Eine Tat so abscheulich, dass ich all die Jahre darüber geschwiegen habe. Nie habe ich jemandem gegenüber mein Schweigen gebrochen. Niemals. Bis zu heutigen Tag.
Es gibt an der Zahl viele Grausamkeiten des Germanen B. Doch sie alle zu nennen würde den Rahmen einer Eintragung hier sprengen. Es liesse sich jedoch ein Fortsetzungswerk darüber verfassen.
Wir schrieben das Jahr 2011.
Ich arbeitete als Chef de Rang in einem Fünfsternehotel. Einem jener versnobten Häuser den "Leading Hotels of the World" angehörend, welche in der Sparte "Luxushotels" aufgeführt stehen. Versnobte Häuser ziehen gleichermassen versnobte Gäste an. Der Glauben an die Menschheit erlischt. Freundlichkeit existiert nicht. Weder von den Vorgesetzten, noch von den Gästen. Als Angestellte ist man nichts. Ein Nichts. Nichts wert. Man lebt, um zu dienen und hat eigentlich gar keine Existenzberechtigung.
Ich war gezwungen mir in diesem heruntergekommenen Personalhaus ein Zimmer mit einer anderen Angestellten zu teilen. Diese sprach da nur Portugiesisch und zählte zu den Room-Attendants, mit denen nicht gesprochen werden durfte. Dies hatte hierarchische Gründe. Rezeption stand über dem Service. Der Service über dem Hauskeeping.
Meine freien Tage verbrachte ich bei meinem damaligen Freund, dem Germanen B, einem der scheusslichsten Menschen, die je meine Wege kreuzten.
An jenem Tag, über dessen Geschehnisse ich erst heute zu schreiben in der Lage bin, war er nicht zuhause, als ich die Wohnung betrat. Er war auf Arbeit. Er arbeitete in der Küche und hatte täglich Teildienst. Sprich, er war noch in der Küche des Hotels beschäftigt.
Da er noch immer von Pulverkaffee lebte, verliess ich die Wohnung wieder, um mir in der Bäckerei zwei Häuser weiter einen Kaffee zu holen.
Er wusste nicht, dass ich in seiner Wohnung war. Es hatte eine Überraschung sein sollten.
Zurück in der Wohnung nahm ich den Staubsauger zur Hand und begann, die Wohnung zu putzen. Die es wahrlich nötig hatte. Offenbar hatte er mal wieder seit zwei Wochen nicht saubergemacht. Immerhin rotierte die Trommel der im Badezimmer befindlichen Waschmaschine. Immerhin wusch er seine Wäsche.
Da der Germane B. den Teil seines Gehalts, das nicht für die Fixkosten draufging, in Bier und Zigaretten investierte, war seine Wohnung minimalistisch eingerichtet. Noch nicht mal Boxen hatte er, an denen ich mein iPhone hätte anschliessen können. Keine Musik. Er besass einen dieser mächtigen Röhrenfernseher - jedoch ohne Sender. Angeschlossen war ein DVD-Player. Um ein bisschen Unterhaltung zu haben, griff ich nach einer DVD, legte sie ein und schaltete den Fernseher ein. Masters of Horror "Pick me up".
Während der Film lief, schrubbte ich das Emaille der kleinen Kochnische. Eine Fläche von 1,5m Länge und 60cm Tiefe. Das wäre doch wirklich sauber zu halten!
Ein schriller Ton durchdrang den Raum. Die Waschmaschine verkündete, dass sie ihre Arbeit getan hatte. Ich ging also ins Badezimmer, kniete mich vor der Maschine auf den Boden und begann die Wäsche herauszuholen. Ich griff in etwas, das sich wie Haare anfühlte und so voller Wasser gesogen war, dass es richtig schwer war. Hatte er einen neuen Teppich? Schulterzuckend lud ich alles in den Wäschekorb, den ich dann ins Wohnzimmer trug. Dort klappte ich den Wäscheständer aus und begann damit, die Wäsche aufzuhängen. Einen Wäschetrockner besass er ja nicht.
Da war dieses eine T-Shirt, das ich hasste. Es hatte unzählige Löcher drin. Damit sah er aus wie ein Penner. Er fand es "cool". Würde seinen einzigartigen Style unterstreichen. Ja, seinen einzigartigen Pennerstyle vielleicht. Am liebsten hätte ich es weggeschmissen, aber das hätte nur wieder zu einem heftigen Streit geführt. Also hängte ich es über den Ständer. Ohne zu schauen, griff ich wieder in den Wäschekorb und holte eine Jeans raus, die jedoch noch nicht sauber war. Egal. Ich hängte sie auf. Dann griff meine Hand nach dem neuen haarigen Teppich. Als ich ihn auseinander falten wollte, bemerkte ich, dass es nicht ging. Ich schaute auf das Bündel in meinen Händen. Ein Schrei schoss durch die Wohnung. Er kam aus dem Fernseher. Ich liess das Bündel fallen. Taumelte ungläubig rückwärts und fiel hin. Was da so durchnässt vor mir auf dem Boden lag war nichts anderes als eine tote Katze. Der Germane B. besass keine Katze. Wie zur Hölle also kam die in die Waschmaschine. Er hasste Katzen. Vor zwei Wochen hatte die süsse alte Nachbarin geklingelt und gefragt, ob wir ihren Kater gesehen hätten. Er sei verschwunden. Wir verneinten und hinterher fluchte er wieder über die Existenz von Katzen.
Konnte es denn wirklich sein, dass er eine Katze absichtlich ertränkt hatte?
Ungläubig rappelte ich mich auf und ging zum Tiefkühlfach. Ich brauchte jetzt einen Schluck Vodka. Der Tiefkühler hatte 3 Schubladen. Die Unterste, in der für gewöhnlich der Vodka lag, liess sich erst nicht öffnen. Etwas schien zu blockieren. Ich zerrte daran und als die Schublade dann endlich aufsprang, rannte ich ins Bad und übergab mich.
Ich rannte zurück ins Wohnzimmer, schmiss seine Kleidung samt toter Katze in den Wäschekorb, den ich dann wieder in die Waschmaschine entleerte. Den Wäscheständer klappte ich wieder zusammen und stellte ihn in die Ecke, aus der ich ihn zuvor geholt hatte. Ich legte die DVD wieder in die Hülle und stellte sie zurück ins Regal. Ich wischte die Pfütze vom Boden auf und näherte mich dem Tiefkühlfach. Ich schaute nochmals die toten und gehäuteten Katzenleichen an, die tiefgefroren darin lagen. Dann knallte ich die Schublade zu und die Tür auch gleich.
Ich riss die Wohnungstür auf, schloss ab und rannte über einen Umweg zum Bahnhof. Er durfte nicht erfahren, dass ich in seiner Wohnung gewesen war. Er durfte mich nicht sehen.
Nie hat er erfahren, dass ich um dieses Geheimnis wusste.
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