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Donnerstag, 25. Januar 2018

Der Fluch der Bundeslade - und wie man sich ihm entledigt

Draussen scheint die Sonne. Eine warme Wintersonne. Es ist gerade mild genug, um bereits seit 1,5h bei geöffneter Balkontür, im lila Schimmer meiner Vorhänge, an meinem MacBook Air zu sitzen. Neben dem Notebook steht ein rotes Anker auf dem weissen Tisch. Häshtäg Schwiizerbier. 
Ehe ich mit dem Schreiben dieses Eintrages beginnen konnte, bedurfte es einer Konsultation bei Freund Google. Bilder, aber auch animierte Bilder genannt GIFS mussten gesucht und gefunden werden, einfach um diese Eintragung noch dramatischer zu gestalten und mit Einfältigkeit zu untermalen. Der nächste Unterricht beginnt um 18:30 Uhr. Dies, weil meine Nachmittagsschülerin heute verhindert ist. So bleibt mir Zeit, um ein bisschen zu schreiben.
Ach übrigens, ich habe CHILDREN OF BODOM wieder entdeckt! Deren wunderbarer Melodic Metal dröhnt derweil aus den Lautsprechern meines iPod-Players? Nennt sich dieses Gerät so? Gestern habe ich mit meinem good old Droog darüber philosophiert, wie diese Vorrichtung aus Holz denn eigentlich heisst, in der Schienen eingelassen sind, in die man die Vorhänge einhängen kann. Droog meinte, eventuell Vorhangrahmen. Ich war für Vorhangschienenbrett. Wir wissen es bis heute nicht. Himmel... wie soll das nur herauskommen, wenn ich ab nächstem Monat mein Studium wieder aufnehme? Ich kann mich ja nicht einmal auf meinen eigenen geistigen Erguss fokussieren ohne abzuschweifen. Wie soll ich da, dann 4 Lektionen lang zuhören können? Die Zeit wirds offenbaren... 
Kommen wir nun zum Wesentlichen, noch immer COB hörend. Alexi Laiho ist einfach ein verdammt starker Gitarrist!
Hier möchte ich anmerken, dass ich heute bei meinen Eltern zum Mittagessen eingeladen war. Meine Mutter meinte, sie stelle ein Fluchglas auf. Offenabr habe ich das wunderhübsche "verdammt" zu oft gebraucht.

War nicht jeder von uns schon einmal auf der Suche nach der Bundeslade? Ich denke doch. Die Bundeslade, hier mit Bezug auf Indiana Jones - Jäger des verlorenen Schatzes, kann man als stellvertretende Metapher für so Vieles aus dem Leben nehmen. Man kann immer dann von der metaphorischen Bundeslade sprechen, wenn man etwas unbedingt gewollt, es schliesslich bekommen hat und danach aber so gar nicht glücklich damit war.

Nachdem ich mich meinem Job, dem Kohleschaufeln in der Hölle, entledigt hatte - oder vielmehr hatte dieser Job sich mir entledigt, war ich auf der Suche nach einem neuen. Es war nicht der Job, der  mir nen Arschtritt als Dankeschön gegeben hatte, vielmehr war es Eidechse. Die Eidechse könnte treffender nicht sein. Ich habe mir diesen Namen aus dem Stephen King Roman "Thinner" geliehen. Cary Rossington, meine Damen und Herren! Aber, lieber Carry Rossington, mit Dir rechne ich später noch ab...😏

Jedenfalls war ich auf der Suche nach der Bundeslade. Dieser goldene Schädel, der mir von Belloq abgenommen worden war, war mir nicht genug. Ich hatte ihn ja nicht mehr. Dafür bekam ich das Amulett und den Stab des Rah. Ich verlangte nach mehr. Dabei hatte ich mit dem Amulett des Rah bereits alles, was ich mir je wünschen konnte. Nur hatte ich das nicht gesehen. Man strebt, ganz Indy-like, nach Reichtum und Ruhm und vergisst alles Irdische dabei. Jedenfalls machte ich mich auf, die Bundeslade zu finden. Aus dem Becher eines Zimmermanns hatte ich ja bereits getrunken (nicht in der Filmreihenfolge, aber wir sind hier beim kreativen Schreiben und nehmen uns diese Freiheit einfach!), der letzte Tempelritter hatte mir sein Schwert überlassen wollen und ich hatte eine Verfolgungsjagd in den Katakomben eines Museums überlebt - trotz einer hysterisch kreischenden Nazischlampe. Also machte ich mich auf, die Bundeslade zu suchen und fand sie dann auch nach kurzer Zeit. Von einer Bekannten hatte ich einen Tipp erhalten, wo sie sich befinden könnte. Und siehe da, sie war da! Diese gottverdammte Bundeslade sollte MEIN sein... 

So in etwa hatte ich ausgesehen, als ich mich ihr genähert hatte. Man könnte auch sagen, als ich die Einladung zum Vorstellungsgespräch erhalten hatte: 

Ich hatte die Bundeslade gefunden. Sie stand vor mir. Zum Greifen nah! Sie war mein! Ehrfürchtig nahm ich sie entgegen... behutsam öffnete ich sie... doch... nachdem der schwere goldene Deckel abgehoben worden war, befand sich in der Kiste nichts, denn Sand. 




Kaum hatte ich den Sand der Bundeslade durch meine Finger rieseln lassen, waren seltsame Lichter zu sehen. Sie kamen direkt aus der Bundeslade. Wer Indy gesehen hat (ich bereits damals als Kind - Merci, Erich! Dein Filmgeschmack ist einfach erlesen), weiss um die Gefahr. Ich schloss meine Augen. Ich verschloss meine Augen vor der Realität. Ich war kurz davor zu explodieren. Mein Gesicht sollte zu schmelzen beginnen, doch ich rannte davon, als wäre der Teufel persönlich hinter mir her! Noch ehe mich das hier unten gezeigte Schicksal ereilen konnte, ergriff ich die Initiative:


Ich dachte an Forrest Gump. An Jenny, die immer wieder rief: "Lauf, Forrest, lauf!"

Also rannte ich. "Von dem Tag an, bin ich nirgendwo hin mehr gegangen. Ich bin nur noch gelaufen!"
Schliesslich wurde ich von einer Kugel aus Stein? oder gottweisswas gejagt. Ich wurde gejagt! Gejagt als wäre ich ein verdammter Hai! Na? 😏 Ihr, oh meine Leser, wisst worauf das hinausläuft, wenn Eure werte Schreiberin das Wort "Hai" gebraucht. Genau. Wir kommen zu einer Randnotiz zu oder über JAWS. Ach, was hat Steven Spielberg uns doch gute Filme beschert! Wäre er nicht, wäre meine Kindheit wohl nicht so farbenfroh gewesen... Jedenfalls, fühlte ich mich plötzlich, wie dieser missverstandene Hai in JAWS. Von drei Typen grundlos gejagt. Im Begriff von einer Steinkugel zermalmt zu werden. Na, wunderbar! Es gab nur noch eines! Ich musste da raus! Ich musste raus aus diesem Erdloch! Also rannte ich! Schwang die Peitsche, zog mich über einen Abgrund und kam noch knapp unter einem sich schliessenden steinernen Tor hindurch, ehe ich für alle Ewigkeit Gefangene in diesem Erdloch sein sollte. 


Schliesslich karrte ich die, in eine stabile (mehr oder weniger, denn welche Holzkiste in der Geschichte aller Holzkisten konnte sich je gegen ein Brecheisen behaupten???) Holzkiste verpackte, Bundeslade durch ein brobdingnagisches Lagerhaus. Hier soll sie ruhen. Inmitten meiner anderen ehemaligen Arbeitgeber. Ruhet in Frieden... 


Als die Bundeslade weggekarrt und ich wieder zuhause war, sah mein Gesicht in etwa so aus: 


Wie man sich dem Fluch der Bundeslade entziehen kann:
Macht es wie Forrest Gump. Lauft! Lauft davon! Sobald sich die Lade geöffnet hat und die Geister entwichen sind, kann man nur noch die Augen schliessen. Sind die Geister abgezogen, einen Berg aus Leichen hinter sich lassen, kann man nur noch rennen! 

Freitag, 12. Januar 2018

Rückblick: Der falsche Job

Wie die Meisten unter Euch wissen, habe ich schon Tage in an der Zahl vielen Branchen zugebracht. Ich blicke auf witzige, finstere und auch lehrreiche Zeiten zurück.

Die Arbeit in einer ganz bestimmten Branche scheint mich noch immer zu verfolgen.
Es handelt sich um eine Branche, in der Mann jeden Tag andere Kunden zu bedienen hat. Zwar (noch?) nicht dergestalt unterwürfig, wie etwa in einigen Restaurants in Japan, wo man Bestellungen auf den Knien entgegennimmt, aber devot genug. Immer fröhlich lächeln, sich alles gefallen lassen und das eigene Ego vor Arbeitsbeginn am Eingang abgeben und erst nach Dienstschluss wieder abholen.
Es gibt Menschen, die sind dafür geschaffen. Es gibt Menschen, die machen das einfach. Es gibt Menschen, die machen das einfach, träumen jedoch von einem besseren Job. Dann gibt es Menschen, die so gar nicht dafür geschaffen sind. Dann gibt es auch noch Menschen, die teilweise dafür geschaffen sind - zu denen zähle ich.
Ich kann stets gut gelaunt sein, auch wenn ich innerlich schreie und am liebsten alles um mich herum in Schutt und Asche legen würde. Und auch wenn der zahlende Kunde noch so herum brüllt, noch immer lächeln und freundlich sein. Und natürlich hat IMMER Verständnis. Meistens hatte ich das sogar... Jedoch nicht immer. Wenn ein Kunde eine Beschwerde hatte, erbauen auf einem soliden Fundament, dann hatte ich Verständnis.

Ihr ahnt schon um welche Branche es geht, nicht wahr?
Korrekt!
Wieso genau komme ich jetzt, am 12.01.2018 dazu, so einen Eintrag zu verfassen?
a) die Geister der Vergangenheit sitzen gemütlich in meinem Wohnzimmer (bei einem Bier)
b) Ich sehne mich zurück
c) Ich unterrichte Menschen aus diesem Berufssektor in Deutsch

Es ist c). Ich unterrichte einen Hotel- und Gastro-Kurs und darf zweimal die Woche in Erinnerungen an meine Zeit in der Gastronomie schwelgen. Ich habe Verständnis für meine Studis, die sich über bestimmte Gäste echauffieren, habe ich das doch alles auch schon mitgemacht.

