Und wieder
roch die ganze Büroetage nach diesem schrecklichen AXE-Deo, dessen süsslich
beissender Geruch, jedes Mal Übelkeit in ihr hervorrief. Wenn der Typ seine
Schweissdrüsen schon nicht operieren liess, wieso konnte er dann nicht wenigsten
ein wohlriechendes Deo kaufen? Sie hatte teilweise so gar kein Verständnis für
ihre Mitmenschen. Des Weiteren verstand sie nicht, wieso sie eine solche
Deo-Dose auf ihrem Schreibtisch dulden musste! Überhaupt standen die überall
herum! Auf ihrem Schreibtisch. Neben der Pflanze am Empfangsdesk. In seinem
Büro standen sie zu dritt herum. In jedem Waschraum – ja auch in dem der Damen.
Diese Deos schienen sie zu verhöhnen! Erstens nutzten sie ja doch nichts und
zweitens stanken alle einfach nur abscheulich – zumindest an ihrem Chef!
An ihrem
Schreibtisch sitzend und eben die Bestellung von ihrem, trotz übermässig mit
Deo eingesprühtem beissend nach Schweiss stinkenden, Vorgesetzten lesend spürte
sie, wie etwas in ihr tobte. „Es tobt ein Krieg in mir.“ Sie las die Bestellung
immer und immer wieder und bemerkte nicht, die blutende Stelle in ihrem
Handgelenk, in die sie ihre Fingernägel bohrte. Hasserfüllt.
Guten Morgen L.
Heute wünsche ich zwei Buttergipfel – aber die grossen! Dazu bringen Sie mir
zwei Donuts mit Schokoladenglasur! Ach ja, und heute sorgen Sie für ausreichend
Zucker in meinem Kaffee. Diese bittere Brühe von gestern war ja unter aller
Sau!
Mittagessen: Reservieren Sie mir einen Tisch im
Freddy’s! Ich werde alleine essen. Die sollen den Tisch ab 11:00 Uhr
freihalten. Ich werde zwischen elf und eins dort eintreffen.
Dann bringen Sie mir die Abschrift von gestern
sofort in mein Büro! (ch verstehe ohnehin nicht, wieso die gestern nicht schon
auf meinem Tisch lag!)
Dann habe ich Ihnen gegen 10:00 Uhr etwas zu
diktieren! Ich erwarte Sie daher pünktlich
in meinem Büro!
L griff zum
Hörer und wählte die Nummer vom Freddy’s um ihrem netten und wie immer
zuvorkommenden Chef einen Tisch zu reservieren. Kein leichtes Unterfangen
angesichts des breiten Zeitfensters. Doch, wie immer, schaffte sie es auch
heute. War ihr Ekel von Chef dort bestens bekannt und keiner hatte Lust dazu,
sich auf eine Debatte mit ihm einzulassen. Einerseits weil er immer gleich sehr
laut wurde und die Diskussion gleich darauf fluchtartig zu verlassen pflegte.
Ja der gute Herr J. war bekannt – nicht zuletzt wegen dieser beissenden
Duftwolke, die ihn umhüllte.
Mit zwei
Buttergipfel – aber den grossen, zwei Donuts mit Schokoladenglasur und einer
Tasse Kaffee mit Zucker (oder in diesem Fall einer Tasse Zucker mit Kaffee)
ging L ins Büro von ihrem sehr beliebten Chef. Schon die grauen Lettern mit
seinem Namen auf der Glastür zu seinem Büro liessen sie erschaudern. Sollte er
doch noch ungesünder essen (oder in seinem Fall wäre wohl „schlingen“ das
bessere Wort) und noch fetter werden. Sein Schweissproblem bekäme er so
garantiert nicht in den Griff.
Sie klopfte an und er winkte sie herein. Kaum einen Fuss in seinem Büro,
wünschte sie sich nicht in einem dieser neuen minergetischen Gebäuden zu
arbeiten, wo sich kein Fenster öffnen liess. Die Luft in diesem quadratischen
Raum mit dem grossen, nicht zu öffnenden Fenster, war so dick, man hätte sie
mit einem Messer in Scheiben schneiden können.
„Haben Sie
meine E-Mail gelesen, L?“ fönte er ihr entgegen, während er sich mit einem
Kleenex den Schweiss von der Stirn wischte.
Natürlich hatte sie das!
„Was bringen Sie mir denn da Schönes, L?“
„Ihre Bestellung. Zwei Buttergipfel – aber die grossen mit einer Tasse Zucker mit
Kaff- ähm Kaffee mit Zucker. Dazu bringe ich Ihnen zwei Donuts mit
Schokoladenglasur.“
Herr J., der von allen nur „der Schwitzer“ genannt wurde, schaute sie prüfend
an. „Dann können Sie ja jetzt wieder an die Arbeit! Ich bezahle Sie nicht fürs
Rumsitzen! Ist mein Tisch reserviert?!“
Natürlich war er das.
