Dienstag, 17. Mai 2016

Ich war ein Cutter (Autoaggressionen)


Seit gestern studiere ich an einer passenden deutschen Übersetzung für diesen Titel herum. "I used to be a cutter" trifft es messerscharf. Ich, der die deutsche Sprache doch liegt, war nicht in der Lage eine adäquate deutsche Übersetzung zu Wege zu bringen und fragte meinen guten alten DrO_og um Rat. Ja die deutsche Übersetzung wäre dann wohl "Ich war eine Ritzerin" oder so. Aber jenen Begriff "ritzen" empfanden wir beide schon damals, zu unseren Glanzzeiten - man könnte sie als Blutrausch-Zeiten bezeichnen - als falsch und gänzlich unpassend. Beim Begriff "ritzen" habe ich ein Bild von einer Nadel, die über Haut kratzt vor mir. Die Realität zeigt einen scharfen Gegenstand, im besten Fall ein Skalpell oder wenn wir an mein Blutbad von 2009 zurückdenken, dann ein Kellnermesser. Diese Zacken hatte ich wahrlich nicht bedacht in meiner Rage. Wie dem auch sei, das deutsche Wort ist einfach falsch. Man ritzt nicht. Man schneidet. Die ersten Versuche mögen bei manchen Menschen vielleicht eine Art des Ritzens sein. Jedoch schneidet man durch die Haut. Im Englischen wird es daher treffend betitelt. Cut, Schnitt. Aber jetzt stelle man sich mal diesen Titel vor: "Ich war eine Schneiderin" XD
"Ich habe mich über viele Jahre meines Lebens selbst verletzt gehabt". Trifft es auch, aber als Titel doch zu lang.

Wie dem auch sei, sagte mir die Chefin des Tibits im Seefeld in Zürich beim Vorstellungsgespräch, ihre Erfahrung mit Cuttern (ja auch sie benutzte das englische Wort) sei, dass sie immer wieder rückfällig werden, sobald sie Stress ausgesetzt sind. Lange haben mich ihre Worte begleitet. Über manche Jahre hinweg sogar.
Ich erinnere mich an die Zeit in einem Businesshotel: zwar machte mich dieser Job absolut stressresistent, aber nicht ohne Blut vergossen zu haben. Als ich dort anfing, durfte ich doch auf gut ein Jahr ohne Cutten zurückblicken und betrachtete mich als "geheilt". Das war ich auch, bis der Stress immer grösser wurde. Die Sehnsucht nach einer Klinge wurde grösser und grösser, bis sie schliesslich siegte und ich im Office eine Flasche zerbrochen und mir die den Glassplitter durchs Fleisch gezogen habe. Es war die absolute Erlösung. Nochmals und nochmals in die gleiche Wunde. Mein Arm war recht abgestumpft, weshalb die Linderung mit etwas mehr Aufwand verbunden war. Ich verband meinen Arm und ging zurück an die Arbeit. Wenn der Stress wieder aufkeimte, drückte ich mir einfach einen Fingernagel in die Wunde. Keiner meiner Arbeitskollegen hat das je mitgekriegt. Nicht einmal in der Garderobe, wo wir uns alle umziehen mussten. Man wird geschickt. Jedenfalls hörte ich jedes Mal die Chefin des Tibits sagen "Cutter werden immer rückfällig, sobald sie Stress haben." Und sie hatte vollkommen recht.

Zeit verstrich, das Skalpell blieb unbenutzt und so auch das Kellnermesser. Einmal fast draufgehen reicht. Mir ging es gut und ich lebte ein Leben fernab von Depression und dem Drang der Selbstkasteiung.

Gestern dann, war sie da. Vergleichbar mit dem Horrorfilm The Grudge. Sie ist hinter Dir her. Sie jagt Dich. Verfolgt Dich. Du merkst es erst nicht und plötzlich ist sie da und zieht Dich in ihren Bann...

