Samstag, 24. Februar 2018

"Die huere schiss SBB immer!"

Meine lieben Leser, heute durfte ich mal wieder eine Erfahrung machen, über die ich Euch unbedingt berichten muss. Ereignet hat sich alles genauso, wie es hier zu lesen steht, heute Morgen.

Noch in meinem gemütlichen Zuhause stehend, blicke ich auf die Uhr. Uuups. Ein bisschen spät dran bin ich. Die Zeit reicht nicht mehr aus, um noch meine neuen Timberland Schnürstiefel anzuziehen. Das Schnüren dauert immer ewig. Also schlüpfe ich in meine UGGs. Ohnehin die bessere Entscheidung, bei diesen sibirschen Temperaturen. Ich greife nach meinem Schlüssel, schultere die Tasche und eile aus dem Haus, direkt zur Bushaltestelle. Es ist bereits 07:37 Uhr. Um diese Zeit sollte der Bus die Haltestelle verlassen. Obschon Samstag ist, kommt der Bus zu spät. Mein Glück. Um 07:40 Uhr fährt er, mit mir im Innern, gen Bahnhof. Einige Menschen hechten noch in den Avec. Laut SBB-Fahrplan bleiben ihnen dafür ganze drei Minuten. Mir wäre das zu stressig, jedoch scheinen manche Menschen nicht auf ihr Comella und ihr Gipfeli verzichten zu wollen/können.
Ich für meinen Teil gehe direkt zum Perron. Die Anzeigetafel zeigt uns, weiss auf blau, dass die S-Bahn pünktlich abfahren wird. Nämlich um 07:46 Uhr. Als sie um 07:48 Uhr noch nicht zu sehen, ist das für die geübten Pendler noch kein Grund, um in Panik auszubrechen. Wir sind uns das ja gewohnt. Besonders unter der Woche und wenn es kalt ist, oder wenn Schnee fällt. Oder wenn es stark regnet. Oder wenn es richtig heiss ist. Oder wenn es neblig ist. Oder wenn es windet. Oder wenn das Wetter überhaupt keinen Grund spielt. Jedenfalls erklingt dann eine Durchsage, die ich sogar höre, da ich meinen BOSE QuietComfort35 zwar trage, aber dieser noch ausgeschaltet ist. Die bekannte, halbmenschliche und halbmechanische pseudo feminie Stimme teilt uns mit:

"Die SX nach Olten wird
ca. 10 Minuten später abfahren. 
Grund dafür ist das Abwarten
auf einen anderen Zug."

Hiess es nicht mal, dass keine Züge mehr abgewartet würden? Dies war wohl nur ein leeres Versprechen. Jedenfalls reichen meine Mathematikkenntnisse gerade noch aus, um kurz die Uhrzeiten gedanklich zu überschlagen. Wenn die S-Bahn um 07:56 Uhr abfährt, bei einer Fahrzeit von 4-5 Minuten und der Anschluss gen Zürich HB um 08:00 Uhr abfährt, habe ich keine Chance diesen zu erwischen. Also öffne ich meine STARBUCKS-App und prüfe, ob ich auf meiner Goldcard noch genug Geld für einen Grande Latte habe. 
Eine Frau stampft ganz hecktisch von einem Bein aufs andere. Ein junger Typ, ebenfalls BOSE tragend, zündet sich noch eine Zigarette an. 
Dann, um 07:54 Uhr verlässt die S-Bahn den Bahnhof, mit uns halb durchgefrorenen Pendlern an Bord. Sie beschleunigt. Das bedeutet, ich könnte den Anschluss nach Zürich noch schaffen. Ich stehe bei der Tür, wie immer. Mir gegenüber steht eine Frau, die ganz zwangsneurotisch alle 50 Sekunden auf ihre Armbanduhr starrt, den Kopf schüttelt, aus dem Fenster schaut und dann das ganze Spiel von vorne beginnt. Ich bin amüsiert. Aus einem Abteil hört man genervte Menschen. Aus einem anderen Abteil höre ich "Easy, de nänd mer haud de Nögscht!"
Kurz vor Olten wird die S-Bahn immer langsamer und hält schliesslich an. Sie steht drei Minuten. "Ned e mol en Info gänds dore, die Schofsäckle!", hört man ein altes Müeti wettern. JAWOLL! Nicht einmal eine Info bekommt man! Na und? Wir wissen ja ohnehin, dass der Zug Verspätung hat. Dann spielen diese 3 Minuten auch keine Rolle mehr. 
Die Menschen drängen sich, wie Vieh, zu den Türen. Als ob sie so schneller am Bahnhof wären. 
Um 07:59 Uhr öffnen bleibt der Zug in Olten stehen. Die Türen öffnen sich und die ganze gestresste Pendlerschaar ergiesst sich übers Perron. Wenn es um Leben und Tod geht, ist sich jeder selbst der Nächste. So auch an den Bahnhöfen. Viele Menschen mit Koffern hetzen gen Unterführung. Ein auf dem Perron stehender Mann wird von einer hektischen und bekofferten Trulla gerammt. "Chasch ned luege?!", ruft er ihr hinterher. Sie erwidert, während sie an mir vorbei rennt "Ja du au, du dumme Siäch!". Koffer werden gegen Säulen, Mülleimer und Beine geschlagen. Hinternisse müssen bezwungen werden! Menschen werden geschubst, gerammt, zur Seite gedrängt. Dass es zu keinem Blutbad gekommen ist, grenzt hier an ein Wunder.
Wie kann man sich zivilisiert nennen, wenn man sich wegen einer simplen Verspätung aufführt wie Wilde?! Selbst eine wilde Affenbande hat mehr Anstand, als dieses Geschmeiss an den Bahnhöfen!

