Unschlüssig darüber, ob sie angesichts der gegenwärtigen politischen Situation etwas über die Herkunft ihres damaligen Vorgesetzten sagen soll oder nicht, sitzt sie vor ihrem Macbook Air...
Jener Tag wird in die Geschichte eingehen als "Der Tag, an dem ihr Gesicht stillstand - und zu einem Dauergrinsen erstarrt war".
Wir schreiben den 31. Oktober 20XX, einen "kalten Winterbastard" von Morgen. Draussen ist es noch dunkel, wie könnte es auch anders sein, wenn man das Studio um 05:10 Uhr verlassen muss... Der Weg zum Hotel ist zu Fuss zwar nur an die fünf Minuten lang, aber man muss ja 10 Minuten vor der Zeit anfangen, nicht wahr?
Obschon das Frühstück offiziell um 06:00 Uhr beginnt, stehen die ersten geschäftigen Gäste oft schon gegen kurz nach halb sechs verwirrt um sich blickend im Restaurant. So auch an diesem letzten Tag im Oktober 20XX.
Zusammen mit der Lehrtochter wird sie das Frühstück bewältigen, was an diesem ruhigen Tag leicht machbar ist.
Gegen 08:00 Uhr kommen zwei Menschen gleichzeitig auf sie zu und sprechen sie an. Einerseits der gefürchtete (und von ihr verachtete) Managing Director, den wir (um etwaigen Proceßen zu entgehen) Jochen Kruse nennen, andererseits ein chinesischer Gast. Da der Gast Vorrang hat, wendet sie sich diesem zu. Kurz darauf betritt sie das Office, wo der gute Jochen Kruse, mit der Frisur eines 12-jährigen Schuljungen, abgespreizten Fingers den Zucker in seinem Kaffee umrührt. Angesichts der vier Zuckertütchen, hiesse es wohl eher, "den Kaffee in seinen Zucker rührt"...
Nun gut, den Blick in seine Tasse gerichtet, herrscht er sie an: "Haben Sie verlernt guten Morgen zu sagen oder was?!"
Es folgt der 1:1 Dialog:
"Guten Morgen Herr Kruse, geht es ihnen gut?", sagt sie ganz unbekümmert, wohl wissend, was am Abend zuvor geschehen war.
"Ja! Aber ich glaube ihnen geht es nicht mehr gut, oder?!"
"Mir geht es wieder besser, danke der Nachfrage." war sie doch die Tage zuvor von einer üblen Magendarm heimgesucht worden, was unter Anderem Grund für dieses Wortgefecht war...
"Sie sollten sich besser mal entschuldigen, für das, was am Samstag hier los war!"
"Ich? Wofür denn?"
"Sie haben ja keine Ahnung, was hier los war!", worin er sich kräftig irrte. Natürlich war ihr bereits zugetragen worden, was sich an besagtem Abend so alles ereignet hatte:
Einerseits hatte er sie alleine im ausgebuchten Restaurant eingeteilt gehabt. Alle anderen sollten im Saal eingesetzt werden. Weil sie aber aufgrund der Magendarmgrippe nicht anwesend war, musste er ans Werk. Gäste, die ein 3-Gang-HP-Menü gebucht hatten, bekamen plötzlich ein 5-Gang-Menü. Die Gäste mussten recht lange auf ihr Essen warten, da er teilweise vergas, Tische abzurufen. Sei er angeblich runter in die Küche gerannt und habe gebrüllt, er brauche sofort das verdammte Fressen für Tisch 11! Die warten schon eine Ewigkeit! Vom Sous-Chef kam nur die Reaktion, dass sie keinen Bon für Tisch 11 hätten. Das wäre ihm grad scheissegal! Er brauche das verdammte Essen! Worauf der Sous-Chef entgegnete, dass es kein Essen ohne Bon gebe, Weisung von ihm persönlich. So hätte es in seinem Gehirn kurz rotiert und er habe wohl überlegt, wie viel Sinn es machte, noch weiter zu diskutieren, oder ob es nicht klüger wäre, wie jeder Kellner, an die Kasse zu gehen und den Tisch abzurufen. Er entschied sich für Letzteres, worauf er dann auch das Essen bald bekam. Er sei so etwas von abgesoffen. Da wären Gäste ganz ohne Getränke gewesen, andere hätten den falschen Wein bekommen, und so weiter.
Sie erfreute sich an diesen Nachrichten natürlich, hatten der gute Jochen Kruse und sie doch einmal ein Gespräch, in dem es darum ging, dass er gerne mal ihr Jöbchen machen könne und sie seinen harten Job! (Aus sicherer Quelle wusste sie, dass er sich gelegentlich einer Flasche Weisswein widmete, worauf sie fast gesagt hätte, "Im Büro sitzen, Leute schikanieren und Weisswein trinken, ja ich denke, nach ein paar Jahren des harten Studiums, schaffe ich dies auch", um der Quelle nicht in den Rücken zu fallen, unterliess sie es aber) Tja, offenbar war er doch nicht in der Lage ihr "Jöbchen" zu bewältigen.
