Freitag, 1. November 2013

Befremdlicher Besuch - Hah?



Im vergangenen Jahr kam da eine E-Mail. Wir kannten uns aus dem Internet. Sie fliegt jedes Jahr nach Deutschland, um Ferien zu machen. Sie wollte dann wissen, ob sie in die Schweiz kommen und eventuell bei mir wohnen könnte. Nach langem hin und her wurde jedoch nichts daraus.
In diesem Jahr fragte sie mich wieder. Wieso ich mich darauf eingelassen habe? Keine Ahnung. Wieso dieser Besuch schliesslich eskalierte? Ich kann nur raten… jedoch will ich nicht vorgreifen… Meine Schilderung soll am Donnerstag, dem 19. September 2013 am Flughafen Zürich (ZRH) beginnen. An dem Ort, wo die Geschichte (oder die Tragödie) ihren Anfang nahm…
Die Anzeigetafel der ankommenden Flüge teilte mir (und jedem, der es sonst wissen wollte) mit, dass Lufthansa Flug 1196 von Frankfurt planmässig um 17:20 Uhr landen sollte. Gepäckausgabe 19 Ankunft 1. Also machte ich mich auf den Weg, um meinen Gast aus Japan in Empfang zu nehmen. 

17:25 Uhr –  LH 1196 Warten auf Gepäckausgabe | LH 1196 Waiting for baggage claim

Um 17:30 Uhr schaute ich zum Gepäckband 19 und erspähte nebst einem potentiellen Terroristen, einem Bierbauch, der den Anschein machte, gleich an Herzversagen zu verenden, einem pseudo Metaller/Gothic (oder in welche Sparte dieser Möchtegern sich auch immer einzureihen versuchte – und kläglich scheiterte), der wohl beim Security Check so seine Schwierigkeiten gehabt haben dürfte, befand sich doch die halbe „Schrauben & Muttern“ Abteilung des Baumarktes an seiner Hose. Und um dem sonst schon lächerlichen Auftreten noch etwas Würze zu verleihen, baumelte an einem der unzähligen D-Ringe eine gelbe Plüschente. Hinter diesem merkwürdigen Menschen, mit Neandertalerbart (den er wohl Courtney Gains in der Rolle des HANS in Meine teuflischen Nachbarn abgekupfert hatte) standen zwei wahre (oder auch trve) Metaller in ihren Lederjacken. Sie schienen sich köstlich über den Neandertalerbart mit Plüschente zu amüsieren. Auch ich musste lächeln. 
Nebst vielen anderen Menschen war da eine kleine, wohl ca. 145cm grosse, verschüchterte und recht verwahrlost dreinschauende Japanerin, gehüllt in einen kakifarbenen Mantel. Den Mantel hatte ich schon auf Facebook gesehen. Auch den roten Rucksack hatte ich dort schon gesehen. Das musste sie einfach sein. Meine Besucherin, mein Gast aus Japan. Yoshiko.
Sie schaute zu mir rüber, unsicher ob ich ich war. Also winkte ich ihr zu und sie schien erleichtert zu sein, dass ich auch wirklich am Flughafen war. – Wäre ich besser zuhause geblieben. 


Die Ankunft

Die Tore öffneten sich und Yoshiko kam mit einem giftgrünen Rollkoffer, um den einer dieser, für Asiaten typischen, Koffergürtel geschnallt war, auf mich zu. Die Begrüssung erfolgte in Japanisch. Ein kurzer Austausch wie es ihr ginge, die üblichen Floskeln. Darauf erfolgte schon ein nicht enden wollender Monolog ihrerseits, von dem ich gerademal 40% zu verstehen in der Lage war.
Obschon sie mir mitteilte, dass sie total müde sei, fragte ich sie, ob sie hungrig sei und etwas essen gehen möchte. Sie verneinte mit der Begründung, dass in Japan jetzt Trinkzeit wäre und sie lieber schlafen gehen würde. 

"Varideeto"

Als wir in der Nähe des SBB-Schalters waren, fragte ich Yoshiko, ob sie ihr Zugticket, des Swiss Flexipass habe. Sie nickte. 
Wir gingen nach oben zum Ausgang in Richtung Tramstation, wo ich ihr mitteilte, das unser Tram in 9 Minuten kommen wird. Sie nickte zufrieden. Das Tram kam vor uns zum stehen, ich hatte bereits den ersten Fuss reingesetzt, als ich bemerkte, dass Yoshiko noch immer am gleichen Platz stand. Sie schaute mich fragend an. Ich winkte ihr zu. Sie verneinte und blieb einfach stehen, also ging ich zu ihr hin und fragte, was los sei. Sie kramte in ihrem Rucksack herum und zeigte mir ihren Flexipass. "Varideeto!". Da ich noch nie im Besitz eines solchen Passes war, wusste ich nicht um die Handhabung. Sie händigte mir eine A4-Seite aus. "Varideeto.". Die A4-Seite war gänzlich in Japanisch. Sie konnte mir aber nicht erklären, was genau sie von mir wollte. Also händigte sie mir einen Flyer aus, der nebst Japanisch auch in Englisch war. Ach so, der Flexipass musste am Bahnschalter aktiviert werden. Da ich keine Lust hatte nochmals nach unten zu dem ohnehin überfüllten Schalter zu gehen, und Yoshiko kein Tramticket lösen wollte, fuhr sie eben schwarz. 

Als wir in meine Strasse, mit den individuell und sehr eigen gestalteten Wohnhäusern einbogen, musste sie von jedem Haus ein Foto machen und war hellbegeistert über die Tatsache, dass sie die nächsten 3 Tage in so einem Haus wohnen durfte. „Eeeeeeh, sugoi, ne?!“
Nachdem wir rund 30 Minuten in meiner Wohnung zugebracht und uns bei einer Tasse japanischen Grüntees ausgetauscht hatten, fragte sie mich, ob wir nicht irgendwo essen gehen könnten. Obschon ich etwas erstaunt darüber war, willigte ich ein. Aber hatte ich nicht 40 Minuten zuvor gefragt, ob sie essen gehen möchte? Antwortete sie daraufhin nicht, sie sei müde und möchte schlafen gehen?

In Gesellschaft toter Fische

Wir gingen zurück zum Flughafen ins Foodland, wo ich mich nie wieder blicken lassen kann, brachten wir doch über 20 Minuten vor der Theke von Nordsee zu. Jede einzelne Speise sollte (und wurde) von mir ins Japanische übersetzt werden. Jede Fischgattung wurde erfragt. Schliesslich isst man nicht einfach irgendetwas. Eine solch gewichtige Entscheidung will wohlüberlegt sein. 
-> An dieser Stelle möchte ich kurz auf den mitleidigen Blick der Verkäuferin hinweisen, der auf mir ruhte. 
 Schliesslich entdeckte sie den NordseeBurger, und wollte natürlich wissen, welcher Fisch hier (in ermordeter, zerstückelter und frittierter Form) vor ihr in der Theke lag. So belästigte ich erneut die Verkäuferin, mit der Frage, welcher Fisch denn für diesen Burger jäh dem Leben entrissen worden war (natürlich nicht mit diesen Worten, aber solche Gedanken waren doch gegenwärtig). 
Yoshiko entschied sich dann, nach weiteren zwei Minuten Bedenkzeit, für eben diesen Burger. Der Letzte wurde allerdings von der Kundin vor uns weggeschnappt. Die Verkäuferin meinte, es gäbe gleich neue Burger, wenn wir einen Moment warten möchten. Als das für die gute Yoshiko doch in Ordnung ging – obschon ihr das Warten zuwider war – verspürte ich eine nicht in Worten und Zahlen messbare Erleichterung! 
Als sie dann ihren Burger bezahlen sollte und die Kassiererin fragte, ob sie etwas zu trinken dazu möchte, ging die Langeweile von vorne los. Ich übersetzte ins Japanische, ob sie etwas zu trinken dazu haben möchte. Yoshiko fragte mich, von der Getränkevitrine hinter der Kassiererin völlig unbeeindruckt, was es denn zur Auswahl gäbe. Ich betete ihr die ganze Liste runter und sagte zur Kassiererin, sie solle ruhig weiter bedienen, es könnte bei uns wieder eine Weile dauern… Diese lächelte dankend und wandte sich den anderen Kunden zu. 
Yoshiko entschied sich nach weiteren gefühlten 2 Stunden für ein kleines Mineralwasser ohne Kohlensäure, was ich der Kassiererin weitergab. In deren Augen sah ich einen Anflug von Panik aufflackern, als sie ganz leise zu mir sagte, dass sie nur noch Halbliterflaschen habe. Das war mir nun wirklich egal. Ehe ich noch mehr Zeit in diesem Fischfriedhof zubringen wollte, sagte ich, das wäre ok und erntete einen amüsierten Blick der Kassiererin. ^_^
Während den 40 Minuten, in denen Yoshiko ihren Burger buchstäblich genoss, hatte ich alle Zeit, ihr zu erklären, dass die kleinen Wasser ausverkauft waren, studierte sie doch noch ehe sie den ersten Bissen nahm, die Quittung und bekundete ihre Verwunderung über Preis und Grösse des Wassers. Es war aber in Ordnung, denn der Burger war gut. Und zum dritten Mal fragte sie nach, wieso ich kein Fleisch esse…
Nachdem Essen besuchten wir noch meine Kollegen, die an der Flughafenbar arbeiteten und blieben auf einen Cocktail dort. Die Cocktails gingen auf mich, machte sie doch keine Anstalten nach ihrem Geld zu greifen… Nun gut.
Wieder bei mir zuhause stellte sie die Frage in den Raum, ob Schweizer denn jeden Tag duschen würden? Auf meine Bejahung entgegnete sie, dass man in Japan nur einmal in der Woche duschen würde und faselte irgendwas von wegen Wasser, was ich aber nicht ganz verstanden hatte. Ich war ohnehin damit beschäftigt Harrison Ford in STAR WARS aus meinem Kopf zu kriegen, war doch ab „1x/Woche duschen“ die Szene im Müllschacht präsent: „Oh welch betörenden Geruch Sie entdeckt haben.“