An Tisch 2 haben sich eben zwei Frauen gesetzt. Die eine trächtig, wie eine Stute die Zwillinge erwartet, die andere mit zwei schreienden Kindern. Na Bravo! Und das in meiner Station... Wieso konnten sich die nicht an Tisch 12 setzen? Dann hätte sich Noemi um sie kümmern dürfen. Die liebt Kinder. Was bleibt mir anderes übrig, als fröhlich lächelnd zum Tisch zu gehen und meine Gäste willkommen zu heissen?
Ich nehme die Bestellung entgegen und verschwinde im Office. Noemi schaut mich an, sichtlich bemüht nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Denn jeder weiss, dass ich nicht kinderkompatibel bin. "Sag nichts." und schon prustet sie los. Als sie sich von ihrem Lachkrampf erholt hat, hilft sie mir bei den Getränken. Sie macht die heisse Schokolade für die Kinder.
Ich bereite die beiden Tee zu. Eisenkraut, welches überall als wohlriechendes Eisenkraut angepriesen wird. Es würde sicherlich keiner Eisenkrauttee bestellen, wenn da stehen würde übelriechendes Eisenkraut. Und einen Früchtetee: Granatapfel und Eukalyptus. Ekelhaft. Ich gehe zum Tisch und setze erst die Kindergetränke ein. Dann die beiden Tee. Die beiden Frauen freuen sich über den achso herrlichen Duft. Ich frage, ob sie noch etwas möchten. Nein. Keine zwei Minuten später winkt die Trächtige. Sie hätte gerne etwas Milch in ihren Eisenkrauttee. Sehr gern. Sonst noch etwas? Nein.
Mich fragend, wie man einen feinen Tee mit einem Molkereiprodukt entweihen kann, gehe ich ins Office und hole eines dieser kleinen Keramikkännchen mit Milch. Sie freut sich über das süsse Kännchen. Kurz darauf werde ich wieder zum Tisch gewunken. Sie hätte gerne noch eine Zitrone. Ich beginne an der Menschheit zu zweifeln. Eisenkrauttee mit Zitrone und Milch. Mein Magen macht sich bemerkbar und teilt mir unmissverständlich mit, dass er schon genug hat, nur beim Gedanken daran. Keine Sorge. Wir sind Freunde. Ich werde Dich nicht malträtieren. Wieder frage ich, ob es sonst noch etwas sein dürfe. Nein. Natürlich nicht. Denn es wäre ja zu viel verlangt, wenn man alles auf einmal bestellen könnte. Es macht ja viel mehr Spass die Servicedüse alle 2min zum Tisch zu rufen. Und auch hier, stehe ich gute 2min später wieder an Tisch 2. Die andere hätte auch gerne eine Zitrone. Aber gern doch. Noch immer habe ich dieses freundliche Lächeln im Gesicht und überlege mir, welche von beiden ich zuerst abschlachten soll. Ich bringe die Zitrone.
5 Minuten später winkt die Trächtige wieder. Heimatland! Das kann doch nicht wahr sein! Ja die Damen? Sie hätten gerne ein Stück Kuchen. Von welchem darf es denn sein. Das ist egal. Aha... Schwarzwälder? Oh nein, der ist zu mastig. Kirsche? Oh nein, darauf ist Dudelsack Nr. 1 allergisch. Demnach ist es doch nicht so egal, denke ich mir. Schliesslich entscheidet man sich für Apfelstrudel. Das mögen auch die beiden Dudelsäcke.







Montag, 1. Januar 2018

Das schlimmste Silvester meines Lebens...

Willkommen zurück lieber Leser,
Schön, dass Du wieder hier bist - um Dich ein weiteres Mal an meinem Leid zu ergötzen. 

Wer kennt das nicht? Eigentlich hat man etwas völlig Anderes geplant, aber Umstände der unumstösslichen Art machen die Planung zunichte und plötzlich befindet man sich in einem Szenario, welches so absurd ist, dass man es für einen Moment in einem Standbild einfriert, betrachtet und voller Entsetzen sagt: 

"Das ist nicht mein Leben!"

Genau so sollte es mir ergehen... Die Erinnerung, die unsereins dann noch Jahrzehnte lang verfolgt, ist ein Fluch... So hat man dieses Szenario eigentlich nicht nur einmal durchlebt, nein man durchlebt sie immer wieder. Selbst die Gerüche sind präsent. Nicht einmal die Gerüche kann mein Gehirn vergessen! 
Irgendwo habe ich gelesen, dass die Hölle, die Wiederholung sei. 
Stephen King hat eine wunderbare Kurzgeschichte zu genau diesem Thema veröffentlicht. Das Leben nach dem Tod enthalten in Basar der bösen Träume.

Wie dem auch sei, ich möchte.... ("möchte"? Modalverb... "möchte" ist das gänzlich falsche Verb) ich WERDE nun gleich mit der eigentlichen Erzählung beginnen, doch ehe ich dies tue, komme ich nicht umhin anzumerken...


VORSATZ 2018 #1
Ich werde wieder mehr schreiben. Oh, wie wortgewandt wir doch heute sind... "mehr schreiben". Was soll das heissen? Ich werde längere Einträge schreiben? Ich werde das Wort "mehr" schreiben?
Ich werde häufiger schreiben, soll das heissen. 
Vorgenommen habe ich mir, den Sonntag der Schreiberei und des Bloggens zu widmen. Heute haben wir zwar Montag, aber dieser Silvester-Eintrag muss raus! 


DER EIGENTLICHE EINTRAG BEGINNT HIER:
Als Einleitung passt der Comic vom ComicGott Adam Ellis perfekt:


Es zeigt wahrheitsgetreu mein Leben im Bezug auf Silvester. 
Im Kindesalter war es super! Man durfte endlich mal bis um Mitternacht aufbleiben. Ich erinnere mich an einen Monopolyabend mit Verwandten... Im Teeniealter war dann Party angesagt! Ich erinnere mich an einen Black Metal Event von Dark Forest, der mir in Erinnerung geblieben ist. In den Zwanzigern folgte das Grauen, über welches ich hier schreiben werde und etwa so haben wir ausgesehen, wie im Comic. In den Dreissigern wurde  mir Silvester völlig egal. Zweimal habe ich es bereits verschlafen... Ju:Hu.

Haha nein, ich werde nicht über den gestrigen Abend berichten. Sondern über ein Silvester im Jahr... in welchem Jahr war das noch gleich? Moment, ich muss meine Moleskine konsultieren. 
Während ich das mache, geniesst dieses Musikvideo von Goldfrapp. Ich höre den Song schon den ganzen Vormittag powerplay. Kennen tue ich ihn exakt seit dem 29.12.2017. Er kam in der Episode Crocodile von Black Mirror vor.  



So, ich bin fündig geworden. Es handelt sich hier um den Neujahrsabend des Jahres 2005. ...2005...
...als ich jung war...
Jedenfalls hatte ich damals diesen Freund, ein Muttersöhnchen sondergleichen! Heute arbeitet er als Mittelstufenlehrer. Das hat zumindest eine Stalkingreise durchs WWW ergeben.
Wie das mit Exen oftmals so ist, kann man sich, nachdem man die Beziehung beendet hat, nicht erklären, wieso man sich je darauf eingelassen hat. So ergeht es auch mir.
Jedenfalls ereignete sich dieses gar grausige Silvester-Highlight während meiner Black-Metal-Ära, welcher der heutige Lehrer ebenso angehört hat.
Eigentlich gab es eine Purplemoon-Party, auf der ein Bekannter anzutreffen gewesen wäre. Die andere Option wäre ein Black-Metal-Konzert gewesen. Zu Letzterem hatte ich mich hinreissen lassen und bereits mit allen Bekannten und Freunden den Abend besprochen. Es war fix. Ich würde Silvester 2005 umgeben von urchigen Black Metal Klängen und unzähligen Litern Bier verbringen. Perfekt!
Der heutige Lehrer, nennen wir ihn der Einfachheit halber Waschi (für Waschlappen), hatte zugestimmt. Doch just am Abend zuvor meinte er dann, es ginge nicht. Ähm?! Wie bitte?!
Er müsse mit "Mutti" und "Vati" feiern. Gedanklich ging ich die Liste der Freunde durch, die den selben Weg zur BM-Party hatten, wie ich und fragte mich, an wessen Fersen ich mich dann wohl heften könnte, als er dann sprach, ich sei auch eingeladen. *schluck*
Silvester  mit seinen, mich nicht mögenden Eltern verbringen? Na wundervoll!
Als dann auch noch seine Mutter darauf bestehen sollte, dass ich mitginge, willigte ich schliesslich ein. Glücklich war ich darüber nicht.
Ich benachrichtige meine Freunde, dass ich doch nicht kommen könne, da ich mit Waschi und dessen Sippe zelebrieren müsse. Dafür erntete ich grosses Mitleid.
Der Silvesterabend war da. Ich betrat das Haus von Waschis Familie. Es herrschte grosse Aufregung. Waschis Vater war sichtlich erleichtert, dass man keines meiner Tattoos sehen konnte.
Wir stiegen ins Auto. In diese Familienschaukel. Ich war bereits genervt.
Ehe wir zum Restaurant fahren konnten, mussten wir noch einen Umweg machen und den "Grossvati" abholen. Wenn es denn nur ein Abholen gewesen wäre. Nein, wir mussten aussteigen und in diese Raucherwohnung gehen. Wieso wir gute 30min darin bleiben mussten, entzieht sich meinem Verständnis bis heute. Jedenfalls konnten wir dann endlich weiterziehen. Ich war noch genervter und hatte Kopfschmerzen, aufgrund des Rauchinhalierens.


NÄCHSTER HALT: RESTAURANT

Wir kehrten in einem Restaurant ein, welches ein Silvestermenü servierte. Sonst nichts. Waschis Vater wusste um die Tatsache, dass ich seit frühster Kindheit keine Tiere esse. Es war ihm egal. Ignorant.
Ich betrachtete das Menü... Ekel und Sorge keimten in mir auf. Also erdreistete ich mich zu fragen, ob sie auch etwas anderes hätten. Die Kellnerin verneinte stirnrunzelnd.
Also ging ich einen Schritt weiter und teilte ihr mit, ich sei Vegetarierin (damals noch keine Veganerin). Sie runzelte wieder die Stirn. Sie schaue, was sich machen lässt. Und dann fragte sie allen Ernstes, ob ich den Fisch denn essen würde. Himmelarschundzwirn! Ich esse keine Tiere, aber Fisch geht in Ordnung! Echt, wie beschränkt ist die Menschheit eigentlich?
Jedenfalls erntete ich für das "Nein" und auch schon nur für das fragen, nach einer vegetarischen Alternative finstere Blicke von Waschis Vater. Er sagte noch nichts.
Das Essen wurde serviert. Mein Salat war ohne Speckwürfel. Welche Freude!
Als Hauptgang bekam ich breite Bandnudeln die nur so in Butter gebadet worden waren. Igitt. Bohnen im Speckmantel. Gemüse. Die Anderen hatten noch ein Stück eines toten Tieres auf ihren Tellern. Ich fragte Waschi, ob er meine Bohnen essen möchte. Da platze seinem alten Herren der Kragen und er keifte mich an, was denn jetzt daran wieder nicht gut sei.
"Sie sind vom Speck kontaminiert."
"Das kann man abmachen!"
"Trotzdem riechen und schmecken sie dann nach Speck."
Daraufhin folgte ein Monolog, wie man sich nur so anstellen könne, und dass jeder normale Mensch das essen würde. Er wollte mich provozieren und hatte es geschafft. Also entgegnete ich, dass ich als anomaler Mensch eben keine Tierkadaver esse. Er könne mich ja in einer Zwangsjacke abführen lassen. Waschi wollte mich beruhigen, sein Vater hätte mir wohl am liebsten eine runtergehauen. Waschis Mutter, beruhigte ihren Göttergatten. Für ihn war der Abend wohl gelaufen. Selbst Schuld.
Nachdem Essen dachte ich, wir würden nach hause gehen, aber nein. Wir sollten weiterziehen, weil "Grossvati" mit seinen Bekannten Silvester feiern wollte - und wir mussten mit...


NÄCHSTER HALT: MIEFIGER SPUNTEN

Wir fuhren über die Lande... Irgendwann waren keine Lichter mehr zu erkennen. Um uns herum die ewige Finsternis. In der Ferne war der Saum eines Waldes auszumachen. Wo zur Hölle waren wir?


Die Gegend liess vermuten, dass wir bald in der Ferne das Hewitt-House aus Texas Chainsaw Massacre erreichen und einen qualvollen Tod sterben würden...
In der Ferne waren dann wirklich Lichter zu sehen. Es war das Restaurant. Wie kann ein Restaurant, derart fernab jeglicher Zivilisation nur existieren?
Wie dem auch sei, hatten wir unser Ziel bald erreicht. Ich kann nicht behaupten, dass dies irgendeine positive Regung in mir ausgelöst hätte. Immerhin war die Luft im Auto verhältnismässig klar und rein.
Wir verliessen das Auto und uns in die nächste Hölle zu begeben. Der Beiz Decke war sehr niedrig. Kein Problem für mich. Menschen die über 180cm messen hätten aber ihre Probleme gehabt. Wir gingen durch einen schmalen niedrigen Korridor, der für Klaustrophobiker die reinste Tortur gewesen wäre. Bereits da hiess uns ein beissender Gestank willkommen. Nikotin. Altes ja nahezu prähistorische Nikotinablagerungen gemischt mit frischem Rauch. Beissend. Die Atemwege verätzend. Die Lunge schwärzend. Als wir die Gaststube betraten, schwebte uns ausserdem der Geruch nach alten ungewaschenen Menschen entgegen. "Grossvati" begrüsste alle seine Kollegen und Bekannten und feierte ausgelassen mit denen. Ich hatte Kopfschmerzen und dem Leben nahezu überdrüssig. Wir sollten bis Mitternacht dort ausharren müssen.
Auf die Frage, was ich trinken möchte, sagte die Zicke in mir völlig entnervt in ihrer besten Divastimme "Danke. Bin bedient!" Waschis Vater regte sich bereits zum dritten Mal über meine Person auf. Es war mir egal. Die Lautstärke und die Gerüche und das Fehlen von Sauerstoff waren unerträglich. Irgendwann meinte auch Waschis Mutter, sie möchte gehen. Auch sie hatte Kopfschmerzen und fand den Geruch unausstehlich.
Waschis Vater hingegen meinte, sie solle sich nicht so aufführen. Schliesslich sie es sein Vater und der möchte nunmal mit seinen Bekannten feiern.

"Wieso verschieben wir nicht noch gleich die Erdachse, 
um das Wetter für ihn angenehmer zu gestalten?"

Es schien, als hätten die Beiden eine Meinungsverschiedenheit. Gut. 
Die Zustände in diesem Spunten hätte man sich nicht einmal schön trinken können. Gefühlte 5 Stunden mussten wir dort bleiben. Wie Gefangene... 
Als dann endlich gezählt rückwärts gezählt und dann jubiliert wurde, jubilierte ich innerlich! Wir hatten es geschafft! Es war endlich Mitternacht! Wir sollten erlöst sein! 
Doch wider meiner Vorstellung, wir würden aufspringen und hinausrennen, als wäre der Teufel persönlich hinter uns her, blieb man einfach sitzen. Panik keimte in mir auf! Doch dann griff Waschis Mutter nach ihrem Schal und legte ihn sich um den Hals. Sie war startklar. Waschis Vater warf ihr einen vielsagenden und finsteren Blick zu. Ich zog meine Jacke an. Der zweite finstere Blick galt mir. Waschis Mutter erhob sich. In dem Moment hätte ich diese Frau umarmen können! Wir waren startklar. Doch "Grossvati" musste sich erst noch von all seinen 100 Bekannten verabschieden. Das machte nichts. Waschis Mutter und ich warteten draussen in der kühlen und klaren, sauerstoffschwangeren Nacht. Meine Lungenflügel jubilierten! Waschis Mutter meinte, sie habe es auch nicht mehr ausgehalten da drinnen. Der Gestank sei ja grausam gewesen. Wenn es nur der Gestank gewesen wäre... Die ganze verdammte Nacht war nicht zum Aushalten gewesen... 

Kurz darauf trennten sich die Wege von Waschi und mir... 

Sonntag, 30. April 2017

wandernder Dickdarm mit Reisekrankheit

Der Titel verrät es bereits. Es ist an der Zeit nun nicht mehr länger von meiner Hausärztin sondern von meiner ehemaligen Hausärztin zu sprechen.
Die Schmerzen im Unterleib kämen wohl vom Dickdarm. Könnte eine leichte Entzündung sein. Die Entzündungswerte im Blut waren dann aber bei 0,0000... Möglicherweise hätte ich einfach die Reisekrankheit und die Schmerzen würden sich dann wieder legen, sobald ich in den Ferien weile.
Da die Schmerzen aber vielmehr im Bereich der Leiste angesiedelt sind, gehe ich davon aus, dass mein Dickdarm gewandert ist. Vielleicht ja weil er an der Reisekrankheit leidet?

Heute habe ich knapp 2 Stunden meines Lebens im Notfall des hiesigen Krankenhauses zugebracht. Um die Wartezeit zu überbrücken hatte ich Tammy Cohen's neues Buch dabei.

Ein Rentner meldete sich bei einer der Schwestern und klagte darüber, dass er nicht den ganzen Tag Zeit habe. Er habe noch einen Termin! Genosse Rentner, dies ist eine Notaufnahme. Mit Wartezeiten ist zu rechnen. Würde ich dort arbeiten, würde ich mich wohl eXtrem über solche Patienten aufregen...

Jedenfalls durfte ich dann wieder gehen, mit einem Rezept für eine Ladung Medikamente.
Es ist nun offiziell! Ich darf fliegen! Dann äusserte man sich mir gegenüber (einfach um mein internes Freudenorchester zum Schweigen zu bringen), dass Japan ja ausgezeichnete Krankenhäuser habe, falls etwas sein sollte... Danke.

Ich habe mir, möglicherweise beim Trampolin-Workout (oder einfach durch meine Fettheit) einen Leistenbruch zugezogen. Einer, der nicht so schlimm ist, dass man gleich operieren müsste. Andere Menschen laufen 8 Monate mit einem Leistenbruch umher. Das beruhigte mich dann doch ein bisschen, besonders nachdem ich gelesen hatte, dass das Gedärm davon flutschen und sich so einklemmen kann, was dann eine sofortige Notoperation zur Folge hat - es sei denn, man möchte das Zeitliche segnen.

Tja und so gehe ich mit einem Leistenbruch und 4 Packungen Medikation in den Urlaub. Eigentlich hatte ich ja den zweiten Hiking Trail in Kamakura geplant, aber angesichts meines defekten Daseins, denke ich, es ist von Vorteil übermässige Anstrengungen auszulassen.
Mein anfänglicher Scherz, von wegen ich würde mich dieses Jahr nur auf dem Balkon meines Apartments in Tokyo aufhalten und sonst nichts machen, wird wohl fast die traurige Wahrheit... Wir werden sehen.

Sollte ich mich zu einer Notoperation im St. Lukes, welches wir ja bereits kennen, einfinden, werde ich natürlich darüber berichten. In dem Sinne: schöne Ferien! 

Sonntag, 27. März 2016

Oh ho ho jetzt bricht die Nachtruhe aus aka I saw the devil

Ihr, meine treuen Leser, kennt bestimmt den Film "I saw the devil". Wenn auch nur den Titel. Das reicht schon. Denn, ich habe das pure Böse gesehen! Ich habe es kennen gelernt.
Das Böse wandelt auf Erden, es weilt mitten unter uns. Und genau, wie im Film DEVIL dargestellt, ist das Böse im Körper einer alten Frau. Zumindest habe ich sie oder es so kennengelernt...

Die erste Nacht war... es gibt in der deutschen Sprache eigentlich kein Wort, das diese Empfindungen zu beschreiben vermag. Oh Moment, bitte. Ihr erinnert Euch an das Geschnarche von M? In der Erzählung Nicht von dieser Welt... im unteren Abschnitt beschrieb ich damals etwas Vergleichbares.

