.
Kurz nachdem er sich mit der blauen Axeflasche besprüht hatte, ging seine Atmung etwas schwerer. Der Schwitzer hatte zur richtigen Deodose gegriffen, begünstigt doch Schweiss die Aufnahme des Cyanid erheblich, da Blausäure eine hohe Wasserlöslichkeit besitzt. Die Sauerstoffbindungsstelle in der Atmungskette der Körperzellen wird blockiert. Durch die Deaktivierung des Enzyms kommt die Zellatmung zum erliegen, was zur inneren Erstickung führt. Darauf reagiert der Körper mit erhöhter Atemfrequenz, was die Aufnahme gasförmiger Blausäure erhöht. Die Zellen sterben schliesslich an Sauerstoff- und ATP-Mangel.
Da er sich immer gerne mit zwei verschiedenen Deos besprühte, griff er sogleich zur roten Axedose. Diese benutzte er weniger als Deo und mehr als Parfüm. Als die ersten Tropfen seine Haut berührten, spürte er ein leichtes Brennen. Gleichzeit machten sich die ersten Anzeichen der Cyanidvergiftung bemerkbar. Dem Schwitzer wurde furchtbar schwindlig und so stürzte er noch im Waschraum stehend, zu Boden. Er begann zu hyperventilieren und rang nach Sauerstoff. Nur schwach nahm er wahr, wie sich die Schwefelsäure allmählich durch seine Haut frass. Hätte er um den Inhalt der beiden Deodosen gewusst, wäre er L sicherlich dankbar um die Blausäure gewesen. Denn ohne die hätte er sich im grossen Spiegel des Waschraumes liegen sehen mit weit offenen Wunden an den Stellen, an denen die Schwefelsäure seine Haut getroffen hatte und sich immer tiefer ins Fleisch zu fressen begann. Danach wäre ein langer qualvoller Heilungsprozess eingetreten, mit sehr schmerzhaften und nur langsam und schlecht verheilenden Wunden. Dank der Blausäure blieb ihm dies erspart. Er verlor das Bewusstsein und blieb reglos auf dem weissen Kachelboden liegen. Die Blutlache um seinen reglosen Körper wurde stetig grösser. Die Wunden tiefer.
Als er gefunden wurde, oder zumindest das, was von ihm übrig geblieben war, waren die Stellen seiner Haut, die nicht zerfressen worden waren mit, bei Cyanidvergiftungen üblichen, leuchtend roten Livores versehen.
Für alle die, die es wissen möchten:
Es war viel von ihm übrig geblieben. Doch war der Anblick nicht unbedingt schöner Gestalt. Frass sich die Schwefelsäure durch seinen Bauch, worauf das im Überfluss vorhandene Fett herauszurinnen begann. So lag er letzten Endes in einer Suppe aus dickem roten Blut und einer weiss-gelblichen Flüssigkeit, die sich mit dem Blut vermischte.
L’s Gedanken beim Anblick des Leichnams waren recht positiv, möchte man sagen. Sie dachte sich, dass seine Schweissdrüsen nun endlich verätzt waren und er auch gleich ein paar Kilo abgenommen hatte. Sie betrachtete dies als eine äusserst positive Wendung und lächelte zufrieden.