Dienstag, 9. September 2014

Charlie räumt auf

Da sich der Verfasser überhaupt nicht mit Schusswaffen auskennt und keine Ahnung hat, welcher Art Charlies Waffe war, darf sich der Leser in Gedanken selbst eine aussuchen...

Das hohe und leicht heisere Bellen des Hundes ging seit Stunden. Bereits seit mehreren Tagen. Mehreren Wochen. Eigentlich ging das schon seit 3 Monaten so, seit dem Tag, in der Geschichte der Menschheit, an dem seine höllischen Nachbarn diesen verdammten Köter angeschafft hatten. Den Hund, den sie zuvor hatten, haben sie ins Tierheim gesteckt, weil er angeblich den kleinen David gebissen habe. Selbst wenn das stimmen sollte, wäre es nicht weiter verwunderlich gewesen, zerrte diese gottverdammte Brut ständig an dem armen Tier herum oder zielten mit Fussbällen auf ihn. Charlie wünschte sich innig, dass der Hund, ein Collie - wie Lassie - dem kleinen David, der mit Abstand die lauteste unter den sieben Ausgeburten der Hölle war, anstelle in die Hand gleich die verdammte Halsschlagader durchgekaut hätte. Wunschdenken.

Die tägliche Lärmbelästigung ging schon seit Jahren so. Die sieben Bälger brüllten, krähten, weinten, heulten, johlten, keiften und kreischten tagein tagaus im Garten herum. Das Geräusch des Fussballs, der auf die Hausmauer geschossen wurde, machte Charlie fast wahnsinniger, als das ständige Gekreische.
Gespräche mit den Eltern jener Brut brachten nichts. Die Mutter, mit der Figur einer russischen Rübenbäuerin und dem Auftreten eines Wikingers, brüllte selbst den ganzen Tag herum. Wenn sie nicht ihren mageren Ehemann zur Schnecke machte, dann brüllte sie die Kinder an - aber nie den kleinen David, aus dem würde mal ein Fussballprofi werden - oder keifte Hund und Katze an.

Charlie stellte sich des öfteren die Frage, was er in seinem früheren Leben wohl falsch gemacht hat, dass er mit so etwas bestraft wurde. Er erhielt - wie jeden Tag - keine Antwort darauf.
Er fühlte sich so, als ob sich neben ihm die Pforte zur Hölle aufgetan hätte. Bestialische Kreaturen hausten dort. Und dieser Gestank, der täglich zu ihm herüber drang...

Es war Anfang September, als das hohe Bellen des Hundes plötzlich verstummte. Ziemlich zeitgleich war ein Knall zu vernehmen.
Der miese Köter, lag tot mit einem Loch, so gross wie das Rad eines Autos, ein paar Meter hinter der Stelle, an der er zuvor gestanden und gebellt hatte, im Gras. Gut, das war jetzt gelogen. Das Loch wäre so gross gewesen wenn der Hund selbst grösser gewesen wäre. Da ein West Highland White Terrier aber nicht annähernd die Grösse eines Autorades hat, gab es den Hund nun in doppelter Ausführung. Der Kopf war gerade noch so zu erkennen, endete aber in einem Gemetzel aus Haaren, Blut und Fleisch.

Nils kreischte. Auch seine gleichaltrige Schwester stimmte mit ein. Alsbald kreischten und schluchzten sechs von sieben Kindern. Charlie wollte sie allesamt ins Jenseits befördern. Er legte das Gewehr an und da fiel ein Balg nach dem anderen um. Dem kleinen Tobias zerfetzte er den Schädel. Nicht mal der Zahnarzt hätte dieses Durcheinander von Blut und Fleisch noch identifizieren können. Die Zähne waren irgendwo verstreut oder gar zu Staub zerfallen. Wer weiss das schon?
Charlie lächelte. Sechs. Aber wo war dieser kleine Scheisser? Dieser Superstar? Wo war dieses verdammte Balg nur?!

Da fuhr auch schon der riesige Wagen, ja fast schon ein Lieferwagen, die Einfahrt hoch. David rannte mit seinem neuen Fussball in den Garten. Da kam also die letzte dieser Kreaturen endlich aus ihrem Loch gekrochen.
David kreischte. Charlie zielte - und traf. Das Bein des kleinen David war zerfetzt. Er lag im Gras und kreischte. Charlie dachte sich, dass das auch nicht anders klingt als sonst.
Die Wikingerbraut brüllte. Charlie richtete auch sie hin. Ein Schuss und Ruhe herrschte. Bis auf das Schluchzen und krähen des kleinen David war nichts mehr zu hören.

Als dieser Waschlappen von Vater nach einer weiteren 12-stündigen Schicht nachhause kam und den Garten betrat, starrte er ungläubig in dieses Durcheinander aus Gedärmen, Gliedmassen, Blut und Haaren. Er sah den kleinen David, der mittlerweile verblutet war. Er ging zu den Überresten seiner Frau, oder besser EX-Frau. Sein schmaler Mund verzog sich zu einem Lächeln. Er schaute in den Garten seines Nachbarn. Charlie sass im Schaukelstuhl, trank ein Bier und putzte seine Waffe.
Der Waschlappen von Vater - oder Ex-Vater, trat an den Zaun. Er lächelte und nickte Charlie dankend zu. Charlie deutete rüber zu kommen.
So sassen die Beiden in Charlie's Garten, tranken ein (oder mehrere) Bier und absorbierten den Klang der Stille.