Von Gratisessen und bösen Fremden

Am nächsten Morgen versetzte sie mir einen heftigen Schreck! Nicht an Besucher gewöhnt, erwachte ich völlig unbekümmert aus dem Schlaf, schlurfte in die Küche um mir einen Kaffee zu machen und da sass sie. In der Küche. An meinem Tisch. Auf meinem Stuhl und fönte ein „Ohayou“ in den Raum, gefolgt von irgendwelchen japanischen Worten. Da mein Gehirn aber noch im Stand-by modus war, verstand ich sogar das „Ohayou“ nur ganz knapp. Schliesslich fragte sie, ob wir denn nicht frühstücken würden, was mich etwas irritierte, denn hatte ich ihr in einer der zahlreichen Mails geschrieben, ich würde normalerweise nicht frühstücken und wir würden uns unterwegs etwas kaufen. Ich machte mir einen Kaffee und fragte, ob sie auch einen haben möchte. Den hätte ich mir schenken können, nippte sie lediglich zweimal daran und liess ihn unbeachtet stehen. Ich goss ihn vor der Abreise in den Abfluss, wo er seine Reise in eine unbekannte Welt fortsetzte und somit aus dieser Geschichte floss… 

Wieder wollte sie kein Tramticket lösen und fuhr nochmals schwarz. "Varideeto?" Ja, am Flughafen. Wir gingen zum SBB-Schalter, an dem wir gut 10 Minuten anstehen mussten und sie schaute neugierig in alle Richtungen. Dann kramte sie nach ihrem Flexipass, zeigte ihn mir und fragte erneut "Varideeto?". Ja, deswegen stehen wir hier an.
Am Bahnschalter fragte ich, ob man den Flexipass aktivieren könnte. Ja. Yoshiko schaute die Dame am Schalter an: "Varideeto?" Die Dame nickte. Sie brauchte aber noch einen "Passport". Yoshiko schaute mich fragend an: "nani?" Ich antwortete ihr mit "Pasupoot", was sie dann doch zu verstehen in der Lage war. Meiner Meinung nach klingt Passport im englischen Original ja sehr ähnlich mit dem japanischen "Pasupoot", aber gut. 
Die nette Dame am Schalter erklärte mir die Handhabung des Flexipasses. Yoshiko verstaute dann alles wieder in ihrer Minniemouse-Mappe, die sie aus dem Tokyo Disneyland mitgebracht hatte (was sie der netten Dame am Schalter voller Stolz mitteilte) und fragte erneut: "Varideeto?". Ja.
In Olten am Bahnhof kaufte ich mir eine Brezel und einen Kaffee. Sie hingegen drückte sich die Nase an Brezeltheke ab - kaufte aber nichts. Im Zug gen Interlaken sitzend starrte sie unentwegt auf meine Brezel, weshalb ich ihr etwas davon anbot. Sie brach sich ganz wenig davon ab und befand sie für sehr köstlich, also bot ich ihr nochmal an, sich etwas davon zu nehmen. Yoshiko ergriff die Papiertüte und stopfte sich die ganze Brezel allein rein. War zwar nicht so gedacht, aber gut, ich hatte ja noch meinen Kaffee. ^_^
In Interlaken gingen wir beim Mexikaner essen. Glücklicherweise spricht mein Bekannter, der da im Service arbeitet etwas Japanisch! Sie machte sich gar nicht erst die Mühe etwas zu verstehen und war froh, als er ihr das iPad mit Fotos der verschiedenen Gerichte reichte. Natürlich war ihre erste Frage: „regomend?“ (← Die Erläuterung dazu findet sich weiter unten im Text)
Nach dem Essen fragte sie, ob wir gehen wollen. Kaum hatte ich genickt, stand sie auf, zog ihren Mantel an und ging zum Ausgang. Ich schaute sie leicht irritiert an, auch mein Bekannter starrte sie an. Ich fragte nach der Rechnung, welche er uns gleich brachte. Erst machte sie keine Anstalten nach ihrem Geldbeutel zu greifen, erst als mein Bekannter und ich ihr 3x den noch offenen Betrag nannten, griff sie mürrischen Blickes in ihren „Vicotorinoxu“-Rucksack und kramte nach dem Portemonnaie.
Vor der Schiffsanlegestelle verschwand sie dann spurlos. Sie müsse noch ein Geschenk für ihre Mutter besorgen. Nun gut, wir hatten ja über eine Stunde Zeit dazu. Ich blieb zurück und holte mir lediglich ein Bier. Während dem Trinken unterhielt ich mich kurz mit einem Touristen aus Texas über das Schweizer Bier. Als Yoshiko zurückkam und sah, dass ich mich mit einem wildfremden Menschen und dessen Frau unterhielt, blieb sie hinter einem Baum stehen und spähte, wie so ein kleiner Waldschrat, hervor. Erst als die beiden Texaner ihren Bus bestiegen und aus meinem Radius verschwunden waren, kam sie langsam hinter dem Baum hervor, den Blick nicht vom Bus abwendend. Die Texaner könnten ja möglicherweise zurückkommen – mit Kettensäge.
Yoshiko fragte, was das für Bier sei. Schweizer Bier aus Interlaken. Rugenbräu. Ah so. Sie schaute so lange auf die Bierdose in meiner Hand, bis ich ihr anbot, davon zu probieren. Eigentlich hätte mir ja klar sein müssen, dass ich das Bier nicht zurückbekommen würde – und so geschah es dann auch. Nun gut, das Bier war inzwischen warm und so war es mir eigentlich egal. 