Mein Bett wurde in das Zimmer 124 geschoben, in dem ich die nächsten Tage und Nächte verbringen sollte. Die Schwester oder Pflegefachfrau vom Nachtdienst hat mir meine beiden Zimmergenossinnen vorgestellt. Eine Rentnerin die grimmigen Gesichts im Bett lag und eine junge Frau, wohl ca. 20 Jahre alt. Ich nenne die 20-Jährige der Einfachheit halber Wilma. Die Rentnerin nennen wir Mrs. Ganush (genau, wie die zauberhafte alte Dame im Film Drag me to hell).

Nacht 1, Dienstag 02. Februar 2016

Wilma und ich hatten noch Licht an und lasen. Sie in einer Zeitschrift, ich kämpfte mich durch ein paar Zeilen von Richard Laymon's Die Familie. Plötzlich krähte es von ihrem Bett her, "Ich will schlafen! Gottverdammt! SCHLAFEN!"
Gut, ich dachte mir erst nichts dabei. Vielleicht hatte sie gerade eine schwere Operation hinter sich und war daher etwas schrullig. Jaja Navilein, glaub daran...
Ich löschte dann mal mein Licht, weil ich eigentlich auch schlafen wollte. Tja, man bekommt nur nicht immer das, was man gerne hätte. Sie krähte weiter. Dann löschte auch Wilma ihr Licht. Fast zeitgleich stand eine Pflegerin im Zimmer. Und Mrs. Ganush wimmerte, sie könne nicht schlafen. Sie möchte eine Pille haben. Die hat sie dann bekommen und Mrs. Ganush schnarchte, seltsame Laute von sich gebend, vor sich hin.
Ich denke nicht, dass ich lange geschlafen habe, als ich durch einen Schrei aufgeweckt oder besser aufgeschreckt worden bin. "PISSEN!!! ICH MUSS PISSEN!!! PISSEN!!!" Die Tür ging auf, eine Pflegerin kam herein. Mrs. Ganush wollte zur Toilette gehen, hatte aber derartige Schmerzen beim Auftreten, dass sie die halbe Station wach brüllte.
So ging es dann gut 7x Mal. Jedes Mal, wenn ich wieder schlafen konnte, wurde ich wieder aufgeschreckt und erschreckt, weil sie wieder herumbrüllten musste.
Wilma sagte nichts. Ich überlegte mir noch, ob ich etwas sagen sollte. Jedoch hatte ich Angst davor, von ihr verflucht zu werden. Schliesslich murmelte sie unverständliche Sätze und ich musste an Mrs. Ganush denken... Wer den Film gesehen hat, versteht, warum ich nichts gesagt habe...


Mittwoch, 4. November 2015

Das Internet ist voll von Psychopathen

Wir schreiben den 5. November 2015. Wir leben in einem Zeitalter, in dem Autos fliegen können und wir anstelle von Skateboards Hoverboards benutzen, um vorwärts zu kommen. Unsere Haustüren lassen sich per Fingerabdruck öffnen und Pizza Hut hat eine Pizza erfunden, die beim Backen um ein Vierfaches grösser wird. Pepsi hat Cola ausgestochen, Hunde gehen ohne Herrchen Gassi und wenn wir zufälligerweise in einen Teich fallen, trocknet unsere Kleidung von selbst. Keiner hat ein Smartphone in der Hand. Keiner hat einen iPod oder geschweige denn die weissen Stöpsel in den Ohren, keiner hat überteuerte Beats by Dr. Dre auf dem Kopf oder nutzt das Internet. Das Internet existiert gar nicht.  Jetzt wissen wir, dass etwas nicht stimmt...

Im richtigen Jahr 2105 hat man sich nicht viel zu sagen. Trifft man sich mit Freunden, sitzt man zwar in der Gruppe da, aber jeder schaut auf diesen kleinen Bildschirm, den er in der Hand hat. Hören will man ohnehin nichts, das signalisieren die Kopfhörer...
Aber, das Internet ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Es bestimmt unser Leben.
Wir können einen ganzen Nachmittag auf der Webseite von Zalando verbringen und Kleidung und Accessoires einkaufen, die uns dann portofrei zur Anprobe zugeschickt werden. Kosmetikprodukte aus Japan bekomme ich bei Amazon, Produkte von Shiseido bei easycosmetic. Bestelle ich wieder Produkte für über CHF 300,- sperrt man meine Kreditkarte, weil man denkt, es handle sich um eine seltsame Transaktion. Wer kauft schon Kosmetika für über CHF 300,- ein? Guter Mann, eine Frau, die das dreissigste Lebensjahr erreicht und der rapiden Hautalterung entgegenwirken will!
Jedenfalls können wir sogar Lebensmittel im Internet einkaufen, die einem noch am selben Tag geliefert werden.
Wollte man sich früher eine Pizza bestellen, war man gezwungen dort anzurufen. Dank Foodarena, bestellt man sich die Pizza mit ein paar Klicks online.
Fahrpläne finden wir online, Veranstaltungen, Flüge, Hotels... Ja gar unsere Bankgeschäfte wickeln wir online ab.
Wir sparen uns auch die Briefmarken, in dem wir Emails verschicken. Wer heiraten will, sucht sich online auf der Webseite einer Vermittlungsagentur jemanden aus. Oder man trifft sich online auf Seiten wie Paarship...
Wenn wir eine Fremdsprache lernen wollen, können wir dies auch online machen. And here we go!

Seit kurzem unterrichte ich Deutsch über eine Webseite. Allerdings bekomme ich da kaum Studenten, weil die Deutschen Preisdumping betreiben. Sorry, ich bin Schweizer und unterrichte auch online zu einem Schweizer Lohn. Welcher geistig gesunde Mensch, unterrichtet 45min für CHF 5,-?
Jedenfalls bin ich noch auf einer anderen Webseite angemeldet, wo es um Sprachaustausch für Japanisch geht. Und dort habe ich den Musiker kennen gelernt.

Immer wieder fragen mich die Leute, "Wo hast du ihn kennen gelernt? Im Internet??? o_O" und fallen dergestalt rapide ins Loch, dass man nicht einmal mehr ein rettendes Seil hinterher werfen kann. Ja. Im Internet! Herzlich willkommen im RICHTIGEN Jahr 2015!
Aber im Internet wimmelt es von Psychopathen!
Korrekt! Das passt ja dann perfekt... Moment ich schnall kurz meine Zwangsjacke zu...
Ich könnte in einem Vorgarten verscharrt werden - ja. Die Wahrscheinlichkeit, dass einem das passiert mit jemandem, den man beispielsweise in einer Bar kennen gelernt hat, ist allerdings grösser. Ich müsste mich schwer täuschen, dass Ted Bundy damals mit einem Smartphone unterwegs war, und Frauen im Chat kennengelernt, sich mit ihnen getroffen und sie dann verstümmelt hat. Ted Bundy machte das noch ganz altmodisch. Oder Jeffrey Dahmer? Der ging gern in Clubs, nahm jemanden mit nachhause und die Person ward nicht mehr gesehen...
Wenn wir schon dabei sind, die 33 Leichen junger Männer, die man aus John Wayne Gacy's Keller exhumiert hat, verfügten auch noch nicht über einen Internetanschluss. Vielleicht hatte einer einen alten Atari zu hause, wer weiss... Aber keinen Internetzugang, keinen Chatroom, etc...

Ja liebe Leute, die Welt vor dem Internet schon voll von Psychopathen... 

Sonntag, 23. Februar 2014

Der neue Lehrer

Was er über seinen Vorgänger wusste, waren recht unerfreuliche Sachen. Um sich bei seiner Klasse beliebt zu machen, wollte er dessen Fehler nicht wiederholen. Frischen Wind ins Klassenzimmer bringen! DAS, ja das war seine Mission! Er würde es schon schaffen!

Seine Klasse, eine Abschlussklasse bestehend aus 16-jährigen starrköpfigen Teenagern, beäugte ihn sehr kritisch. Auf seinen Morgengruss wollte kaum einer eingehen. So schrieb er seinen Namen in grossen Lettern mit weisser Kreide an die Wandtafel.
Gernot Rudolfshain
Seine Schüler tuschelten. GerNOT, ja in Note werden wir den versetzen!
Er drehte sich um und schaute mit seinen leuchtend blauen Augen in die finster dreinblickenden Gesichter seiner Klasse 4B. Einer der Schüler drückte auf dem Mobiltelefon herum, was zu dem Zeitpunkt eher aussergewöhnlich war.
Er nahm die Kreide wieder auf:
Gernot Rudolfshain
Als er sich mit seinem blonden Haarschopf wieder umdrehte, schaute er in lauter fragende Gesichter. So versuchte er es auf die gönnerhafte Art. "Nennt mich Gernot.", verkündete er sich seiner Sache sicher.
Er hatte die Kids! Das Eis schien gebrochen!

Gernot merkte nicht, wie ihm alles entglitt. Anfangs mochten ihn alle Schüler, doch mit der Zeit tanzten sie ihm auf der Nase herum. So brüllte er den Jungen mit dem Mobiltelefon nahezu täglich an, das (anfänglich) Ding und (schliesslich) das scheiss Ding wegzulegen. Der Junge grinste hämisch und telefonierte während den Stunden.
Gernot wollte hart durchgreifen und bediente sich den Methoden seines Vorgängers. So brüllte er den Jungen mit dem Mobiltelefon an, er möge dieses verdammte scheiss Ding endlich weglegen, sonst müsse er nachsitzen!
Da kicherte das aufsässige dicke Mädchen in der 2. Reihe. Auf seinen grimmigen Blick reagierte sie mit abwertendem Gelächter.
"Gernot, du bist ein Versager! Glaubst du wirklich, du kannst herkommen, einen auf Kumpel machen und dann wenn dich keiner ernst nimmt, auf streng machen? Bei deinem Vorgänger hats funktioniert. Das war auch ein Despot. Aber du? Sorry. No chance."
Weitere Stimmen meldeten sich in ähnlicher Weise:
"GerNOT, oh GerNOT, sehe sie doch, deine NOT!"
"Hey Keule, nimms easy. Kriegst die Kohle ja doch - egal ob der Laden läuft oder nicht!"
"Ja Alter! Meinst musst jetzt auf dicke Hose machen und wir nehmen dich ernst?"
"Komm runter. Mach dich nicht lächerlich!"
"Ja Gerni, ziehs durch! Sind ja nur noch 10 Monate!"
"Rudi bleib zuhaus. Wir rocken die Bude schon!"
"Ey Chef, du hast eh keine Ahnung, von dem was du tust. Also lass es! Wir wissens besser!"
"Joa! Wir sind die Chegger! Verzieh dich!"

Gernot wusste sich nicht mehr zu helfen. So verliess er sein Klassenzimmer auf der 7. Etage und ging nach unten ins Lehrerzimmer. Dort heulte er sich bei den anderen Lehrern und dem Hauswart über seine Klasse aus.
"Ich ertrage das nicht mehr! Die tanzen mir auf der Nase rum! Ich verstehe das nicht! Schlimmer als mein Vorgänger kann ich ja kaum sein! Wieso machen die das?! Ich habe die Kontrolle verloren. Jeder macht, was er will! Ich habe versagt... *snieff* Wie bekomme ich die je wieder in den Griff?! Es ist nicht auszuhalten, was da abgeht! Ich drehe noch durch! *snieff* Meine Klasse... Chaos! Das sind keine Teenager, das sind Monster! Monster, die mir entglitten sind! Oder es waren keine Monster und ich habe sie zu welchen gemacht... Ich will nicht mehr!"

Keiner der Teenager der Klasse 4B hätte sich je träumen lassen, was sie am kommenden Tag im Klassenzimmer vorfanden. Der leblose Körper des revolutionären Lehrers Gernot Rudolfshain hing, an einem um den Hals geknüpften Strick, von der Decke. Die beigefarbene Hose wies dunkle, durch die letzte Darmentleerung hervorgerufene Flecke auf. Die Hitze des Sommers bildete mit den Fäkalien einen unerträglichen Geruch, der noch Wochen nach seiner Bestattung im Zimmer hing.
An seinem rosafarbenen Hemd war eine DIN A4 Seite befestigt, auf der geschrieben stand "Ich wollte nicht hören, ich wollte nicht sehen und ich wollte nichts sagen.  Ich habe versagt."

Freitag, 10. Januar 2014

Tortured


Die Sonne hing am Mittagshimmel und warf ihre wärmenden Strahlen gen Erdboden. Was für ein wunderbarer Frühlingstag!
Der kleine Alpi tobte mit seinen gleichaltrigen Freunden über die saftigen und weiten Wiesen des Bauernhofes. Seine Mutter sonnte sich fernab in der Nähe des grossen Kirschbaumes. Auch sie genoss den Frühling. Ganze Schwärme von Zitronenfaltern flogen in Pirouetten durch die Lüfte und bildeten bunte Farbkleckse auf dem sonst so blauen Himmel. 

Alpi spürte einen heftigen Schlag auf dem Hinterkopf und sackte zusammen. Als er die Augen wieder öffnete, war es dunkel um ihn. Es dauerte einige Minuten, bis er richtig zu sich kam, hatte es der zuvor verabreichte Schlag doch in sich gehabt. 
Nervös in die Dunkelheit hineinblickend, stellte er fest, dass er nicht allein war. Das Atmen Anderer war zu hören. Nun überlegte er, ob es sinnvoll wäre, in die Runde zu fragen, wer denn da sei. Allerdings hätte dies auch eine schlechte Idee sein können. Vielleicht sollte er ja noch immer bewusstlos da liegen? Alpi spielte beide Szenerien gedanklich durch und entschied sich dann doch, seinen ganzen Mut zusammen zu nehmen und sich bemerkbar zu machen. „Wer ist da?“ flüsterte er. Seine Stimme wollte einfach nicht fest sein, sie versagte. „Ich bin Lexi. Alpi, bist du das?“ hörte er eine vertraute Stimme fragen. Es war Lexi! Eine seiner Freundinnen. „Ja Lexi, ich bins! Wo sind wir hier? Was ist passiert?!“ „Ich weiss es nicht, Alpi… Ich weiss es nicht.“ Er hörte, wie Lexi zu wimmern begann. Da meldeten sich  weitere seiner Freunde zu Wort. Sie waren alle da. Jeder einzelne seiner Freunde, mit denen er zuvor noch auf der grossen Wiese gespielt hatte. Was war nur los? Keiner hatte eine Antwort auf die Frage. Keiner. Ausser dem kleinen Lyzander. „Mein Bruder hat mir von sowas erzählt. Er hat gesagt, man wacht an einem finsteren Ort auf. Dann sieht man kurz die Sonne und hört Schreie. Gequälte Schreie. Und dann ist man plötzlich selber der, der schreit und brüllt. Und dann wird es wieder schwarz.“ Lyzander’s grosser Bruder war vor einem halben Jahr spurlos verschwunden. Keiner hatte einen Anhaltspunkt. Keiner wusste, ob er abgehauen oder entführt worden war. Keki gefiel diese finstere Prophezeiung gar nicht, und so kam es, dass er den kleinen Lyzander anherrschte, er solle sein Maul halten! 
Die Luft an jenem finsteren Ort wurde immer drückender. Der Durst immer grösser. Einer von Alpis Freunden konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und brach in sich zusammen. Tolle. Er war der Erste, der es hinter sich hatte. Zwei Stunden, nach dem er zusammengebrochen war, war er tot. 
Alpi und seinen Freunden wurde die Tatsache bewusst, dass sie sich in echter Gefahr befanden. Das es kein Entrinnen geben würde. Möglicherweise war doch etwas Wahres an dem, was der kleine Lyzander erzählt hatte. Es herrschte eine beklemmende Stille. Jeder schien über das Selbe nachzudenken… 

Auf einmal wurde die Tür aufgerissen! Sie waren von der Helligkeit geblendet und sahen nicht, was vor ihnen lag. Eine dunkle bedrohlich wirkende Gestalt kam auf sie zu. In der Mitte des Gefängnisses blieb er stehen und brüllte: „RAUS HIER!“ Doch keiner wagte sich zu bewegen. Mit einer blutverschmierten Metallstange schlug er auf Lila ein. Sie brach zusammen. Er schlug weiterhin auf sie ein. Trat mit seinen Stahlkappenstiefeln in ihre Rippen. Erneut brüllte er, dass sich alle von hier verpissen sollen. Lyzander ging voran. Wow, war der mutig. Die anderen folgen ihm zaghaft. Die bedrohliche Gestalt schlug weiter wahllos mit seiner Metallstange auf Alpis Freunde ein. Neues Blut klebte daran. Tropfte herunter. Lilas Blut. Lila. Alpi drehte sich nach ihr um. Lila lag auf dem Boden, schwer atmend. Die Augen waren geschlossen. Blut rann aus der grossen, das Gehirn freilegenden Wunde, übers Gesicht auf den Boden. Sie zuckte. Lila. 

Es wurde wieder dunkel. Schreie waren zu hören. Schmerzensschreie. Folter und Tod schien ihr Schicksal zu sein. Dies liessen jene Schreie vernehmen. 
Es war dunkel und eng. Sie konnten weder vor noch zurück. Sie alle standen da in der Dunkelheit und warteten. Die Luft war stickig und trocken. Ein fauliger Geruch nach geronnenem Blut und Fäkalien drang zu ihnen durch. „Wir werden alle sterben…“ flüsterte Lyzander. „Mein Bruder hatte recht.“ Keki, wimmerte: „Ich will nicht sterben.“ 
Gellende Männerstimmen waren zu vernehmen: „HOSTEL mal anders, was?! HAHAHAHA“
„Hast Du den Kleinen vorhin gesehen? Wie der gezappelt hat, als ich ihn aufgeschlitzt habe? Wie ein verdammter Fisch am Haken!“
„Dafür hat mich die andere vorwurfsvoll angeglotzt, als ihr das verdammte Blut aus der verdammten Kehle geschossen kam.“
„Hey Männer! Ist doch scheissegal! Die fühlen ohnehin nichts. Wozu der ganze Scheiss mit betäuben? Frag mal Karl, der hat eben eine Niere rausgeschnitten. Die hat vielleicht herumgebrüllt.“
„Ah das war die Kleine von Karl? HAHAHA. Als ob DIE noch eine Niere brauchen würde.“
„Achtung Männer! Nachschub! Weiter gehts!“

Einer nach dem anderen wurde geholt. Alpi zitterte. Er blieb als Letzter zurück. Er hörte die gequälten Schreie all seiner Freunde. Er wusste, sie litten alle Höllenqualen, ehe sie verstarben. Alpi hoffte, sie mögen es bei ihm schnell erledigen. Dann war auch er an der Reihe…
Einer der Männer kam zu ihm. Packte ihn. Zerrte ihn weiter. Alpi wehrte sich. Versuchte dem Mann in die Hand zu beissen. Schlug und trat nach ihm. Da kam ein zweiter Mann dazu, der Alpi einen Stromschlag verpasste. Dieser rannte los. Er rannte über den anderen Mann hinweg. Blieb stehen. Musste sich orientieren. Schaute hin und her. Rannte weiter. Dann rutschte er aus und landete auf dem Bauch. Stiess sich das Kinn am Boden. Er schaute um sich. Er lag in einer riesigen Blutlache. Er war im Blut seiner Freunde ausgerutscht und lag nun dort. Ein Blick nach oben. Panik! Er sah seine Freunde. Alle in der Mitte aufgeschlitzt. Sämtliche Innereien lagen unter ihnen auf dem dunkelroten Boden. 
Es war Lexi, die mit aufgeschlitztem Bauch da hing und zappelte. „Lexi….“ Diese schaute ihn hilfesuchend flehend an. Er konnte ihr nicht helfen. Was hätte er tun können? „Es tut mir leid.“ flüsterte er, stand auf und versteckte sich hinter einer grossen Maschine. 
Fremde Schreie waren zu hören. Er sah die Mutter von jemandem. Sie wurde aufgehängt. Ein Messer wurde ihr in den Bauch gerammt und mit aller Gewalt nach unten gerissen. In ihrem Bauch klaffte eine grosse Wunde. Sie schrie und brüllte. Sie flehte den Mann an, damit aufzuhören. Sie gehen zu lassen. Dann flehte sie nur noch, er möge sie doch töten. JETZT. Der Mann ignorierte ihr Gezappel genauso wie ihr Flehen. Er begann ihr die Eingeweide herauszureissen. Alpi sah wie die Farbe aus ihren Augen verschwand. Weiss und Rot. Sie schrie noch einmal. Das letzte Mal. Dann kam ein weiterer Mann hinzu, der ihr den Kopf abschnitt. Mit einer grossen Klinge fing er an durch ihren Hals zu säbeln. Sie gurgelte, rang nach Luft. Lebte noch immer. Der Kopf landete in der Blutlache auf dem Boden. Wurde in eine Ecke gekickt. Achtlos. Alpi blickte in die toten Augen. Da wurde schon eine weitere Mutter aufgehängt. Alpi schlich weiter zurück. Er musste entkommen. Er musste hier raus…

Alpi gelang schliesslich die Flucht. Bezahlt hatte er diese mit seinem rechten Auge. Doch er rannte weiter und weiter. Schliesslich wurde auf einer Landstrasse von einem Ehepaar gefunden und mit nach hause genommen, wo sie ihn gesund pflegten. 
Alpi trifft in jeder Nacht in seinen Träumen auf seine Freunde. Er sieht sie auf der grünen Wiese. Diese verfärbt sich bald in ein dunkles Rot. Blutgetränkt. Seine Freunde sieht er abgeschlachtet da liegen. Diese Bilder wird er für den Rest seines Lebens nicht mehr los werden. Sie werden ihn stetig begleiten. In der Erinnerung oder im Traum.

