Ihr Spiegelbild schien nicht real. Diese Frau im Spiegel war nicht sie.
Konnte nicht sie sein. Die aufgeplatzte Lippe. Die eingetrockneten Blutspritzer
in ihrem Gesicht. Das einst weisse und nun blutgetränkte Sommerkleid. Das
dunkelblaue, ja fast schwarze, und stark angeschwollene rechte Auge. Von ihrem
perfekt gezogenen schwarzen Liedstrich waren nur noch dunkle Linien geblieben.
Ihr Lieblingseyeliner von Shiseido, der sie gestern noch so schön hatte
aussehen lassen, hatte sie über Nacht in ein Monster verwandelt. Sie war nur
noch ein Schatten ihres Selbst.
„Das bin nicht ich!“
Sie schaute diese Fremde im Spiegel an, und diese starrte einfach nur
zurück. Ein Paralleluniversum musste einfach existieren. Eine andere Welt, in
der sie jetzt fröhlich lächelnd vor dem Spiegel stand und sich frisierte.
Tränen rannen über ihre Wangen. Tränen der Verständnislosigkeit. Tränen der Angst,
der Verzweiflung – des Hasses.
Den Blick nicht von ihrem entstellten Ebenbild abwendend tastete sie
nach ihrem Skalpell. Doch sie verspürte keinen Schmerz. In ihrem Bein klaffte
eine breite lange Wunde. Das Blut tropfte auf den Boden, wo es eine kleine
Lache um ihren Fuss bildete. Wieder und wieder zog sie die kalte Klinge durch
ihre nackte Haut. Nichts! Die sonst übliche Erleichterung wollte nicht
eintreten. Die Klinge fiel zu Boden. Sie verliess das Badezimmer.
Neben dem Bett auf dem Boden kauernd, sann sie über den vergangen Abend
nach. Wie hatte er das tun können? Wie hatte sie es soweit kommen lassen
können? War sie jemals glücklich mit ihm gewesen?
Natürlich hatten sie schöne Stunden miteinander verbracht, aber auch oft
gestritten. Viel zu oft. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er ihr
zum ersten Mal physischen Schmerz bereitet hatte. Es war wohl schon zu weit
zurück. In letzter Zeit kam es jedoch immer öfter vor, dass er ihr wehtat.
Seine Wut an ihr ausliess. All seine aufgestauten Aggressionen. Wieso, wusste
sie nicht.
Sie dachte an ihre beste Freundin, die neulich am Telefon zu ihr sagte, dass
sie sie nicht mehr wiedererkennen würde: „Ich habe immer zu Dir aufgeblickt! Du
warst immer mein Vorbild! Was ist passiert?! Wieso lässt gerade du dir so etwas gefallen?!“ Sie wusste
es nicht. Wann hatte diese negative Metamorphose begonnen? Früher hatte sie
sich von Niemandem etwas gefallen lassen. Wenn einer nicht so wollte wie sie,
dann konnte er gehen. Dass Vanessa, ihre beste Freundin, jedoch zu ihr
aufgeblickt hatte, erstaunte sie zutiefst. War sie es doch, die Vanessa immer
verehrt hatte. Vanessa war eine so starke Persönlichkeit und sie war stolz
darauf mit dieser Amazone befreundet sein zu dürfen.
Und nun? Sie war ein Nichts! Wegen ihm hatte sie sich von ihren Freunden
abgewandt. Sogar ihrem Pferd hatte sie den Rücken gekehrt, weil der Freund
wichtiger war. Ihr Freund. Ihr erster Freund. Alle wollten ihn, und sie hatte
ihn! Was hatte sie jetzt davon? Nichts. Sie hatte einen gewalttätigen und
jähzornigen Schläger, der zudem seine grosse Liebe in Alkohol und Zigaretten
gefunden hatte. Wieso sie so lange mit diesem Menschen zusammen war, konnte sie
sich nicht erklären. Was war mit ihr geschehen? Sie hatte ihm immer all ihre
Liebe gegeben, doch es war nicht genug. Sie hatte alles für ihn getan, doch es
war einfach nicht genug. Stets hatte sie sich ihm unterworfen. Er wollte es so.
Er war der Herr. Er hatte das Sagen – immer. Wiederspruch bedeutete Schmerz.
Das hatte sie langsam und qualvoll gelernt. Sie hatte ihn nie belogen oder
betrogen. Er log ständig und hatte so einige Affären, was sie schon seit
längerer Zeit vermutet hatte. Später dann sollte sich ihr Verdacht bestätigen.
Sie erfuhr von all seinen Frauen und konnte auch einige Lügen aufdecken. Als
sie ihn darauf angesprochen hatte, rastete er aus, stritt alles ab und
schleuderte ihr einen seiner Kampfstiefel ins Gesicht. Trotz der Schmerzen
hatte sie es gewagt, ja sich erdreistet, etwas zu entgegnen. Die Antwort kam
blitzartig auf sie zugeschossen – in Gestalt seiner Faust, die sich ihr
zwischen die Rippen bohrte und seinem Kampfstiefel, mit dem er auf sie
eingeprügelt hatte, bis die Dunkelheit der Bewusstlosigkeit eintrat.
Während sie weiter darüber nachdachte, entledigte sie sich ihrem steifen
Sommerkleid. An manchen Stellen klebte es an ihrer Haut. Klebte das geronnene
Blut. Zurück im Badezimmer stellte sie sich unter die Dusche. Das kalte Wasser
war eine Wohltat. Sie wusch sich das Blut aus den Haaren und von der Haut. Sie
wollte sich reinigen. Sich von ihrer Vergangenheit freiwaschen und so blieb sie
über 50 Minuten unter dem kühlenden Wasserstrahl stehen.
Die Frau, die ihr nun im Spiegel entgegenblickte, sah trotz der Verletzungen
nicht mehr kaputt und verzweifelt aus. Etwas hatte sich verändert. Die Augen
der Frau im Spiegel leuchteten voller Lebensfreude. Auf ihrem Gesicht lag ein
triumphierendes Lächeln. In ihren Gedanken sah sie die letzten Bilder ihres Ex-Freundes. Wie sein regloser Körper
auf dem Sofa lag. Er hatte keine Macht mehr über sie.
Im Spiegelschrank stand noch die „Tatwaffe“, welche sie noch zu
vernichten hatte. So schraubte sie den Deckel des kleinen dunklen
Glasfläschchens auf und goss den tödlichen Rest in die Toilette. Das Fläschchen
landete im Abfalleimer. Hervorlugte noch das weisse Etikett auf dem in schön
geschwungener Schrift „Wolfswurz“ geschrieben stand. Daneben lag ein Buch mit dem Titel Die tödlichsten Pflanzen Europas.
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Wow! o_O
AntwortenLöschenIch hät der för das au e sächser gä! (sorry mis Mundart esch ergedwie nöm so guet wi au scho...) -. -