Grandhotel Giessbach

Als ich ihr sagte, die nächste Station wäre unsere, schaute sie mich überrascht an. Schien sie gar nicht zu wissen, dass wir im Grandhotel Giessbach nächtigen würden. Hatte ich ihr nicht unzählige Mails geschrieben und auch den Link zur Hotelseite mitgeschickt gehabt?
Wir teilten uns die Giessbachbahn mit einer Gruppe Franzosen, die Yoshiko nicht geheuer waren. Wir checkten mit ihnen ein, die gute Yoshiko hielt aber stets den Sicherheitsabstand von gut 5 Metern ein. Als wir über die Treppen nach oben gingen, fragte sie allen Ernstes, ob es denn keinen Aufzug gäbe. Nein. Natürlich gibt es einen, aber wenn man noch jung und gut zu Fuss ist, UND im Giessbach absteigt, geht man über die Treppe und bestaunt die viktorianische Architektur!
Ich hatte noch nicht mal die Tür hinter uns geschlossen als sie bereits den Fernseher einschaltete. Wozu? Sie verstand doch ohnehin kein Wort. 
Wir wollten noch rausgehen, um ein paar Fotos zu machen. Sie stand schon im Korridor, als ich sie dann fragte, ob sie nicht noch die beiden Lampen ausmachen wollte? Unverständnis. Doch sie ging nochmal ins Zimmer und knipste die Lichter aus. 
Beim Zimmer neben dem unseren, stand die Tür offen. Die Franzosen hatten drei Zimmer in diesem Flügel und gingen vom einen zum anderen. Als ich vorne beim Treppenhaus war, bemerkte ich, dass Yoshiko nicht bei mir war und so drehte ich mich um… Gar beschämender Anblick bot sich mir: Yoshiko stand vor dem Zimmer mit der offenen Tür und gaffte ganz interessiert hinein. Einer der Franzosen kam aus dem Zimmer, schaute sie an. Schaute mich an. Ich zuckte mit den Schultern. Er schloss die Tür vor Yoshikos Nase. Unverständnis. Dann zottelte sie mir hinter her und sah, dass es doch einen Aufzug gab. „Erebeta!“ Unbeeindruckt von ihrer Entdeckung nahm ich die Treppe – sie folgte mir.
Draussen war sie überwältigt von der Pracht des Giessbach. 
So überwältigt, dass sie plötzlich verschwunden war. Nach 10minütiger Suchaktion ging ich zurück ins Zimmer um mich fürs Abendessen fertig zu machen. 
Danach ging ich nochmal durch das riesige Eingangsportal und da stand Yoshiko, vor Kälte zitternd auf dem Treppenabsatz und starrte mich an. 
Ob sie sich auch noch umziehen möchte? Nein.
Sie sass mir gegenüber, diese scheussliche Mütze auf dem Kopf und in den ausgeleierten kakifarbenen Mantel gehüllt. Die Gürteltasche um den Bauch geschlungen. Ihre Mütze, aus einer Vielzahl verschiedenfarbiger, nichtzueinander passenden Stoffplätzen zusammengenäht, nahm sie dann irgendwann ab. IMMERHIN! Ihren alten Mantel, mit, möglicherweise waren es Mottenlöcher, hängte sie dann auch über die Stuhllehne. Ich will ja nicht als oberflächlich abgestempelt werden, aber wir waren in einem 4-Sterne Hotel, zumindest eine bisschen Klasse wäre da wünschenswert gewesen…
Sie schaute sich das Menü an und verstand kein Wort, war es doch in Deutsch und Französisch geschrieben. Wie war das nochmal mit, sie spreche mittlerweile recht gut Deutsch? 
Ich übersetzte ihr das Menü ins Japanische und Englische. Beim Pumpernickel stiess ich allerdings an meine Grenzen. Also umschrieb ich ihr in Englisch, was ein Pumpernickel sei. Natürlich verstand sie da kein Wort und ihr typisches mit hoher Fistelstimme gesprochenes „Hah?“ wurde zum running gag. 
Unser Kellner wollte die Bestellung aufnehmen und fragte sie in Englisch, was sie denn haben möchte. Yoshiko hörte ihm aufmerksam zu und sagte dann: „Engrish please?“ Der Kellner schaute mich irritiert an. Was mich angeht, ich brachte sämtliche Ressourcen der Selbstbeherrschung auf, um nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Der Kellner fragte mich dann, ob sie kein Englisch spricht. Nein, nur Japanisch. Ich übersetzte nochmals alles. Beim Hauptgang war sie dann nicht sicher, wofür sie sich entscheiden sollte. Schliesslich will man nicht in der Schweiz sein und durch das Essen eines „falschen“ Gerichtes in der Heimat zum Gespött werden. Grauenerfüllt, dachte ich zurück an die Szenerie bei Nordsee und da ich mich künftig wieder im Giessbach blicken lassen möchte, beschloss ich dem Treiben Einhalt zu gebieten! Also empfahl ich ihr, da sie den vegetarischen Hauptgang vorher schon abgelehnt hatte, das inzwischen tote Baby einer Kuhmutter. Yoshiko’s Augen leuchteten voller Begeisterung und so fragte sie: „regomend in Swiss?“ Der Kellner empfahl ihr das Schwein. „regomend?“ Er nickte. Also bestellte sie das Schwein. 

Homosexualität – Japaner sind immun!

Während wir beim Essen waren, spähte Yoshiko immerzu rüber zum Nachbarstisch, an welchem zwei Männer sassen. Yoshiko fragte mich dann irgendwann, worüber die Beiden reden. Keine Ahnung, ich belausche die doch nicht. Ob das zwei Schwule wären? Keine Ahnung.
Und dann… Welten prallten aufeinander! Supernovas! Mein Weltbild wurde erschüttert! Ein gänzlich neues Universum geschaffen! Wo war Stephen Hawking, als ich ihn so dringend gebraucht hätte?!
Yoshiko sagte tatsächlich zu mir, die ich nach wie vor fassungslos bin: 
„Das ist ja normal hier, oder?“
„Was ist normal hier?“
„Schwul zu sein. Mann und Mann, Frau und Frau. Normal in Europa, nicht?“
„Wie meinst du normal?“
„Ja es gibt viele. Sie sind überall… Europa und auch Amerika. Es gibt viele. Nicht in Japan.“
Da ich mir nicht sicher war, sie richtig verstanden zu haben, fragte ich nach:
„Du meinst, in Japan gibt es keine Homosexuellen?“
„Nein. Das ist eine europäische und amerikanische Krankheit. Eine Krankheit der weissen und schwarzen! In Japan und wohl ganz Asien gibt es das nicht!“, mit wohlgemeintem gesenktem Blick schnitt sie den gebratenen Schweineleichnam auf ihrem Teller entzwei und schüttelte beim Wort „nicht“ leicht den Kopf um ihre Verneinung zu untermalen.
„Meinst du das ernst?“
„Ja. Gibt es nicht! Auch alleinerziehende Mütter… ist hier ja auch normal. Gibt es in Japan auch nicht. Jedes Kind hat einen Vater und eine Mutter. Niemand wächst allein auf! Oder mit zwei Müttern oder zwei Vätern. Das ist nicht normal. Das ist ekelhaft.“
(Diese Aussage erinnerte mich an ein altes Medizinbuch meiner Mutter um das Jahr 1950, in dem Homosexualität als Krankheitsbild definiert steht. Heilung kann nur mittels Psychotherapie – und in besonders schweren Fällen mit Elektroshocks – gewährleistet werden.)
Zurück im Zimmer, wurde wieder als erste Aktivität überhaupt der Fernseher eingestellt. Sie soll den bitte ausmachen. Es nervt. 
Sie meinte dann total stolz, sie würde morgen auch duschen! Schön, nach zwei Tagen des Nicht-duschens… freute mich das sehr!  

Regomend?

Am kommenden Morgen war sie vor mir auf und brachte rund zwei Stunden im Badezimmer zu. Duschen, Haare waschen, Haare föhnen, Bad überfluten…
Die Tür war zu. Doch während dem Föhnen der Haare öffnete sie die Tür einen Spalt. Was war das? Eine Art Wecker, der mich brummend aus dem Schlaf reissen sollte?! Danke! Auch das Licht im Zimmer liess sie brennen, während sie im Bad war. Was für eine nette Person… Sehr rücksichtsvoll. 
Vor dem Frühstücken ging ich noch kurz ins Bad und war… erschrocken und erstaunt zu gleich! Alle Handtücher lagen wasserdurchtränkt auf dem Fussboden vor der Dusche. Was hatte diese Person in diesem Badezimmer nur gemacht?! Tsunami gespielt?!
Wir besichtigten die verschiedenen Etagen und Salons des Hotels. Yoshiko hatte ihre pinkfarbene kleine Kamera stets griffbereit um den Hals hängen. Im Salon Davinet, in dem ein Gemälde des Herren Davinet thront, fragte Yoshiko wer das denn gewesen sei. „Hah?“ und als nächstes fragte sie „regomend? Regomend in swiss?“ Bei wirklich jedem Gemälde, jedem Möbelstück und jeglicher Zierrat kam diese Frage auf. Mit „Regomend“ war u.a. gemeint, ob das etwas Bekanntes ist, etwas dass man kennen oder sehen muss. Bei einem JA, machte sie ein bis drei Fotos davon. Sagte ich NEIN, wurde die Kamera teils etwas zögernd, teils gleich ausgeschaltet… Ich begann mich zu fragen, ob sie nur Sachen fotografierte, die „regomend“ waren…