Er hat es nie jemandem erzählt. Das Ehepaar jedoch schien darum zu wissen, kümmerten sie sich doch liebevoll um ihn. Es war ihnen egal, dass seine rechte Kopfhälfte entstellt war. Den anderen Kühen im Stall auch.



Freitag, 1. November 2013

Befremdlicher Besuch - Hah?



Im vergangenen Jahr kam da eine E-Mail. Wir kannten uns aus dem Internet. Sie fliegt jedes Jahr nach Deutschland, um Ferien zu machen. Sie wollte dann wissen, ob sie in die Schweiz kommen und eventuell bei mir wohnen könnte. Nach langem hin und her wurde jedoch nichts daraus.
In diesem Jahr fragte sie mich wieder. Wieso ich mich darauf eingelassen habe? Keine Ahnung. Wieso dieser Besuch schliesslich eskalierte? Ich kann nur raten… jedoch will ich nicht vorgreifen… Meine Schilderung soll am Donnerstag, dem 19. September 2013 am Flughafen Zürich (ZRH) beginnen. An dem Ort, wo die Geschichte (oder die Tragödie) ihren Anfang nahm…
Die Anzeigetafel der ankommenden Flüge teilte mir (und jedem, der es sonst wissen wollte) mit, dass Lufthansa Flug 1196 von Frankfurt planmässig um 17:20 Uhr landen sollte. Gepäckausgabe 19 Ankunft 1. Also machte ich mich auf den Weg, um meinen Gast aus Japan in Empfang zu nehmen. 

17:25 Uhr –  LH 1196 Warten auf Gepäckausgabe | LH 1196 Waiting for baggage claim

Um 17:30 Uhr schaute ich zum Gepäckband 19 und erspähte nebst einem potentiellen Terroristen, einem Bierbauch, der den Anschein machte, gleich an Herzversagen zu verenden, einem pseudo Metaller/Gothic (oder in welche Sparte dieser Möchtegern sich auch immer einzureihen versuchte – und kläglich scheiterte), der wohl beim Security Check so seine Schwierigkeiten gehabt haben dürfte, befand sich doch die halbe „Schrauben & Muttern“ Abteilung des Baumarktes an seiner Hose. Und um dem sonst schon lächerlichen Auftreten noch etwas Würze zu verleihen, baumelte an einem der unzähligen D-Ringe eine gelbe Plüschente. Hinter diesem merkwürdigen Menschen, mit Neandertalerbart (den er wohl Courtney Gains in der Rolle des HANS in Meine teuflischen Nachbarn abgekupfert hatte) standen zwei wahre (oder auch trve) Metaller in ihren Lederjacken. Sie schienen sich köstlich über den Neandertalerbart mit Plüschente zu amüsieren. Auch ich musste lächeln. 
Nebst vielen anderen Menschen war da eine kleine, wohl ca. 145cm grosse, verschüchterte und recht verwahrlost dreinschauende Japanerin, gehüllt in einen kakifarbenen Mantel. Den Mantel hatte ich schon auf Facebook gesehen. Auch den roten Rucksack hatte ich dort schon gesehen. Das musste sie einfach sein. Meine Besucherin, mein Gast aus Japan. Yoshiko.
Sie schaute zu mir rüber, unsicher ob ich ich war. Also winkte ich ihr zu und sie schien erleichtert zu sein, dass ich auch wirklich am Flughafen war. – Wäre ich besser zuhause geblieben. 


Die Ankunft

Die Tore öffneten sich und Yoshiko kam mit einem giftgrünen Rollkoffer, um den einer dieser, für Asiaten typischen, Koffergürtel geschnallt war, auf mich zu. Die Begrüssung erfolgte in Japanisch. Ein kurzer Austausch wie es ihr ginge, die üblichen Floskeln. Darauf erfolgte schon ein nicht enden wollender Monolog ihrerseits, von dem ich gerademal 40% zu verstehen in der Lage war.
Obschon sie mir mitteilte, dass sie total müde sei, fragte ich sie, ob sie hungrig sei und etwas essen gehen möchte. Sie verneinte mit der Begründung, dass in Japan jetzt Trinkzeit wäre und sie lieber schlafen gehen würde. 

"Varideeto"

Als wir in der Nähe des SBB-Schalters waren, fragte ich Yoshiko, ob sie ihr Zugticket, des Swiss Flexipass habe. Sie nickte. 
Wir gingen nach oben zum Ausgang in Richtung Tramstation, wo ich ihr mitteilte, das unser Tram in 9 Minuten kommen wird. Sie nickte zufrieden. Das Tram kam vor uns zum stehen, ich hatte bereits den ersten Fuss reingesetzt, als ich bemerkte, dass Yoshiko noch immer am gleichen Platz stand. Sie schaute mich fragend an. Ich winkte ihr zu. Sie verneinte und blieb einfach stehen, also ging ich zu ihr hin und fragte, was los sei. Sie kramte in ihrem Rucksack herum und zeigte mir ihren Flexipass. "Varideeto!". Da ich noch nie im Besitz eines solchen Passes war, wusste ich nicht um die Handhabung. Sie händigte mir eine A4-Seite aus. "Varideeto.". Die A4-Seite war gänzlich in Japanisch. Sie konnte mir aber nicht erklären, was genau sie von mir wollte. Also händigte sie mir einen Flyer aus, der nebst Japanisch auch in Englisch war. Ach so, der Flexipass musste am Bahnschalter aktiviert werden. Da ich keine Lust hatte nochmals nach unten zu dem ohnehin überfüllten Schalter zu gehen, und Yoshiko kein Tramticket lösen wollte, fuhr sie eben schwarz. 

Als wir in meine Strasse, mit den individuell und sehr eigen gestalteten Wohnhäusern einbogen, musste sie von jedem Haus ein Foto machen und war hellbegeistert über die Tatsache, dass sie die nächsten 3 Tage in so einem Haus wohnen durfte. „Eeeeeeh, sugoi, ne?!“
Nachdem wir rund 30 Minuten in meiner Wohnung zugebracht und uns bei einer Tasse japanischen Grüntees ausgetauscht hatten, fragte sie mich, ob wir nicht irgendwo essen gehen könnten. Obschon ich etwas erstaunt darüber war, willigte ich ein. Aber hatte ich nicht 40 Minuten zuvor gefragt, ob sie essen gehen möchte? Antwortete sie daraufhin nicht, sie sei müde und möchte schlafen gehen?

In Gesellschaft toter Fische

Wir gingen zurück zum Flughafen ins Foodland, wo ich mich nie wieder blicken lassen kann, brachten wir doch über 20 Minuten vor der Theke von Nordsee zu. Jede einzelne Speise sollte (und wurde) von mir ins Japanische übersetzt werden. Jede Fischgattung wurde erfragt. Schliesslich isst man nicht einfach irgendetwas. Eine solch gewichtige Entscheidung will wohlüberlegt sein. 
-> An dieser Stelle möchte ich kurz auf den mitleidigen Blick der Verkäuferin hinweisen, der auf mir ruhte. 
 Schliesslich entdeckte sie den NordseeBurger, und wollte natürlich wissen, welcher Fisch hier (in ermordeter, zerstückelter und frittierter Form) vor ihr in der Theke lag. So belästigte ich erneut die Verkäuferin, mit der Frage, welcher Fisch denn für diesen Burger jäh dem Leben entrissen worden war (natürlich nicht mit diesen Worten, aber solche Gedanken waren doch gegenwärtig). 
Yoshiko entschied sich dann, nach weiteren zwei Minuten Bedenkzeit, für eben diesen Burger. Der Letzte wurde allerdings von der Kundin vor uns weggeschnappt. Die Verkäuferin meinte, es gäbe gleich neue Burger, wenn wir einen Moment warten möchten. Als das für die gute Yoshiko doch in Ordnung ging – obschon ihr das Warten zuwider war – verspürte ich eine nicht in Worten und Zahlen messbare Erleichterung! 
Als sie dann ihren Burger bezahlen sollte und die Kassiererin fragte, ob sie etwas zu trinken dazu möchte, ging die Langeweile von vorne los. Ich übersetzte ins Japanische, ob sie etwas zu trinken dazu haben möchte. Yoshiko fragte mich, von der Getränkevitrine hinter der Kassiererin völlig unbeeindruckt, was es denn zur Auswahl gäbe. Ich betete ihr die ganze Liste runter und sagte zur Kassiererin, sie solle ruhig weiter bedienen, es könnte bei uns wieder eine Weile dauern… Diese lächelte dankend und wandte sich den anderen Kunden zu. 
Yoshiko entschied sich nach weiteren gefühlten 2 Stunden für ein kleines Mineralwasser ohne Kohlensäure, was ich der Kassiererin weitergab. In deren Augen sah ich einen Anflug von Panik aufflackern, als sie ganz leise zu mir sagte, dass sie nur noch Halbliterflaschen habe. Das war mir nun wirklich egal. Ehe ich noch mehr Zeit in diesem Fischfriedhof zubringen wollte, sagte ich, das wäre ok und erntete einen amüsierten Blick der Kassiererin. ^_^
Während den 40 Minuten, in denen Yoshiko ihren Burger buchstäblich genoss, hatte ich alle Zeit, ihr zu erklären, dass die kleinen Wasser ausverkauft waren, studierte sie doch noch ehe sie den ersten Bissen nahm, die Quittung und bekundete ihre Verwunderung über Preis und Grösse des Wassers. Es war aber in Ordnung, denn der Burger war gut. Und zum dritten Mal fragte sie nach, wieso ich kein Fleisch esse…
Nachdem Essen besuchten wir noch meine Kollegen, die an der Flughafenbar arbeiteten und blieben auf einen Cocktail dort. Die Cocktails gingen auf mich, machte sie doch keine Anstalten nach ihrem Geld zu greifen… Nun gut.
Wieder bei mir zuhause stellte sie die Frage in den Raum, ob Schweizer denn jeden Tag duschen würden? Auf meine Bejahung entgegnete sie, dass man in Japan nur einmal in der Woche duschen würde und faselte irgendwas von wegen Wasser, was ich aber nicht ganz verstanden hatte. Ich war ohnehin damit beschäftigt Harrison Ford in STAR WARS aus meinem Kopf zu kriegen, war doch ab „1x/Woche duschen“ die Szene im Müllschacht präsent: „Oh welch betörenden Geruch Sie entdeckt haben.“