Früher waren mir die Gründe meiner Depressionen und Tiefs nicht bekannt. Dieses Mal war es anders. Ich werde jedoch, bitte entschuldigt meine Leser, den Teufel tun und Euch den Grund nennen. Ihr würdet denken, was auch immer... Ich kann nur sagen, dort wo andere ein Herz haben, hatte ich bislang ein Tiefkühlfach, in dem mein Herz gut eingelagert war. Dieses Schockfrosten hatte es auch bitter nötig, nachdem ich, 2013, dem Germanen B, den Tritt gegeben und ihn aus meinem Leben verbannt hatte. Leider scheint es so, dass das Tiefkühlfach bald den Geist aufgibt. Denn es taut. Das Herz taut auf. Die dicke Eisschicht darum taut, schmilzt davon und mein Herz wird bald wieder freigelegt sein. Freigelegt und somit schutzlos und Ziel für weitere Torpedos. Ich denke, zurück in der Schweiz, werde ich mir ein neues Tiefkühlfach zulegen müssen, denn hier in Tokyo eines zu erwerben wäre falsch. Die Stecker sind nicht kompatibel. Soviel dazu. Die Einen unter Euch, meine geschätzten Leser, wissen, worum es hier geht, andere nicht. Aber das ist in Ordnung.

Menschen reagieren unterschiedlich. Eine Freundin von mir, mit Cutter-Vergangenheit erzählte mir eine nahezu unglaubliche Begebenheit. Ihre Vorgesetzte, habe sie gefragt, ob sie sich das wegen ihr antun würde. Dabei sind die Narben alt, längst weiss. Dafuq? o_O
Die meisten Menschen, die mich darauf ansprechen, beginnen mit "Hey, kann ich dich etwas persönliches fragen?" und dann weiss man genau was kommt. Was soll's? Sprich mich darauf an und ich antworte Dir. Wieso soll ich mich deswegen verstecken? Und wieso sollte ich ein Problem haben, darüber zu sprechen? Es ist Vergangenheit, was die Farbe der Narben bestätigt.
Ich hatte zu meinen Blutrausch-Zeiten eine Person in meinen Leben, ja ich bezeichnete sie als Freundin, obschon ich mir heute sicher bin, dass sie nie eine war. Sie konnte es weder verstehen noch irgendwie nachvollziehen. Sie fragte mich, wieso ich das tue, wollte eine Antwort aber gar nicht hören sondern erzählte mir nur, dass ich total krank sei. Sie sprach mich über mehrere Jahre hinweg öfters darauf an, einfach um mir mitzuteilen, dass sie das bescheuert fände. Danke. Wieso müssen Menschen anderen Menschen permanent ihre Meinung unter die Nase reiben? Keinen interessiert's!
Interessant ist auch, dass die meisten Menschen den Unterschied zwischen Cutten aus Verzweiflung und Cutten aus Freude an Body Modification nicht verstehen.
Aber über die Gedanken und Sinn und Zweck, Absichten, Sitten, Gebräuche, etc. von Body Modification zu schreiben, würde den Rahmen dieses Eintrags sprengen. Eventuell kommen wir in einem anderen Eintrag dazu.

Mir wäre fast die Decke auf den Kopf gefallen (später in der Nacht, wäre dies durchaus möglich gewesen, da wir ein Erdbeben verzeichnen durften) also habe ich meine Sachen gepackt und mich auf einen Spaziergang begeben. Mein Ziel war Odaiba. Frustshoppen. 13km zu Fuss. Die Strecke von der Azumabashi in Asakusa bis zur Shinohashi war die reinste Hölle. Meine Depression ereilte mich und folgende Gedanken habe ich meinem iPhone anvertraut:

Emotional breakdown

Wau... Ich bin im Loch und falle immer tiefer. Der Drang zum Cutten ist zentraler denn je, seit ... "seit Beginn der Aufzeichnungen"? Jedenfalls seit vielen Monden. Es braucht alles an Kraft, um nicht los zu heulen und noch mehr an Kraft, dass ich mir nicht meine scharfen Krallen aka Fingernägel ins Fleisch bohre. Wie gerne würde ich das jetzt machen...
Es ist eine Sucht. Nach physischem Schmerz ist alles besser - es scheint besser. Der Schmerz verschafft Linderung - für eine gewisse Zeit. Sieh es rational!
Jedoch hatte ich mir nach meinem Beinahe-Suizid geschworen, mein Fleisch nicht mehr so zu malträtieren. Meinem gezeichneten Körper dies nicht mehr anzutun. Gottverdammt! Was für einer Folter ich mich mit diesem Schwur nur ausgesetzt habe... Ich könnt mir ja selbst die Visage renovieren, so mit der eigenen Faust. Aber mach dies mal hier in aller Öffentlichkeit. Hallo Aufenthaltsbewilligung in Japan - in einer lauschigen Gummizelle XD
Ausserdem war ich nie Fan von jener Art der Selbstkasteiung. Also lassen wir den Gedanken beiseite. 
Es ist ein Kampf. "Es tobt ein Krieg in mir" hiess so nicht ein Song von ... von ... wie hiess sie noch... diese Gothic Band... ASP! Ich meine, da ging es allerdings um Lykanthropie. 
Es tobt ein Krieg in mir. Der Drang nach Linderung. Der Drang nach physischen Schmerz gegen meinen Verstand. In der gegenwärtigen Verfassung bin ich allerdings nicht sicher, ob mein Verstand gewinnen wird... Es braucht alles an Selbstbeherrschung. Wie lange werde ich durchhalten? Es wäre so leicht, so schnell. Finger unter den Ärmel, Nagel ins Fleisch drücken oder durch ziehen. Dieser Schmerz ist realer, als jener, durch eine Klinge hervorgerufener. Niemand würde es sehen, aber ich würde es spüren. Linderung. Erleichterung. Ja fast schon Manie! Aber ich würde es wissen. Meine Hand umschliesst das iPhone fester. Wir beweisen Stärke. Wir halten Wort. 

Ich habe Vorstellungen, sehe Bilder, wie in einem Film. Ich sehe meinen Suizid vor mir ablaufen. Ich stürze mich von der Rainbow Bridge in die ewigen Wasser des Sumida, von wo mein lebloser aufgedunsener Körper in die Meere geschwemmt wird, wo er dann irgendwann die Farbe wässeriger Erbsensuppe annehmen und von Tieren angeknabbert werden wird. Was bringt mir dieser Suizid? Suizid bringt einem nur etwas, wenn jemand diesen filmt und das Video auf youtube stellt. Ja, wir leben in wahrhaft kranken Zeiten... 

Erkenntnis: Nur physischer Schmerz kann psychischen bekämpfen.

(Hier erfolgte eine Beschreibung des Quell meiner Depression - wird ev. irgendwann mal ergänzt. Da fällt mir ein, ich muss noch ein Gedicht löschen...)

Jetzt kommen die Tränen... Eventuell sollte ich aufhören Blutengel zu hören. KLISCHEE! Lacht mich aus, Ihr habt ja recht! XD

Meine Psyche ist sooo am Arsch... 

Die mit unseren Initialen bestickten Handtücher liegen bereits im Ofen. Jedoch ist dieser noch nicht angefeuert und der Kanister mit Brennsprit steht ungeöffnet daneben. Noch... Eventuell öffne ich diesen und schütte den Inhalt über die Frottierwäsche... 

(Ein paar recht schockierende und nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Erkenntnisse)

Ou wau, Alte geh zur Therapie! Du bist durch! 

3h später... Mir gehts besser. Zum Glück sind solche Ausbrüche nie von langer Dauer. Wau... heftig. Intensiv... Scheisse... so kaputt.. 

Und wenn die Suizidgedanken sich eventuell eine Nummer ziehen und sich hinten anstellen könnten? Bzw. bis zu den Öffnungszeiten warten könnten? Noch ist nichts entschieden. 

Übrigens, ich habe gesiegt! Verstand über Psychose! ^_^

FIGHT TO SURVIVE ! 

IF YOU CAN DO IT, GET UP AND PROVE IT, GET UP AND SHOW THEM WHO YOU ARE! 

IT'S THE MOMENT OF TRUTH