Dienstag, 28. Oktober 2014

Nicht von dieser Welt...

Mein Sitznachbar wurde von einem brennenden Gegenstand so heftig am Kopf getroffen, dass er das Bewusstsein verlor. Mit meiner Decke versuchte ich das in Flammen stehende Etwas zu löschen. Sonst hätte ich zusehen müssen, wie sich erst Blasen auf der Haut des Herren auf Sitz 48B gebildet hätten, welche dann aufgeplatzt wären und sich seine Haut in Flammen aufgelöst oder einfach schwarz geworden wäre. Möglicherweise wäre er auch geschmolzen, wie der Typ in Indiana Jones - Jäger des verlorenen Schatzes, dessen Haut und Blut wie flüssiges Wachs gen Boden flossen, bis nur noch das Skelett übrig war.
Einerseits habe ich meinem Sitznachbarn das Leben gerettet, weil ich nicht zusehen wollte, wie seine Augäpfel gen Boden kullern, ich den üblen Geruch nach verbrannter Haut nicht direkt neben mir haben und nicht selbst in Flammen stehen wollte. Mir gefällt meine Haut da wo sie ist und wie sie ist.
Als ich meine Decke weggenommen hatte, erkannte ich, dass der Gegenstand ein verkohltes Baby war. Deswegen hat das Balg also plötzlich aufgehört zu heulen. Alles klar.
Der vordere Teil der Kabine stand in Flammen. Ein blutiger Ball schoss umher, wie ein Pingpongball - nur viel grösser. Grösser und in Gestalt eines Babys. Es war ein weiteres Baby, das nicht gesichert und somit zum Wurfgeschoss mutiert war. Danke liebe Eltern... Danke, dass Ihr Euch an die Sicherheitsvorschriften haltet! Wegen Eurer scheiss ungesicherten Brut, wäre mein Sitznachbar fast verbrannt!
Welche sadistische Gottheit war wohl dafür verantwortlich, dass solche Idioten auf meinem Flug waren?

Es roch nach verbrannten Haaren, nach verbrannter Haut. Menschen schrieen umher. Der Airbus wackelte heftiger als diese eine Jahrmarktsattraktion und drohte förmlich auseinander zu brechen.
Ein Koffer, oder das zermatschte Ding, das vor wenigen Minuten noch ein plärrendes Baby gewesen war, traf mich derart am Kopf, dass auch ich das Bewusstsein verlor und es meinem Sitznachbar gleichtat, in dem ich vor mich hin schlummerte.

Als ich wieder zu mir kam, brüllten diejenigen, die noch nicht dem Flammentod erlegen waren, umher, kletterten in den Trümmern des brennenden Infernos umher und versuchten verzweifelt am leben zu bleiben. Der vordere Teil des Airbus, samt Cockpit war verschwunden. Weggebrochen. Der mittlere Teil war in weiter Ferne auszumachen. Die Maschine war in drei Teile zerbrochen.
Sämtliche Passagiere, die im mittleren Teil gesessen hatten, waren in der Flammenhölle gebraten worden. Mein Sitz, im Heck der Maschine, rettete mir das Leben - vorerst.
Ich wollte aufstehen und davon laufen, doch wurde ich durch etwas im Sitz gehalten. Panik kam auf. Dann erst realisierte ich den noch immer geschlossenen Sicherheitsgurt. Ich hatte mich immer über die Menschen lustig gemacht, die eine Flugzeugkatastrophe nur nicht überlebt hatten, weil sie zu doof waren, den Sicherheitsgurt zu öffnen. Tja... Hochmut kommt vor dem Fall, was? Nun gehörte ich auch zu diesen Idioten. Zumindest fast, denn ich konnte den Gurt noch rechtzeitig öffnen - glaubte ich. Doch dann hörte ich wieder dieses Geräusch. Ein Röcheln. Ein Schnauben. Etwas, das ich zuvor für einen technischen Defekt gehalten hatte. Es war kein technischer Defekt. Es war etwas Unmenschliches. Es war wie eine Art Knurren einer Bestie. Nicht von einem Tier. Nicht von einem Menschen. Von einer, aus einem Horrorroman entsprungenen Kreatur, die Tod und Verdammnis bringen würde. Nun konnte ich die Umrisse erkennen. Die Kreatur befand sich etwa 10 Sitzreihen vor mir. Hatte sie mich gesehen? Sie hatte mich gesehen. Wir blickten einander direkt in die Augen. Sie blickte in meine verängstigten Blauen und ich in seine leblosen Schwarzen. Das Röcheln wurde stärker und lauter. Ich sah Klauen und messerscharfe Zähne. Die Gestalt schoss auf mich zu. Ich würde sterben.

Als ich die Augen öffnete, war die Kreatur verschwunden. Das Knurren war noch da. Es dauerte einen Moment bis ich begriff, dass das alles nur ein Traum war und ich mich in diesem Hostel befand. Es dauerte einen weiteren Moment, bis ich begriff, dass das Röcheln und Knurren, von dem ich noch immer behaupte, dass es unmenschlich war, nichts anderes war, als das Schnarchen, der Person neben mir...
Ich drückte mir das Kissen aufs Ohr und zog die Decke über den Kopf, was diese bestialischen Laute allerdings nur leicht dämmten. Es hörte sich an, als wäre dieses Geschnarche mit Dolby Surround Sound ausgestattet. Es war nicht von dieser Welt...
Ich dachte an Homer Simpson, wie er aus dem Fenster brüllt "Kann ich endlich mal Ruhe haben!". Mir fiel "Das kleine Arschloch" ein, mit den Worten "Sie hören nun, sehr seltsame Geräusche."
Ich dachte an meinen Eispickel und daran, die Kreatur neben mir zu erstechen, einfach damit ich in Ruhe schlafen konnte... Den Eispickel hätte man mir beim Sicherheits-Check am Flughafen ohnehin abgenommen, daher musste ich mich meinem Schicksal - einer schlaflosen Nacht, fügen...

Morgen werde ich mir Oropax besorgen...

Montag, 13. Oktober 2014

Trendy Mandy - in loving Memory

Armando C. ist ein Leichnam und ruht rund 2 Meter tief unter der Erdoberfläche. Zu Lebzeiten hat er diese mit knappen 155cm überragt und mit ca 45kg belastet. Er hat ihr also nicht geschadet, doch das Leben schadete ihm und zwar dergestalt, dass er keinen anderen Ausweg sah und 2010 seinen Ausstieg gab.
Als ich durch seinen damaligen Freund, dessen Namen ich mir aus reiner Dekadenz partout nicht merken wollte, vom Tod meines besten Freundes erfahren musste, starb ein Teil von mir.
Den Namen dieses Menschen, werde ich eventuell in meinem Moleskine über das Jahr 2010 notiert haben. Vielleicht aber auch nicht. Als er mich anrief und seinen Namen nannte, wusste ich jedenfalls nicht, mit wessen verheulter Stimme ich da das Vergnügen hatte und fragte recht barsch nach. Erst als Du sagtest, Du seist Mandos Freund, dämmerte es mir. Da war ja jemand... Das war die einzig nette Geste seinerseits. Dass er mich über den Tod von meinem Bunny informiert hatte. Aus reinem Pflichtbewusstsein heraus, lud er mich sogar zur Beerdigung ein. Was hat er angenommen, was ich da tun würde? Ehe sie Mandy's Holzkiste in der Erde versenkten, seinen Körper leblos prügeln und in das Loch werfen? Wäre ich zur Beisetzung gegangen, wäre wohl neben Armando's Leiche auch noch die seines "Freundes" verscharrt worden...

Trendy Mandy

Dein lebloser Körper lag bei -8°C in einem, für Leichenschauhäuser typischen, Kühlschrank. Bei dieser Temperatur können sich Bakterien kaum vermehren und so wird die Autolyse hinausgezögert.
Schliesslich wurdest Du in einem hölzernen Sarg unter die Erde gebracht. Hierzulande ruht man auf einer saugfähigen Matratze, welche die letzen Flüssigkeiten aufsaugt. Anderswo wärest Du auf Stroh, Sägemehl oder Torf gebettet worden. Nett.
Der Sarg besteht aus Holz, weil er luftdurchlässig ist, sprich der Sauerstoff gelangt aus dem Boden in den Sarg, sodass der Körper gut verwesen kann - anstatt einfach zu verfaulen.
Wenn wir nun wüssten, wieviel Sauerstoff und Wasser in der Erde ist, unter der Du begraben liegst, könnte man genauer sagen, wie lange der Verwesungsprozess dauert. Aber da uns jenes Wissen verwehrt bleibt, begnügen wir uns mit dem Wissen, dass das Gewebe nach gut 12 Jahren völlig zersetzt ist. Dein Gerippe wird noch etwas länger brauchen. Nach der üblichen Ruhezeit von 30 Jahren wir von Dir nichts mehr übrig sein. Nur noch die Erinnerung an Dich.
Aber freu Dich. Dass Du von Würmern gefressen wirst, ist nur ein Mythos. Denn Würmer leben in einer Tiefe von 30cm und Dein Grab befindet sich gut 2m unter der Erdoberfläche.
Würde man Dich also heute exhumieren, bestünde die Chance, dass man Dich noch annähernd erkennen würde. Ich sage das nur für den Fall, dass jemand eine indianische Grabstädte finden und Friedhof der Kuscheltiere Realität werden lassen möchte...

Im Internet haben wir uns damals kennen gelernt. Schliesslich waren wir in Aarau am Bahnhof verabredet. Den würdest Du heute übrigens gar nicht wieder erkennen. Unseren Treffpunkt gibt es gar nicht mehr. Na ja. Ich sah Dein Gesicht in der Menge. Das angepisste Gesicht eines kleinen Thai, der mit finsterer Miene die Menge nach mir absuchte. Ich trug diese weisse lange Bluse, von der Du immer als den "Ärtzekittel" gesprochen hattest. Ich habe dieses Teil immer noch in meinem Schrank hängen. Habe sie aber seit Deinem Tod nie mehr getragen. Aber das ist wohl mehr Zufall. Aber vielleicht würde ich dann auch permanent an Dich und unsere gemeinsame Zeit denken und wie ein Schlosshund heulen.
Jedenfalls warst Du immer ehrlich, manchmal verletzend ehrlich, aber ehrlich. Du hast mir immer gesagt, ob mir etwas steht oder nicht. Beim Shoppen muss ich daher oft an Dich denken. Aber andererseits sind einige Jahre verstrichen und ich weiss mich nun einzukleiden -_^
Du wirst jetzt auf Deiner Wolke sitzen und Dir Deinen Teil dazu denken. Nur Geduld, wir werden uns wieder sehen und dann können wir uns bis in alle Ewigkeit austauschen.
Ein Lächeln legte sich über das zuvor noch finstere Gesicht. Du hättest einfach keinen Bock neue Leute zu treffen, war die Antwort auf die Frage nach der finsteren Miene. Wir waren uns jedoch gleich sympathisch und quatschten über alles und jeden. Es war so, als kannten wir uns schon seit Jahren. So entstand eine innige Freundschaft, die noch über Deinen Tod hinaus geht. Eine Freundschaft, wie wir sie pflegten, werde ich kein zweites Mal erfahren... Es war einzigartig, absolut inkommensurabel.

Es war 2010, als ich mit diesem Praktikum beschäftigt war. Es war das Jahr, in dem Du eine neue Lehrstelle antreten solltest, dies auch tatest - für ca. 2 Wochen. Bis Dir Spott und Hohn zu viel wurden und Du den Entschluss gefasst hast, abzutreten.

Nie werde ich vergessen, wie wir damals, es muss 2003 oder 2004 gewesen sein, in Zürich, entweder am HB oder an der Bahnhofstrasse sassen, und uns über die Kleidung der Leute amüsierten. Erinnerst Du Dich an den Sommer der Nippel? Den Sommer, an dem ein beängstigend grosser Teil der Frauen, beschlossen hatte, ohne BH aus dem Haus zu gehen. Erinnerst Du Dich an die Anblicke? Das würdest Du bestimmt, aber Du bist ja nicht mehr da.

Du hattest diesen Hund, namens Marley. Siehst Du, an dessen Namen erinnere ich mich sogar. Aber an den Deines "Freundes"? Fehlanzeige. War Marley ein Rottweiler? Ich weiss es nicht mehr. Wir waren in Zürich. Unten an der Limmat und haben den warmen Sommertag genossen, gelacht und haben gequatscht und getratscht. Wir waren gut im Tratschen... haha

Nie werde ich unseren Ausflug nach Bern vergessen. Ausgerechnet am heissesten Tag des Jahres fuhren wir dahin. Es war heisser als es die Feuer in der Hölle je sein werden!
Erinnerst Du Dich an den Typen mit seiner Fönstimme? "Gets do ned no es Wasser dezue?" XD

Bunny, ich stelle mir oft die Frage, wäre es anders gekommen wenn... Heute ist so ein Tag, was auch Anlass für diesen Text war...
Wärst Du heute noch da, wenn ich Zeit für Deinen letzten Anruf gehabt hätte? Du warst verzweifelt, wolltest reden. Musstest reden. Ich war immer für Dich da gewesen. Aber nicht zu dem Zeitpunkt, an dem Du mich so dringend gebraucht hattest. Ich war damit beschäftigt eine Bewerbung zu kreieren, für eine Stelle, für die ich dann eine Absage bekommen habe. Haha... ja! Dafür habe ich Deinen Anruf ignoriert und mir gedacht, ich kann ja dann zurück rufen. Als ich das dann irgendwann getan habe, war es zu spät. Da hingst Du bereits, mit einer Schlinge um den Hals, in der Wohnung dieser Kreatur, die sich Deinen "Freund" nannte.
Wärst du heute noch unter uns, wenn Du nicht bei dem hättest wohnen müssen? Bei ihm, wo Du so unglücklich warst? Wärst Du noch unter uns wenn da nicht diese Kreaturen auf der Arbeit gewesen wären, die Dich tagtäglich fertig gemacht haben?
So hast Du mich mit der Schuld, die mich trifft, zurück gelassen. Ich erlebe Höllentage, an denen mich die Schuld aufzufressen droht. Aber sie sind nicht mehr so häufig, wie unmittelbar nach Deinem Abgang.

Trendy Mandy, der Tag wird kommen, an dem ich vor unseren Schöpfer treten und meinen letzten Wunsch äussern darf. Der wird da sein, Dir eine runterhauen zu dürfen.
Eines Tages werden wir uns wieder begegnen. Du wirst Dein jugendliches Antlitz bewahrt haben - ganz wie Dorian Gray. Ich werde dann entweder 29 sein, (falls ich den kommenden Flug nach Japan aufgrund eines Dschihadisten oder so nicht überleben sollte) oder ich werde Dir als alte faltige Frau gegenübertreten. Deine Worte werden dann, wie immer, ehrlicher Natur sein und Du wirst mir sagen, wie scheisse ich mit Falten aussehe... Ich freue mich! ^_^

Trendy Mandy,
Ruhe in Frieden