Sonntag, 13. September 2015

Gesellschaftliche Konvention: Das Bierli

Nahezu jeden Samstag verbringen wir den Feierabend auf der Dachterrasse des Betriebs und trinken ein zwei Bierchen. Die Einen trinken eines mehr, die Anderen eines weniger. Meistens geht es auf. Wenn nicht, muss jemand in den sauren Apfel beissen, gen Coop pilgern und Neues besorgen. Ich war das noch nie. Unsere männlichen Genossen sind eben noch Gentlemen und so geht einer von ihnen. Aber meist wird schon im Voraus genug des kühlen blonden Getränks organisiert.

So kam ich nicht umhin, mir ein paar Gedanken übers Biertrinken zu machen...

Bier muss einfach sein!

Nicht das jetzt jemand denkt, ich hätte ein Alkoholproblem. Ich bin weit davon entfernt. Und zwar so weit, wie ich nicht mehr in der versoffenen Gastronomie tätig bin. Aber ich dachte, wenn ich schon einen Eintrag zum Thema Bier schreibe, kann ich mir auch eines genehmigen, nicht? 
Neben mir steht eine Dose des neuen "Fäldschlössli Braufrösch". Seit diese rote Dose in den Kühlregalen des Coop vertreten ist, gibt es für mich nur noch ein "Braufrösch" als samstäglichen Feierabendtrunk, denn es ist herrlich mild!

Wenn wir uns zurück erinnern, weit zurück in jene frühen Kindertage, zu denen wir gerade noch Erinnerungen abgespeichert haben, sehen wir Familienfeste oder einfach Besuche. Die Erwachsenen, also der männliche Anteil, hatten stets eine Flasche Bier in der Hand. Ich höre die Stimme meines Vaters fragen "Nemsch no es Bierli?" oder die Stimme meines Onkels, der einen Kasten Bier mitgebracht hatte und meinte, das müsse mein Vater mal probieren. 

Es gibt kein Fest, keine Feier, ob öffentlich oder im Familienkreis, kein Konzert, wo es nicht etwa auch Bier gäbe. 

Ein "Fäscht", wie mein einer Arbeitskollege, das immer so schön auszudrücken weiss, ohne Bier ist hierzulande unvorstellbar. 

Wie viele Menschen trinken nach der Arbeit das sogenannte Feierabendbier? 
Ich denke, Bier kommt vor allen anderen Getränken. Kaffee könnte ihm wohl das Wasser reichen.. oder auch nicht?



Ein Bier ist immer freundschaftlich...

... es sei denn, es wird in eine Glasfalsche über jemandes Kopf geschlagen...
Ernsthaft jetzt, jeder hat sein Bierchen in der Hand und es versteht sich von selbst, dass man anstösst. Dabei schaut man dem Gegenüber in die Augen und sagt einen Trinkspruch, egal in welcher Sprache. Sei es "Kampai", "Nastrovje", "Prost", "Zum Wohl", "Santé"... egal in welcher Sprache der Trinkspruch ausgesprochen wird, er muss einfach sein. Seit ich Hostel 2 gesehen habe, lautet mein Trinkspruch Nastrovje. ^_^
Man stösst an und trinkt in einer freundschaftlichen Runde, während dem man sich unterhält. Sei es in unserer Dachterrassenrunde über Kunden, das Leben oder meistens über Filme. In der Mitte des Tisches steht immer ein Sixpack Quöllfrisch. Vor mir steht ein Braufrisch und manchmal sieht man gar ein Chopfab, das übrigens auch nicht zu verachten ist. 
Egal in welcher Runde man sich befindet, sobald ein Bier da ist, scheint alles gut. Man hat Gleichgesinnte. Sitzt man in einer Bar, trinkt man plötzlich mit einer Gruppe wildfremder Menschen und erhebt die Flasche zum Gruss. Bier verbindet. 


Bier und Black Metal

Während der Zeit, die ich in der (hauptsächlich Zürcher) Black Metal Szene zugebracht habe, ist wahrlich viel Bier geflossen. Viel ist gar kein Ausdruck. Ich erinnere mich gut an den ersten PDW-Tag, an dem ich, die dem Trinken nicht gewöhnt war, bereits nach zwei Bier schwankenden Schrittes gen Toilette wackelte. 
An Konzerten und Treffen war immer literweise Bier bereit. Man war an einem Konzert, trank sein Bier. Sah ein bekanntes Gesicht und erhob die Flasche zu Gruss. Ein Bier sagt mehr als tausend Worte. Das grösste Problem bei Konzerten war stets, wann trinke ich nur mein Bier? Bei welcher Band will ich bangen und bei welcher kann ich mein Bierchen trinken? Das waren noch Probleme... Oder man gab sein Bierchen in die Obhut des Freundes, des Kumpels, der Freundin und gesellte sich zu den bangenden Black Metallern. Das waren noch Zeiten, die ich hin und wieder vermisse... 
Bei solchen Erinnerungen muss ich stets lächeln. Es waren stupide Zeiten. Es waren gute Zeiten. 
Ich erinnere mich an zwei Typen in Gestalt eines Kleiderschranks, die sich die Fresse einschlagen wollten, schliesslich der eine dem anderen aber ein Bierchen spendierte und so tranken sie brüderlich und das Kriegsbeil wurde weggespült - mit Bier. 
Im Black Metall ging es ohnehin meist friedlich zu und her. Nie werde ich die Genossen von damals vergessen. Das Gelächter. Die Sprüche. Die Stimmung. Die Sympathie. Die Musik! 

Es Bierli


Oft macht man sich ja über die Schweizer lustig, weil wir unsere Verniedlichungsform "li" haben. So auch beim Bier. Jedes Mal, wenn ich über Whatsapp eine Nachricht erhalte, in der "Bierli" steht, muss ich unweigerlich lächeln. Ein "Bierli" ist etwas unschuldiges. Etwas gutes. 
So traf ich mich erst am vergangenen Montag mit einer Freundin auf ein Bierli in Olten an der Aare. Der Text lautete in etwa "Hökle mer chli ad Aare ufnes Bierli". "Hökle" ist auch so was... von "hocken" das Schweizer Wort für "sitzen". "Hökle" ist niedlich. "Hökle" ist etwas gutes, etwas niedliches, etwas unschuldiges, wie das "Bierli". 
Bierli ist fast schon liebevoll, vor allem dann, wenn es aus dem Mund eines Mannes kommt. So hörte ich doch neulich im Zug gen Olten einen jungen Typen zum anderen sagen "Holen wir uns nachher ein Bierli". Ich musste schmunzeln. 

Meiner Meinung nach ist die gesellschaftliche Konvention des Biertrinkens etwas gutes. So lange es zelebriert und nicht mit Füssen getreten wird. 

Und somit schliesse ich diesen Text für heute, erhebe mein Bierli und ende mit einem Nastrovje!






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen