Was er über seinen Vorgänger wusste, waren recht unerfreuliche Sachen. Um sich bei seiner Klasse beliebt zu machen, wollte er dessen Fehler nicht wiederholen. Frischen Wind ins Klassenzimmer bringen! DAS, ja das war seine Mission! Er würde es schon schaffen!
Seine Klasse, eine Abschlussklasse bestehend aus 16-jährigen starrköpfigen Teenagern, beäugte ihn sehr kritisch. Auf seinen Morgengruss wollte kaum einer eingehen. So schrieb er seinen Namen in grossen Lettern mit weisser Kreide an die Wandtafel.
Gernot Rudolfshain
Seine Schüler tuschelten. GerNOT, ja in Note werden wir den versetzen!
Er drehte sich um und schaute mit seinen leuchtend blauen Augen in die finster dreinblickenden Gesichter seiner Klasse 4B. Einer der Schüler drückte auf dem Mobiltelefon herum, was zu dem Zeitpunkt eher aussergewöhnlich war.
Er nahm die Kreide wieder auf:
Gernot Rudolfshain
Als er sich mit seinem blonden Haarschopf wieder umdrehte, schaute er in lauter fragende Gesichter. So versuchte er es auf die gönnerhafte Art. "Nennt mich Gernot.", verkündete er sich seiner Sache sicher.
Er hatte die Kids! Das Eis schien gebrochen!
Gernot merkte nicht, wie ihm alles entglitt. Anfangs mochten ihn alle Schüler, doch mit der Zeit tanzten sie ihm auf der Nase herum. So brüllte er den Jungen mit dem Mobiltelefon nahezu täglich an, das (anfänglich) Ding und (schliesslich) das scheiss Ding wegzulegen. Der Junge grinste hämisch und telefonierte während den Stunden.
Gernot wollte hart durchgreifen und bediente sich den Methoden seines Vorgängers. So brüllte er den Jungen mit dem Mobiltelefon an, er möge dieses verdammte scheiss Ding endlich weglegen, sonst müsse er nachsitzen!
Da kicherte das aufsässige dicke Mädchen in der 2. Reihe. Auf seinen grimmigen Blick reagierte sie mit abwertendem Gelächter.
"Gernot, du bist ein Versager! Glaubst du wirklich, du kannst herkommen, einen auf Kumpel machen und dann wenn dich keiner ernst nimmt, auf streng machen? Bei deinem Vorgänger hats funktioniert. Das war auch ein Despot. Aber du? Sorry. No chance."
Weitere Stimmen meldeten sich in ähnlicher Weise:
"GerNOT, oh GerNOT, sehe sie doch, deine NOT!"
"Hey Keule, nimms easy. Kriegst die Kohle ja doch - egal ob der Laden läuft oder nicht!"
"Ja Alter! Meinst musst jetzt auf dicke Hose machen und wir nehmen dich ernst?"
"Komm runter. Mach dich nicht lächerlich!"
"Ja Gerni, ziehs durch! Sind ja nur noch 10 Monate!"
"Rudi bleib zuhaus. Wir rocken die Bude schon!"
"Ey Chef, du hast eh keine Ahnung, von dem was du tust. Also lass es! Wir wissens besser!"
"Joa! Wir sind die Chegger! Verzieh dich!"
Gernot wusste sich nicht mehr zu helfen. So verliess er sein Klassenzimmer auf der 7. Etage und ging nach unten ins Lehrerzimmer. Dort heulte er sich bei den anderen Lehrern und dem Hauswart über seine Klasse aus.
"Ich ertrage das nicht mehr! Die tanzen mir auf der Nase rum! Ich verstehe das nicht! Schlimmer als mein Vorgänger kann ich ja kaum sein! Wieso machen die das?! Ich habe die Kontrolle verloren. Jeder macht, was er will! Ich habe versagt... *snieff* Wie bekomme ich die je wieder in den Griff?! Es ist nicht auszuhalten, was da abgeht! Ich drehe noch durch! *snieff* Meine Klasse... Chaos! Das sind keine Teenager, das sind Monster! Monster, die mir entglitten sind! Oder es waren keine Monster und ich habe sie zu welchen gemacht... Ich will nicht mehr!"
Keiner der Teenager der Klasse 4B hätte sich je träumen lassen, was sie am kommenden Tag im Klassenzimmer vorfanden. Der leblose Körper des revolutionären Lehrers Gernot Rudolfshain hing, an einem um den Hals geknüpften Strick, von der Decke. Die beigefarbene Hose wies dunkle, durch die letzte Darmentleerung hervorgerufene Flecke auf. Die Hitze des Sommers bildete mit den Fäkalien einen unerträglichen Geruch, der noch Wochen nach seiner Bestattung im Zimmer hing.
An seinem rosafarbenen Hemd war eine DIN A4 Seite befestigt, auf der geschrieben stand "Ich wollte nicht hören, ich wollte nicht sehen und ich wollte nichts sagen. Ich habe versagt."
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