"Hier war das reinste Chaos! Andere hatten auch ein bisschen Magenschmerzen, aber die sind alle zur Arbeit gekommen und haben sich nicht einfach so einen schönen Abend gemacht, nicht so wie sie, die sich einfach mal so eine 4-tägige Auszeit nimmt!"
"Herr Kruse, ich war wirklich krank."
"Och, SIE tun mir aber leid... Da kommen mir gleich die Tränen!"
"Hätte ich herkommen und über ihren Schreibtisch kotzen sollen, damit sie mir das glauben?"
Ein irritierter Blick, da nicht gewohnt, dass ein Mitarbeiter so mit ihm spricht, gefolgt von einem seichten Lächeln.
"Und wenn ich sie schon anrufe, könnten sie auch ans Telefon gehen!"
"Ich war die ganze Nacht damit beschäftigt, mich zu übergeben und habe folglich am Nachmittag geschlafen."
"Sie haben mein vollstes Mitleid!"
"So etwas will und brauche ich nicht, Herr Kruse. Merken sie eigentlich, in welchem Ton sie mit den Mitarbeiterin reden? Das ihre Ausdrucksweise ebenfalls zu wünschen übrig lässt? Genauso die Ansage auf meiner Combox."
"Was soll denn damit gewesen sein?!"
"DAS wissen sie selber ganz genau. - Schön dass sie ans Telefon gehen! - und dann war noch das wegen der -angeblichen- Krankheit."
"Genau! Ich bekomme noch ein rechtsgültiges Zeugnis von ihnen!"
"Herr Kruse, ich habe den Arzt gefragt, ob das so gültig ist. Selbst wenn er es auf ein Stück benutztes Toilettenpapier geschrieben hätte, wäre es gültig."
"Das ist mir scheissegal! Das akzeptiere ich jedenfalls so nicht!"
"Wie sie meinen. Gerne bringe ich ihnen heute Nachmittag ein Neues."
"Ich bitte darum!"
Während dem Gespräch musste sie ihn 5x fragen, ob es ihm denn lieber wäre, wenn sie den November nicht mehr machen würde. Ging ihr eigentlicher Saison-Vertrag nur bis Ende Oktober, wurde aber angefragt, den November durch noch zu bleiben. Natürlich hatte er diese Frage immer umgangen.
Schliesslich:
"Nein Herr Kruse, ich behafte sie jetzt darauf. Ziehen sie es vor, den November ohne mich zu machen?"
Er wägte offensichtlich kurz ab, was das zu bedeuten hätte. Einerseits wollte er sie nicht mehr im Hotel haben, andererseits waren sie dann eine Person zu wenig - und er hatte keine Lust noch einmal im Service auszuhelfen.
"Das müssen sie entscheiden!"
"Gut, dann habe ich heute meinen Letzten."
"Dann bekomm ich aber noch eine schriftliche Kündigung von ihnen!"
"Ja, bringe ich ihnen heute Nachmittag sehr gerne vorbei."
Das erstaunlichste an dieser Unterhaltung war, das er sie permanent angebrüllt hatte, sie aber total ruhig geblieben war.
Sie hatte die Stimme ihrer Mutter im Kopf, die sagte, sie solle ruhig bleiben und bloss nicht ausfallend werden. An diesen Rat hielt sie sich - fast...
Als er das Office durch die Bar verlassen wollte und ihr den Rücken gekehrt hatte, konnte sie nicht umhin, ihm noch einpaar abschliessende Worte mit auf den Weg zu geben:
"Sie sind ein Gewinn für die Menschheit, Herr Kruse." , sagte sie im Ton von Peter Jecklin in der Rolle des Rico Prader in "Grounding". Er blieb darauf kurz stehen, ging dann aber weiter. Der Mann, im Sessel der Bar sitzend, hielt sich die Zeitung vors Gesicht und lächelte ihr gewinnend zu, als sie an ihm vorbei ging. Die Gäste im Restaurant hatten alles mitbekommen, war das Office doch recht ringhörig. Zwei junge Schweizer hörte sie sagen "War das der Chef? Scheisse was für ein Arschloch!", ein Rentnerpärchen meinte, "Das hat sie richtig gemacht! So eine Person sollte kein Chef sein!"
Alle Gäste nickten ihr gewinnend zu, die einen lachten permanent.
Den ganzen Tag über hatte sie ein breites Grinsen im Gesicht, was bis zum Abend dann doch ein bisschen schmerzhaft war... -_^
-> Kurz nach ihrer Kündigung, wurde Jochen Kruse entlassen. Man benötige seine Dienste nicht mehr, hiess es seitens Management.
Ausschlaggebend dafür waren wohl seine Nachricht auf ihrer Combox (welche sich als Soundmodul in diesem Blog, sicher gut machen würde), welche die Direktorin zu hören bekommen hatte. Dazu kamen noch diverse belastende Aussagen einiger Angestellter. Es machte den Anschein, als wäre Mobbing für ihn die wichtigste Führungsqualität gewesen. Von den weiteren Anschuldigungen und der darauffolgenden Gerichtsverhandlung erfuhr sie nichts.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen