Sonntag, 25. Mai 2014

Geisel der SBB

Dieses Ereignis würde, wäre es denn ein Buch, veröffentlicht bei Bastei Lübbe in der Reihe "Erfahrungen", den Titel tragen: "Ich war eine SBB-Geisel - Die verheerende Geschichte im Kampf um die Freiheit"...

Feierabend! Man möchte nur noch nach hause gehen. Geht zielstrebig durch den "Züri HB", um, am Perron angekommen, beim Anblick eines alten "Kriegswaggons" zurückzuschrecken! Man blickt voller Hoffnung dem Zug entlang und sieht, einzig die Waggons der 1. Klasse sind moderner und klimatisiert. Passagiere der 2. Klasse dürfen sich in nicht klimatisierten, fast schon fossilen, Waggons einfinden. Man zieht ernsthaft in Erwägung, 30 Minuten auf nächsten Zug zu warten...
Fenster und Türen stehen weit offen, sodass ein laues Lüftchen durch den stickigen Waggon weht.
Die Wärme ist erdrückend. Die Luft liesse sich in Scheiben schneiden. Die Gemüter der Passagiere bewegen sich zwischen genervt und kochend vor Wut, was die hitzige Atmosphäre noch mehr aufheizt und dann bellt noch einer mit seiner bebenden Stimme in sein Mobiltelefon rein. Da eine Zweite und noch einer. Es werden immer mehr. Ähnlich den "Zombies" in Stephen King's "Cell" mutieren sie von liebevollen Menschen in schnaubende Bestien, tun sie alle ihren Unmut über die "Unfähigkeit der SBB" kund.
"Eine Katastrophe ist das! Ich ersticke in diesem Scheisszug!"
"Scheiss SBB!"
"Sie haben's wieder geschafft, scheiss SBB!"
und so weiter...

Der Zug setzt sich 6 Minuten zu spät in Bewegung. Alle Fenster stehen offen. Es weht ein kühler Wind durch die Waggons.
Irgendwann kurz nach Spreitenbach bleibt der Zug stehen, um sich schleichend wieder in Bewegung zu setzen.
Ich erinnere mich, an die Erzählung einer Bekannten. Sie erzählte mir, wie sie den SBB-Supergau erlebt hatte. Sass sie in einem Zug, kurz vor dem Tunnel bei Spreitenbach, als alles versagte. Das gesamte Schienennetz war lahm gelegt (wegen eines Eichhörnchens... darüber sollte man jetzt gar nicht weiter nachdenken...). Sie war mit unzähligen anderen Passagieren über eine Stunde lang in dem Waggon eingesperrt. Garend. Irgendwann wurden dann die Türen geöffnet und sie konnten ins Freie und frische Luft atmen. Man bedenke hier, dass bei einem Stromausfall auf keine Klimaanlage mehr funktioniert und sich so ein Waggon, in der prallen Sonne stehend, doch recht schnell aufheizt...

Jedenfalls war es dann 19:00 Uhr und wir hatten noch nicht einmal Aarau erreicht. Ich rief meinen Vater an, ob er mich in Olten abholen möchte, was er dann auch getan hat.
Bei Dulliken schlich die Kiste wieder in einem Tempo, dass man jede Schnecke für einen Sprinter gehalten hätte. Der Gestank der Bremsen durchströmte den Waggon. Wir drohten zu ersticken. War dies ein perfider Plan, um die Überbevölkerung im Keim zu ersticken?

10 Minuten zu spät trafen wir dann in Olten ein. Die Anschlüsse konnten natürlich nicht abgewartet werden. Besonders dann nicht, wenn die Passagiere den Zug nicht verlassen. Die Türen der alten Waggons liessen sich nicht öffnen. Wir standen, einander anstarrend, in den Gängen. Wieder stimmte man in Klagelieder gegen die SBB ein.
Schliesslich sah man ein paar Menschen am Zug entlang gehen. Sie mussten von hinten kommen. So machten sich alle Passagiere auf den Weg zum hintersten Waggon, dessen eine Tür offen stand. Ich hatte glücklicherweise nur zwei Waggons zu passieren. Andere Passagiere hatten da einen weit längeren Fussmarsch vor sich. Tatsächlich, diese eine Tür stand unter Einfluss eines ohrendurchdringenden hohen Pfeiftons offen.
Wir gingen neben dem Zug entlang wieder die ganze Strecke nach vorne in Richtung Unterführung. Ein gestresster Schaffner passierte mich rennenderweise und schrie seinem Kollegen zu, dass sich die Türen nicht öffnen liessen. Noch immer gab es ein paar gefangene Menschen, die hinter den Türen standen und raus in die Freiheit wollten...


Wie ich die Unterführung verlassen hatte und bei den Parkplätzen stand, war auch der Zug nicht mehr am Bahnhof. Offenbar konnten doch noch alle Menschen befreit werden.

Während der Heimfahrt sahen wir einen Zug auf der Brücke Richtung Bern stehen. Der stand einfach still, als würde er auf bessere Zeiten warten. Es war eben dieser Zug mit den Kriegswaggons...

Hach SBB, Eure Passagiere lieben Euch für solche Survival-Abenteuer! ^_^