Sie hielt
das nicht mehr aus. Was für ein Möchtegern-Despot! Zuhause hatte die Frau die
Hosen an und daher spielte er hier den Gewaltherrscher! Wieso war gerade sie
seine Assistentin?! Wieso?! Ein Danke oder Bitte war seinem Wortschatz fremd.
Aber mit Exklamationszeichen geizte er nie. Dem Typen gehörte einfach mal eine
ausgewischt. L setzte sich an ihr Notebook, um sich über einige, ätzende Stoffe
zu informieren. Wo wären wir heute ohne Google und Wikipedia?
Nach ihrer
Informationsbeschaffung war L zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich froh
darüber, in einer Pharmaunternehmung zu arbeiten, hatte sie doch während ihrer
exakt 28minüten Mittagspause etwas aus dem Lager zu holen. Ihr guter Freund K
würde ihr schon dabei helfen. Mit einem zufriedenen Grinsen nahm sie ihre
eigentliche Arbeit wieder auf.
Nach ihrer
Mittagspause fand sie eine neue E-Mail vom schweisstriefenden Schwitzer in
ihrem Posteingang vor:
Nur zu Ihrer Information: Das Essen im Freddy’s
war ausgezeichnet, nur die Bedienung etwas unfreundlich! Sie sorgen dafür, dass
ich das nächste Mal zuvorkommend bedient werde! Schliesslich bin ich ein guter
Gast und sollte auch so behandelt werden! Das werden Sie nach Ihrem Feierabend
machen! Sie werden da vorbeigehen und denen mitteilen, dass ich ein Anrecht
darauf habe, zuvorkommend behandelt zu werden!
Ich werde heute Nachmittag früher Feierabend
machen. Ich arbeite schliesslich ausgesprochen hart (was man nicht von allen
hier behaupten kann). Sie hingegen werden noch Dokument A bearbeiten! Sie
wissen schon, das ist irgendwo in diesem grossen Pharmaordner abgelegt. Sie
werden es finden! Ich erwarte morgen einen vollständig überarbeiteten Bericht
mit Randnotizen! Schliesslich muss ich das bei der Sitzung meinem Boss vorlegen.
Also sorgen Sie dafür, dass alles perfekt ist! Ich will mich nicht schämen
müssen! Und dieses Mal, erklären Sie diese Fremdwörter gefälligst!
PS: Bringen Sie mir nochmal so einen Kaffee!
Der war nicht so schlecht wie der gestern! Dazu bringen Sie mir noch diese mit
Sahne gefüllten süssen Dinger mit dem Puderzucker!
Na
wunderbar! Sie wollte heute pünktlich Feierabend machen und mit einem alten
Bekannten ins Kino gehen. „Es tobt ein
Krieg in mir!“
Sie brachte
ihm den Kaffee und die Windbeutel. Der Kaffee allerdings war nicht genau
gleich, wie der vom Vormittag. Beinhaltete er dieses Mal ein paar Tropfen einer
übern Mittag aus dem Lager geholten Flüssigkeit. „Wohl bekomms!“
Sie würde diese Tropfen allerdings über einen längeren Zeitpunkt anwenden
müssen, ehe sich eine Wirkung zeigen sollte. Sie hatte ja Zeit.
Ihr Blick
fiel auf die kleine schwarze Deospraydose, die auf ihrem Schreibtisch stand.
Sie würde eine aus dem Waschraum der Männer mitgehen lassen. Das war sicherer.
Morgen.
Am Tag
darauf kam der Schwitzer nur für kurze Zeit ins Büro. L wusste warum. Er setzte
sich, wie jeden Morgen, mit seinem breiten Hintern auf ihren Schreibtisch,
schaute auf sie herab und gab seine üblichen Floskeln preis: „Na, L. Wie geht
es uns denn heute. Ist Dokument A erledigt?!“
Mit der rechten Hand griff er zum Deo und besprühte sich damit. Bereits früh am
Morgen zeichneten sich Schweissränder auf seinem Hemd ab. Nicht nur unter den
Armen. Wieso trug er auf immer diese hellblauen Hemden? Mit Schwarzen würde
diese konstante Bewässerungsanlage immerhin ein wenig vertuschen können.
Etwa 10
Minuten später verliess er das Gebäude fluchtartig und tippte von unterwegs
eine E-Mail an L über sein veraltetes Blackberry:
L! Ich werde heute nicht mehr kommen! Sie
besorgen das Alltagsgeschäft! Enttäuschen Sie mich nicht!
