Freitag, 12. Januar 2018

Rückblick: Der falsche Job

Wie die Meisten unter Euch wissen, habe ich schon Tage in an der Zahl vielen Branchen zugebracht. Ich blicke auf witzige, finstere und auch lehrreiche Zeiten zurück.

Die Arbeit in einer ganz bestimmten Branche scheint mich noch immer zu verfolgen.
Es handelt sich um eine Branche, in der Mann jeden Tag andere Kunden zu bedienen hat. Zwar (noch?) nicht dergestalt unterwürfig, wie etwa in einigen Restaurants in Japan, wo man Bestellungen auf den Knien entgegennimmt, aber devot genug. Immer fröhlich lächeln, sich alles gefallen lassen und das eigene Ego vor Arbeitsbeginn am Eingang abgeben und erst nach Dienstschluss wieder abholen.
Es gibt Menschen, die sind dafür geschaffen. Es gibt Menschen, die machen das einfach. Es gibt Menschen, die machen das einfach, träumen jedoch von einem besseren Job. Dann gibt es Menschen, die so gar nicht dafür geschaffen sind. Dann gibt es auch noch Menschen, die teilweise dafür geschaffen sind - zu denen zähle ich.
Ich kann stets gut gelaunt sein, auch wenn ich innerlich schreie und am liebsten alles um mich herum in Schutt und Asche legen würde. Und auch wenn der zahlende Kunde noch so herum brüllt, noch immer lächeln und freundlich sein. Und natürlich hat IMMER Verständnis. Meistens hatte ich das sogar... Jedoch nicht immer. Wenn ein Kunde eine Beschwerde hatte, erbauen auf einem soliden Fundament, dann hatte ich Verständnis.

Ihr ahnt schon um welche Branche es geht, nicht wahr?
Korrekt!
Wieso genau komme ich jetzt, am 12.01.2018 dazu, so einen Eintrag zu verfassen?
a) die Geister der Vergangenheit sitzen gemütlich in meinem Wohnzimmer (bei einem Bier)
b) Ich sehne mich zurück
c) Ich unterrichte Menschen aus diesem Berufssektor in Deutsch

Es ist c). Ich unterrichte einen Hotel- und Gastro-Kurs und darf zweimal die Woche in Erinnerungen an meine Zeit in der Gastronomie schwelgen. Ich habe Verständnis für meine Studis, die sich über bestimmte Gäste echauffieren, habe ich das doch alles auch schon mitgemacht.

An Tisch 2 haben sich eben zwei Frauen gesetzt. Die eine trächtig, wie eine Stute die Zwillinge erwartet, die andere mit zwei schreienden Kindern. Na Bravo! Und das in meiner Station... Wieso konnten sich die nicht an Tisch 12 setzen? Dann hätte sich Noemi um sie kümmern dürfen. Die liebt Kinder. Was bleibt mir anderes übrig, als fröhlich lächelnd zum Tisch zu gehen und meine Gäste willkommen zu heissen?
Ich nehme die Bestellung entgegen und verschwinde im Office. Noemi schaut mich an, sichtlich bemüht nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Denn jeder weiss, dass ich nicht kinderkompatibel bin. "Sag nichts." und schon prustet sie los. Als sie sich von ihrem Lachkrampf erholt hat, hilft sie mir bei den Getränken. Sie macht die heisse Schokolade für die Kinder.
Ich bereite die beiden Tee zu. Eisenkraut, welches überall als wohlriechendes Eisenkraut angepriesen wird. Es würde sicherlich keiner Eisenkrauttee bestellen, wenn da stehen würde übelriechendes Eisenkraut. Und einen Früchtetee: Granatapfel und Eukalyptus. Ekelhaft. Ich gehe zum Tisch und setze erst die Kindergetränke ein. Dann die beiden Tee. Die beiden Frauen freuen sich über den achso herrlichen Duft. Ich frage, ob sie noch etwas möchten. Nein. Keine zwei Minuten später winkt die Trächtige. Sie hätte gerne etwas Milch in ihren Eisenkrauttee. Sehr gern. Sonst noch etwas? Nein.
Mich fragend, wie man einen feinen Tee mit einem Molkereiprodukt entweihen kann, gehe ich ins Office und hole eines dieser kleinen Keramikkännchen mit Milch. Sie freut sich über das süsse Kännchen. Kurz darauf werde ich wieder zum Tisch gewunken. Sie hätte gerne noch eine Zitrone. Ich beginne an der Menschheit zu zweifeln. Eisenkrauttee mit Zitrone und Milch. Mein Magen macht sich bemerkbar und teilt mir unmissverständlich mit, dass er schon genug hat, nur beim Gedanken daran. Keine Sorge. Wir sind Freunde. Ich werde Dich nicht malträtieren. Wieder frage ich, ob es sonst noch etwas sein dürfe. Nein. Natürlich nicht. Denn es wäre ja zu viel verlangt, wenn man alles auf einmal bestellen könnte. Es macht ja viel mehr Spass die Servicedüse alle 2min zum Tisch zu rufen. Und auch hier, stehe ich gute 2min später wieder an Tisch 2. Die andere hätte auch gerne eine Zitrone. Aber gern doch. Noch immer habe ich dieses freundliche Lächeln im Gesicht und überlege mir, welche von beiden ich zuerst abschlachten soll. Ich bringe die Zitrone.
5 Minuten später winkt die Trächtige wieder. Heimatland! Das kann doch nicht wahr sein! Ja die Damen? Sie hätten gerne ein Stück Kuchen. Von welchem darf es denn sein. Das ist egal. Aha... Schwarzwälder? Oh nein, der ist zu mastig. Kirsche? Oh nein, darauf ist Dudelsack Nr. 1 allergisch. Demnach ist es doch nicht so egal, denke ich mir. Schliesslich entscheidet man sich für Apfelstrudel. Das mögen auch die beiden Dudelsäcke.