Vor den Treppen bilden sich Trauben aus Menschen. Jeder will so schnell wie möglich nach unten. Und schon kräht eine ältere Frau mit Brille und dem typischen Haarschnitt:

"Ufd Site!!! Mir müend an Flughafe!!!"
"Üse Flug goht am Zähni!"

Erstens wird sie bestimmt die Einzige, unter all den bekofferten Menschen sein, die zum Flughafen muss.
Zweitens hat sie selbst Schuld. Welcher Mensch, der bei klarem Verstand ist, plant so wenig Zeit ein? Olten-ZRH mit dem Zug dauert locker eine Stunde. Dann muss man noch durch den Flughafen, zum Check-in, sein Gepäck aufgeben und dann ist man bereits einer der Letzten beim Boarding - wenn man überhaupt pünktlich ankommt. Das sind dann genau die Menschen, die so geheckt durch den Flughafen rennen und sich überall vordrängeln. Sie dürfen ja, schliesslich müssen sie ihren Flug erwischen! Alle anderen Menschen, die vor dem Security Check warten, müssen ja sicher nicht auf einen Flug. Die machen das einfach hobbymässig. 

Ein Gesicht in der Menge schaut extrem finster umher. Der Mund öffnet sich:

"Die huere schiss SBB immer!"

Die bekofferten Menschen rennen zu Gleis 3. Es ist jedoch aussichtslos, denn der Zug gen HB steht schon gar nicht mehr dort. Wenn die Leute in ihrer Panik mal rübergeschaut hätten, hätten sie den Zug abfahren sehen können. Keine Minute hat er gewartet.
Was soll's? Um 08:20 Uhr fährt ja dann der ICN auf Gleis 7 nach Zürich. Ich werde den nehmen. Also schlendere ich amüsiert zu Gleis 7/4. Durch die Fenster eines auf Gleis 4 wartenden Zuges sehe ich das Szenario auf Gleis 3. Menschen mit verwirrten, irritierten, erznüten und sogar verzweifelten Gesichtern tummeln sich, wie die Figuren in Sims. Ohne ein Ziel. Sie sind einfach da. Ausgesetzt in einer wahnsinnig gewordenen Welt. Ohne Hoffnung. Ohne Glück. Ich muss unweigerlich lächeln, denn ich sehe Frau Ufd-Site-Mir-müend-an-Flughafe. Na dann, kann sie ja auch den ICN nehmen. Vielleicht sehe ich sie dann ja nochmal? XD
Gerne wüde ich mir dieses unterhaltsame Schauspiel noch ein bisschen länger ansehen, aber ich lebe in panischer Angst davor, dass meine Augenlider erfrieren und abfallen könnten, wie damals 1812 bei einigen Soldaten Napoleons während der Rückkehr aus dem Russlandfeldzug geschehen, und begebe mich ins Innere des Starbucks, wo meine Goldcard tatsächlich noch genug Geld für einen Grande Sojalatte gespeichert hat. Geld und Kaffee wechseln die Besitzer. Was für ein wunderbares Tauschgeschäft! 

Ich begebe mich aufs Perron und warte auf den ICN. Weiter hinten in der Menge sehe ich Frau Ufd-Site-Mir-müend-an-Flughafe wieder. Ich hoffe, sie erwischt ihren Flieger in die Wärme (möglicherweise) noch.