L grinste
fies und dachte sich nur, dass er wohl morgen auch nicht erscheinen wird.
Überhaupt die ganze Woche nicht. Ja, gewisse Liquide überzeugen doch in ihrer
einfachen Anwendung. Der gute Schwitzer würde nun einige Tage noch übler
riechen. Buttersäure richtig eingesetzt, kann wahre Wunder bewirken.
Dies jedoch sollte nur der Anfang sein…
Am
darauffolgenden Tag erhielt sie zwei Fläschchen von ihrem Kollegen aus dem
Labor. Cyanwasserstoff und Schwefelsäure. Sollte das Eine ihn nicht
dahinraffen, dann das Andere ganz bestimmt. L machte sich daran, zwei
Deoflaschen zu präparieren.
Zwei Wochen
später kam der Schwitzer zurück in die Firma. Der Geruch nach faulen Eiern war
verflogen. Natürlich konnte er sich nicht erklären, woher dieser Gestank kam
und verdächtige auch keinen der Mitarbeiter. Er glaubte, an eine allergische
Reaktion auf irgendetwas.
Kurz
nachdem er sich mit der blauen Axeflasche besprüht hatte, ging seine Atmung
etwas schwerer. Der Schwitzer hatte zur richtigen Deodose gegriffen, begünstigt
doch Schweiss die Aufnahme des Cyanid erheblich, da Blausäure eine hohe
Wasserlöslichkeit besitzt. Die Sauerstoffbindungsstelle in der Atmungskette der
Körperzellen wird blockiert. Durch die Deaktivierung des Enzyms kommt die
Zellatmung zum erliegen, was zur inneren Erstickung führt. Darauf reagiert der
Körper mit erhöhter Atemfrequenz, was die Aufnahme gasförmiger Blausäure
erhöht. Die Zellen sterben schliesslich an Sauerstoff- und ATP-Mangel.
Da er sich
immer gerne mit zwei verschiedenen Deos besprühte, griff er sogleich zur roten
Axedose. Diese benutzte er weniger als Deo und mehr als Parfüm. Als die ersten
Tropfen seine Haut berührten, spürte er ein leichtes Brennen. Gleichzeit machten
sich die ersten Anzeichen der Cyanidvergiftung bemerkbar. Dem Schwitzer wurde
furchtbar schwindlig und so stürzte er noch im Waschraum stehend, zu Boden. Er
begann zu hyperventilieren und rang nach Sauerstoff. Nur schwach nahm er wahr,
wie sich die Schwefelsäure allmählich durch seine Haut frass. Hätte er um den
Inhalt der beiden Deodosen gewusst, wäre er L sicherlich dankbar um die
Blausäure gewesen. Denn ohne die hätte er sich im grossen Spiegel des
Waschraumes liegen sehen mit weit offenen Wunden an den Stellen, an denen die
Schwefelsäure seine Haut getroffen hatte und sich immer tiefer ins Fleisch zu
fressen begann. Danach wäre ein langer qualvoller Heilungsprozess eingetreten,
mit sehr schmerzhaften und nur langsam und schlecht verheilenden Wunden. Dank
der Blausäure blieb ihm dies erspart. Er verlor das Bewusstsein und blieb reglos
auf dem weissen Kachelboden liegen. Die Blutlache um seinen reglosen Körper
wurde stetig grösser. Die Wunden tiefer.
Als er
gefunden wurde, oder zumindest das, was von ihm übrig geblieben war, waren die
Stellen seiner Haut, die nicht zerfressen worden waren mit, bei
Cyanidvergiftungen üblichen, leuchtend roten Livores versehen.
Für alle
die, die es wissen möchten:
Es war viel von ihm übrig geblieben. Doch war der Anblick nicht unbedingt
schöner Gestalt. Frass sich die Schwefelsäure durch seinen Bauch, worauf das im
Überfluss vorhandene Fett herauszurinnen begann. So lag er letzten Endes in
einer Suppe aus dickem roten Blut und einer weiss-gelblichen Flüssigkeit, die
sich mit dem Blut vermischte.
L’s Gedanken
beim Anblick des Leichnams waren recht positiv, möchte man sagen. Sie dachte
sich, dass seine Schweissdrüsen nun endlich verätzt waren und er auch gleich
ein paar Kilo abgenommen hatte. Sie betrachtete dies als eine äusserst positive
Wendung und lächelte zufrieden.
Find die Geschichte echt super!
AntwortenLöschenAber ganz ehrlich? Wenn du jemals der Schweizer Ketchum oder King werden willst musst du das noch ein bisschen blutiger gestalten -_^
knuuuuutsch