Von Gratisessen und bösen Fremden

Am nächsten Morgen versetzte sie mir einen heftigen Schreck! Nicht an Besucher gewöhnt, erwachte ich völlig unbekümmert aus dem Schlaf, schlurfte in die Küche um mir einen Kaffee zu machen und da sass sie. In der Küche. An meinem Tisch. Auf meinem Stuhl und fönte ein „Ohayou“ in den Raum, gefolgt von irgendwelchen japanischen Worten. Da mein Gehirn aber noch im Stand-by modus war, verstand ich sogar das „Ohayou“ nur ganz knapp. Schliesslich fragte sie, ob wir denn nicht frühstücken würden, was mich etwas irritierte, denn hatte ich ihr in einer der zahlreichen Mails geschrieben, ich würde normalerweise nicht frühstücken und wir würden uns unterwegs etwas kaufen. Ich machte mir einen Kaffee und fragte, ob sie auch einen haben möchte. Den hätte ich mir schenken können, nippte sie lediglich zweimal daran und liess ihn unbeachtet stehen. Ich goss ihn vor der Abreise in den Abfluss, wo er seine Reise in eine unbekannte Welt fortsetzte und somit aus dieser Geschichte floss… 

Wieder wollte sie kein Tramticket lösen und fuhr nochmals schwarz. "Varideeto?" Ja, am Flughafen. Wir gingen zum SBB-Schalter, an dem wir gut 10 Minuten anstehen mussten und sie schaute neugierig in alle Richtungen. Dann kramte sie nach ihrem Flexipass, zeigte ihn mir und fragte erneut "Varideeto?". Ja, deswegen stehen wir hier an.
Am Bahnschalter fragte ich, ob man den Flexipass aktivieren könnte. Ja. Yoshiko schaute die Dame am Schalter an: "Varideeto?" Die Dame nickte. Sie brauchte aber noch einen "Passport". Yoshiko schaute mich fragend an: "nani?" Ich antwortete ihr mit "Pasupoot", was sie dann doch zu verstehen in der Lage war. Meiner Meinung nach klingt Passport im englischen Original ja sehr ähnlich mit dem japanischen "Pasupoot", aber gut. 
Die nette Dame am Schalter erklärte mir die Handhabung des Flexipasses. Yoshiko verstaute dann alles wieder in ihrer Minniemouse-Mappe, die sie aus dem Tokyo Disneyland mitgebracht hatte (was sie der netten Dame am Schalter voller Stolz mitteilte) und fragte erneut: "Varideeto?". Ja.
In Olten am Bahnhof kaufte ich mir eine Brezel und einen Kaffee. Sie hingegen drückte sich die Nase an Brezeltheke ab - kaufte aber nichts. Im Zug gen Interlaken sitzend starrte sie unentwegt auf meine Brezel, weshalb ich ihr etwas davon anbot. Sie brach sich ganz wenig davon ab und befand sie für sehr köstlich, also bot ich ihr nochmal an, sich etwas davon zu nehmen. Yoshiko ergriff die Papiertüte und stopfte sich die ganze Brezel allein rein. War zwar nicht so gedacht, aber gut, ich hatte ja noch meinen Kaffee. ^_^
In Interlaken gingen wir beim Mexikaner essen. Glücklicherweise spricht mein Bekannter, der da im Service arbeitet etwas Japanisch! Sie machte sich gar nicht erst die Mühe etwas zu verstehen und war froh, als er ihr das iPad mit Fotos der verschiedenen Gerichte reichte. Natürlich war ihre erste Frage: „regomend?“ (← Die Erläuterung dazu findet sich weiter unten im Text)
Nach dem Essen fragte sie, ob wir gehen wollen. Kaum hatte ich genickt, stand sie auf, zog ihren Mantel an und ging zum Ausgang. Ich schaute sie leicht irritiert an, auch mein Bekannter starrte sie an. Ich fragte nach der Rechnung, welche er uns gleich brachte. Erst machte sie keine Anstalten nach ihrem Geldbeutel zu greifen, erst als mein Bekannter und ich ihr 3x den noch offenen Betrag nannten, griff sie mürrischen Blickes in ihren „Vicotorinoxu“-Rucksack und kramte nach dem Portemonnaie.
Vor der Schiffsanlegestelle verschwand sie dann spurlos. Sie müsse noch ein Geschenk für ihre Mutter besorgen. Nun gut, wir hatten ja über eine Stunde Zeit dazu. Ich blieb zurück und holte mir lediglich ein Bier. Während dem Trinken unterhielt ich mich kurz mit einem Touristen aus Texas über das Schweizer Bier. Als Yoshiko zurückkam und sah, dass ich mich mit einem wildfremden Menschen und dessen Frau unterhielt, blieb sie hinter einem Baum stehen und spähte, wie so ein kleiner Waldschrat, hervor. Erst als die beiden Texaner ihren Bus bestiegen und aus meinem Radius verschwunden waren, kam sie langsam hinter dem Baum hervor, den Blick nicht vom Bus abwendend. Die Texaner könnten ja möglicherweise zurückkommen – mit Kettensäge.
Yoshiko fragte, was das für Bier sei. Schweizer Bier aus Interlaken. Rugenbräu. Ah so. Sie schaute so lange auf die Bierdose in meiner Hand, bis ich ihr anbot, davon zu probieren. Eigentlich hätte mir ja klar sein müssen, dass ich das Bier nicht zurückbekommen würde – und so geschah es dann auch. Nun gut, das Bier war inzwischen warm und so war es mir eigentlich egal. 

Grandhotel Giessbach

Als ich ihr sagte, die nächste Station wäre unsere, schaute sie mich überrascht an. Schien sie gar nicht zu wissen, dass wir im Grandhotel Giessbach nächtigen würden. Hatte ich ihr nicht unzählige Mails geschrieben und auch den Link zur Hotelseite mitgeschickt gehabt?
Wir teilten uns die Giessbachbahn mit einer Gruppe Franzosen, die Yoshiko nicht geheuer waren. Wir checkten mit ihnen ein, die gute Yoshiko hielt aber stets den Sicherheitsabstand von gut 5 Metern ein. Als wir über die Treppen nach oben gingen, fragte sie allen Ernstes, ob es denn keinen Aufzug gäbe. Nein. Natürlich gibt es einen, aber wenn man noch jung und gut zu Fuss ist, UND im Giessbach absteigt, geht man über die Treppe und bestaunt die viktorianische Architektur!
Ich hatte noch nicht mal die Tür hinter uns geschlossen als sie bereits den Fernseher einschaltete. Wozu? Sie verstand doch ohnehin kein Wort. 
Wir wollten noch rausgehen, um ein paar Fotos zu machen. Sie stand schon im Korridor, als ich sie dann fragte, ob sie nicht noch die beiden Lampen ausmachen wollte? Unverständnis. Doch sie ging nochmal ins Zimmer und knipste die Lichter aus. 
Beim Zimmer neben dem unseren, stand die Tür offen. Die Franzosen hatten drei Zimmer in diesem Flügel und gingen vom einen zum anderen. Als ich vorne beim Treppenhaus war, bemerkte ich, dass Yoshiko nicht bei mir war und so drehte ich mich um… Gar beschämender Anblick bot sich mir: Yoshiko stand vor dem Zimmer mit der offenen Tür und gaffte ganz interessiert hinein. Einer der Franzosen kam aus dem Zimmer, schaute sie an. Schaute mich an. Ich zuckte mit den Schultern. Er schloss die Tür vor Yoshikos Nase. Unverständnis. Dann zottelte sie mir hinter her und sah, dass es doch einen Aufzug gab. „Erebeta!“ Unbeeindruckt von ihrer Entdeckung nahm ich die Treppe – sie folgte mir.
Draussen war sie überwältigt von der Pracht des Giessbach. 
So überwältigt, dass sie plötzlich verschwunden war. Nach 10minütiger Suchaktion ging ich zurück ins Zimmer um mich fürs Abendessen fertig zu machen. 
Danach ging ich nochmal durch das riesige Eingangsportal und da stand Yoshiko, vor Kälte zitternd auf dem Treppenabsatz und starrte mich an. 
Ob sie sich auch noch umziehen möchte? Nein.
Sie sass mir gegenüber, diese scheussliche Mütze auf dem Kopf und in den ausgeleierten kakifarbenen Mantel gehüllt. Die Gürteltasche um den Bauch geschlungen. Ihre Mütze, aus einer Vielzahl verschiedenfarbiger, nichtzueinander passenden Stoffplätzen zusammengenäht, nahm sie dann irgendwann ab. IMMERHIN! Ihren alten Mantel, mit, möglicherweise waren es Mottenlöcher, hängte sie dann auch über die Stuhllehne. Ich will ja nicht als oberflächlich abgestempelt werden, aber wir waren in einem 4-Sterne Hotel, zumindest eine bisschen Klasse wäre da wünschenswert gewesen…
Sie schaute sich das Menü an und verstand kein Wort, war es doch in Deutsch und Französisch geschrieben. Wie war das nochmal mit, sie spreche mittlerweile recht gut Deutsch? 
Ich übersetzte ihr das Menü ins Japanische und Englische. Beim Pumpernickel stiess ich allerdings an meine Grenzen. Also umschrieb ich ihr in Englisch, was ein Pumpernickel sei. Natürlich verstand sie da kein Wort und ihr typisches mit hoher Fistelstimme gesprochenes „Hah?“ wurde zum running gag. 
Unser Kellner wollte die Bestellung aufnehmen und fragte sie in Englisch, was sie denn haben möchte. Yoshiko hörte ihm aufmerksam zu und sagte dann: „Engrish please?“ Der Kellner schaute mich irritiert an. Was mich angeht, ich brachte sämtliche Ressourcen der Selbstbeherrschung auf, um nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Der Kellner fragte mich dann, ob sie kein Englisch spricht. Nein, nur Japanisch. Ich übersetzte nochmals alles. Beim Hauptgang war sie dann nicht sicher, wofür sie sich entscheiden sollte. Schliesslich will man nicht in der Schweiz sein und durch das Essen eines „falschen“ Gerichtes in der Heimat zum Gespött werden. Grauenerfüllt, dachte ich zurück an die Szenerie bei Nordsee und da ich mich künftig wieder im Giessbach blicken lassen möchte, beschloss ich dem Treiben Einhalt zu gebieten! Also empfahl ich ihr, da sie den vegetarischen Hauptgang vorher schon abgelehnt hatte, das inzwischen tote Baby einer Kuhmutter. Yoshiko’s Augen leuchteten voller Begeisterung und so fragte sie: „regomend in Swiss?“ Der Kellner empfahl ihr das Schwein. „regomend?“ Er nickte. Also bestellte sie das Schwein. 

Homosexualität – Japaner sind immun!

Während wir beim Essen waren, spähte Yoshiko immerzu rüber zum Nachbarstisch, an welchem zwei Männer sassen. Yoshiko fragte mich dann irgendwann, worüber die Beiden reden. Keine Ahnung, ich belausche die doch nicht. Ob das zwei Schwule wären? Keine Ahnung.
Und dann… Welten prallten aufeinander! Supernovas! Mein Weltbild wurde erschüttert! Ein gänzlich neues Universum geschaffen! Wo war Stephen Hawking, als ich ihn so dringend gebraucht hätte?!
Yoshiko sagte tatsächlich zu mir, die ich nach wie vor fassungslos bin: 
„Das ist ja normal hier, oder?“
„Was ist normal hier?“
„Schwul zu sein. Mann und Mann, Frau und Frau. Normal in Europa, nicht?“
„Wie meinst du normal?“
„Ja es gibt viele. Sie sind überall… Europa und auch Amerika. Es gibt viele. Nicht in Japan.“
Da ich mir nicht sicher war, sie richtig verstanden zu haben, fragte ich nach:
„Du meinst, in Japan gibt es keine Homosexuellen?“
„Nein. Das ist eine europäische und amerikanische Krankheit. Eine Krankheit der weissen und schwarzen! In Japan und wohl ganz Asien gibt es das nicht!“, mit wohlgemeintem gesenktem Blick schnitt sie den gebratenen Schweineleichnam auf ihrem Teller entzwei und schüttelte beim Wort „nicht“ leicht den Kopf um ihre Verneinung zu untermalen.
„Meinst du das ernst?“
„Ja. Gibt es nicht! Auch alleinerziehende Mütter… ist hier ja auch normal. Gibt es in Japan auch nicht. Jedes Kind hat einen Vater und eine Mutter. Niemand wächst allein auf! Oder mit zwei Müttern oder zwei Vätern. Das ist nicht normal. Das ist ekelhaft.“
(Diese Aussage erinnerte mich an ein altes Medizinbuch meiner Mutter um das Jahr 1950, in dem Homosexualität als Krankheitsbild definiert steht. Heilung kann nur mittels Psychotherapie – und in besonders schweren Fällen mit Elektroshocks – gewährleistet werden.)
Zurück im Zimmer, wurde wieder als erste Aktivität überhaupt der Fernseher eingestellt. Sie soll den bitte ausmachen. Es nervt. 
Sie meinte dann total stolz, sie würde morgen auch duschen! Schön, nach zwei Tagen des Nicht-duschens… freute mich das sehr!  

Regomend?

Am kommenden Morgen war sie vor mir auf und brachte rund zwei Stunden im Badezimmer zu. Duschen, Haare waschen, Haare föhnen, Bad überfluten…
Die Tür war zu. Doch während dem Föhnen der Haare öffnete sie die Tür einen Spalt. Was war das? Eine Art Wecker, der mich brummend aus dem Schlaf reissen sollte?! Danke! Auch das Licht im Zimmer liess sie brennen, während sie im Bad war. Was für eine nette Person… Sehr rücksichtsvoll. 
Vor dem Frühstücken ging ich noch kurz ins Bad und war… erschrocken und erstaunt zu gleich! Alle Handtücher lagen wasserdurchtränkt auf dem Fussboden vor der Dusche. Was hatte diese Person in diesem Badezimmer nur gemacht?! Tsunami gespielt?!
Wir besichtigten die verschiedenen Etagen und Salons des Hotels. Yoshiko hatte ihre pinkfarbene kleine Kamera stets griffbereit um den Hals hängen. Im Salon Davinet, in dem ein Gemälde des Herren Davinet thront, fragte Yoshiko wer das denn gewesen sei. „Hah?“ und als nächstes fragte sie „regomend? Regomend in swiss?“ Bei wirklich jedem Gemälde, jedem Möbelstück und jeglicher Zierrat kam diese Frage auf. Mit „Regomend“ war u.a. gemeint, ob das etwas Bekanntes ist, etwas dass man kennen oder sehen muss. Bei einem JA, machte sie ein bis drei Fotos davon. Sagte ich NEIN, wurde die Kamera teils etwas zögernd, teils gleich ausgeschaltet… Ich begann mich zu fragen, ob sie nur Sachen fotografierte, die „regomend“ waren…

Yoshiko verschwindet spurlos

Beim Auschecken hielt sie einen Sicherheitsabstand von 5 Metern. Fragte auch nicht, wie hoch die Rechnung war, und was sie mir denn schulde. Nichts. Gut, rechnen wir zuhause ab, dachte ich mir.
Wir hatten einen straffen Zeitplan, in welchen sie involviert war. Doch beim Fotografieren der Wasserfälle, war sie auf einmal verschwunden. Nahezu 1,5 Stunden war ich damit beschäftigt Yoshiko zu suchen. Ich schaute den Fluss entlang runter, vielleicht war sie ja ausgerutscht? Vielleicht war etwas Schlimmes passiert? In Gedanken sah ich ihren roten Victorinox-Rucksack im Wassertreiben. Am Rücken einer einen kakifarbenen Mantel tragenden Leiche. Ich suchte sie überall und ging sicher 2x zum Hotel zurück. Nichts. Keine Spur! Also wanderte ich runter zur Schiffsanlegestelle. Nichts. So langsam war ich wütend. Ich dachte mir, ich gehe jetzt noch einmal zurück zum Hotel. Wenn sie nicht da ist, gehe ich nachhause und dann soll sie selber schauen, wie sie ihren Koffer, der noch in meiner Wohnung steht, wieder bekommt. Wieder oben beim Hotel sass sie auf der Mauer und winkte mir zu. Ich war kurz vorm Explodieren. Diese Person hatte meine Handynummer, war aber nicht in der Lage mal kurz anzurufen und zu sagen, wo sie war… Ich war so sauer und fragte sie (recht energisch) dreisprachig, wieso zur Hölle sie nicht angerufen habe! Ich hätte sie über 1,5 Stunden lang gesucht! Sie habe ja schliesslich meine Nummer. Als dann als Antwort ihr typisches „Hah?“ kam, wars vorbei. Ich sprach kein Wort mehr mit ihr und wollte nur noch nachhause! 

Finstere Blicke und good bye

Auf dem Heimweg schaute sie mich erst böse an, weil ich mich erdreistet hatte etwas zu Essen für mich zu kaufen. Sie schaute mir aus zwei Meter Entfernung mit knurrendem Magen beim Essen zu. Wir sprachen kein Wort.
Im Zug nach Luzern, in dem wir eine sehr lange Zeit zubrachten, sprachen wir kein Wort. Während ich die wundervolle Aussicht auf das Berner Oberland genoss, starrte Yoshiko auf den Boden. Die scheussliche Mütze tief ins Gesicht gezogen.
In Luzern am Bahnhof verstand sie die Welt nicht mehr. Ich eilte im Stechschritt dem Zug entlang gen Sektor A. Der Zug war jedoch voll. Also sollte der IC Luzern ohne mich verlassen. Yoshiko stand vor dem Eingang des Zuges und schaute irritiert um sich. Ich machte mich auf zu den Toiletten. Als ich wieder rauskam stand sie hinter der Schranke und schaute mich finster an und deutete auf die Schranke am Eingang der Toiletten. Sollte ich das jetzt etwa auch noch bezahlen? Keine Chance. Ich schaute sie fragend an. Sie sagte nichts und senkte den Blick wieder in Richtung Gravitation. Es schien wirklich so, als ob dieser Kopf ein besonderes Verhältnis zur Gravitation zu haben schien, war er doch stetig gen Boden geneigt…. 
(Wenn man dieses Phänomen nun untersuchen wollte, gehörte das in den Bereich der Physik?)
Als wir wieder auf dem Bahnsteig waren, spielte Yoshiko wieder Verstecken. Sie kauerte hinter dem Wartehäuschen auf dem Boden. Gürteltasche umgeschnallt. Victorinox-Rucksack ebenfalls umgeschnallt. Sie kauerte in seltsamer Pose hinter diesem Häuschen, von zahlreichen Pendleraugen angestarrt. Bis heute weiss ich nicht, ob sie da hingepisst hatte oder nicht… o_O
Ich achtete nicht mehr länger auf sie. Sie folgte mir jedoch wie ein Schatten von ÖV zu ÖV. 
Wieder bei mir in der Wohnung, wimmerte sie ein Arigatou und plötzlich war sie weg. Samt Gürteltasche und Victorinox-Rucksack. Sie verliess, ihren giftgrünen Koffer vor sich her rollend, in der Abenddämmerung diese Geschichte… Zurück blieben nur ihre offene Rechnung bei mir und der blaue Koffergürtel, welcher zum jetzigen Zeitpunkt auf irgendeiner Müllkippe auf sein Ende wartet…
Sayounara! さようなら!