Yoshiko verschwindet spurlos

Beim Auschecken hielt sie einen Sicherheitsabstand von 5 Metern. Fragte auch nicht, wie hoch die Rechnung war, und was sie mir denn schulde. Nichts. Gut, rechnen wir zuhause ab, dachte ich mir.
Wir hatten einen straffen Zeitplan, in welchen sie involviert war. Doch beim Fotografieren der Wasserfälle, war sie auf einmal verschwunden. Nahezu 1,5 Stunden war ich damit beschäftigt Yoshiko zu suchen. Ich schaute den Fluss entlang runter, vielleicht war sie ja ausgerutscht? Vielleicht war etwas Schlimmes passiert? In Gedanken sah ich ihren roten Victorinox-Rucksack im Wassertreiben. Am Rücken einer einen kakifarbenen Mantel tragenden Leiche. Ich suchte sie überall und ging sicher 2x zum Hotel zurück. Nichts. Keine Spur! Also wanderte ich runter zur Schiffsanlegestelle. Nichts. So langsam war ich wütend. Ich dachte mir, ich gehe jetzt noch einmal zurück zum Hotel. Wenn sie nicht da ist, gehe ich nachhause und dann soll sie selber schauen, wie sie ihren Koffer, der noch in meiner Wohnung steht, wieder bekommt. Wieder oben beim Hotel sass sie auf der Mauer und winkte mir zu. Ich war kurz vorm Explodieren. Diese Person hatte meine Handynummer, war aber nicht in der Lage mal kurz anzurufen und zu sagen, wo sie war… Ich war so sauer und fragte sie (recht energisch) dreisprachig, wieso zur Hölle sie nicht angerufen habe! Ich hätte sie über 1,5 Stunden lang gesucht! Sie habe ja schliesslich meine Nummer. Als dann als Antwort ihr typisches „Hah?“ kam, wars vorbei. Ich sprach kein Wort mehr mit ihr und wollte nur noch nachhause! 

Finstere Blicke und good bye

Auf dem Heimweg schaute sie mich erst böse an, weil ich mich erdreistet hatte etwas zu Essen für mich zu kaufen. Sie schaute mir aus zwei Meter Entfernung mit knurrendem Magen beim Essen zu. Wir sprachen kein Wort.
Im Zug nach Luzern, in dem wir eine sehr lange Zeit zubrachten, sprachen wir kein Wort. Während ich die wundervolle Aussicht auf das Berner Oberland genoss, starrte Yoshiko auf den Boden. Die scheussliche Mütze tief ins Gesicht gezogen.
In Luzern am Bahnhof verstand sie die Welt nicht mehr. Ich eilte im Stechschritt dem Zug entlang gen Sektor A. Der Zug war jedoch voll. Also sollte der IC Luzern ohne mich verlassen. Yoshiko stand vor dem Eingang des Zuges und schaute irritiert um sich. Ich machte mich auf zu den Toiletten. Als ich wieder rauskam stand sie hinter der Schranke und schaute mich finster an und deutete auf die Schranke am Eingang der Toiletten. Sollte ich das jetzt etwa auch noch bezahlen? Keine Chance. Ich schaute sie fragend an. Sie sagte nichts und senkte den Blick wieder in Richtung Gravitation. Es schien wirklich so, als ob dieser Kopf ein besonderes Verhältnis zur Gravitation zu haben schien, war er doch stetig gen Boden geneigt…. 
(Wenn man dieses Phänomen nun untersuchen wollte, gehörte das in den Bereich der Physik?)
Als wir wieder auf dem Bahnsteig waren, spielte Yoshiko wieder Verstecken. Sie kauerte hinter dem Wartehäuschen auf dem Boden. Gürteltasche umgeschnallt. Victorinox-Rucksack ebenfalls umgeschnallt. Sie kauerte in seltsamer Pose hinter diesem Häuschen, von zahlreichen Pendleraugen angestarrt. Bis heute weiss ich nicht, ob sie da hingepisst hatte oder nicht… o_O
Ich achtete nicht mehr länger auf sie. Sie folgte mir jedoch wie ein Schatten von ÖV zu ÖV. 
Wieder bei mir in der Wohnung, wimmerte sie ein Arigatou und plötzlich war sie weg. Samt Gürteltasche und Victorinox-Rucksack. Sie verliess, ihren giftgrünen Koffer vor sich her rollend, in der Abenddämmerung diese Geschichte… Zurück blieben nur ihre offene Rechnung bei mir und der blaue Koffergürtel, welcher zum jetzigen Zeitpunkt auf irgendeiner Müllkippe auf sein Ende wartet…
Sayounara! さようなら!

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Blut & Schweiss (Endfassung)


Und wieder roch die ganze Büroetage nach diesem schrecklichen AXE-Deo, dessen süsslich beissender Geruch, jedes Mal Übelkeit in ihr hervorrief. Wenn der Typ seine Schweissdrüsen schon nicht operieren liess, wieso konnte er dann nicht wenigsten ein wohlriechendes Deo kaufen? Sie hatte teilweise so gar kein Verständnis für ihre Mitmenschen. Des Weiteren verstand sie nicht, wieso sie eine solche Deo-Dose auf ihrem Schreibtisch dulden musste! Überhaupt standen die überall herum! Auf ihrem Schreibtisch. Neben der Pflanze am Empfangsdesk. In seinem Büro standen sie zu dritt herum. In jedem Waschraum – ja auch in dem der Damen. Diese Deos schienen sie zu verhöhnen! Erstens nutzten sie ja doch nichts und zweitens stanken alle einfach nur abscheulich – zumindest an ihrem Chef!
An ihrem Schreibtisch sitzend und eben die Bestellung von ihrem, trotz übermässig mit Deo eingesprühtem beissend nach Schweiss stinkenden, Vorgesetzten lesend spürte sie, wie etwas in ihr tobte. „Es tobt ein Krieg in mir.“ Sie las die Bestellung immer und immer wieder und bemerkte nicht, die blutende Stelle in ihrem Handgelenk, in die sie ihre Fingernägel bohrte. Hasserfüllt.
Guten Morgen L.
Heute wünsche ich zwei Buttergipfel – aber die grossen! Dazu bringen Sie mir zwei Donuts mit Schokoladenglasur! Ach ja, und heute sorgen Sie für ausreichend Zucker in meinem Kaffee. Diese bittere Brühe von gestern war ja unter aller Sau!
Mittagessen: Reservieren Sie mir einen Tisch im Freddy’s! Ich werde alleine essen. Die sollen den Tisch ab 11:00 Uhr freihalten. Ich werde zwischen elf und eins dort eintreffen.
Dann bringen Sie mir die Abschrift von gestern sofort in mein Büro! (ch verstehe ohnehin nicht, wieso die gestern nicht schon auf meinem Tisch lag!)
Dann habe ich Ihnen gegen 10:00 Uhr etwas zu diktieren! Ich erwarte Sie daher pünktlich in meinem Büro!
L griff zum Hörer und wählte die Nummer vom Freddy’s um ihrem netten und wie immer zuvorkommenden Chef einen Tisch zu reservieren. Kein leichtes Unterfangen angesichts des breiten Zeitfensters. Doch, wie immer, schaffte sie es auch heute. War ihr Ekel von Chef dort bestens bekannt und keiner hatte Lust dazu, sich auf eine Debatte mit ihm einzulassen. Einerseits weil er immer gleich sehr laut wurde und die Diskussion gleich darauf fluchtartig zu verlassen pflegte. Ja der gute Herr J. war bekannt – nicht zuletzt wegen dieser beissenden Duftwolke, die ihn umhüllte.
Mit zwei Buttergipfel – aber den grossen, zwei Donuts mit Schokoladenglasur und einer Tasse Kaffee mit Zucker (oder in diesem Fall einer Tasse Zucker mit Kaffee) ging L ins Büro von ihrem sehr beliebten Chef. Schon die grauen Lettern mit seinem Namen auf der Glastür zu seinem Büro liessen sie erschaudern. Sollte er doch noch ungesünder essen (oder in seinem Fall wäre wohl „schlingen“ das bessere Wort) und noch fetter werden. Sein Schweissproblem bekäme er so garantiert nicht in den Griff. 
Sie klopfte an und er winkte sie herein. Kaum einen Fuss in seinem Büro, wünschte sie sich nicht in einem dieser neuen minergetischen Gebäuden zu arbeiten, wo sich kein Fenster öffnen liess. Die Luft in diesem quadratischen Raum mit dem grossen, nicht zu öffnenden Fenster, war so dick, man hätte sie mit einem Messer in Scheiben schneiden können.
„Haben Sie meine E-Mail gelesen, L?“ fönte er ihr entgegen, während er sich mit einem Kleenex den Schweiss von der Stirn wischte. 
Natürlich hatte sie das! 
„Was bringen Sie mir denn da Schönes, L?“
„Ihre Bestellung. Zwei Buttergipfel – aber die grossen mit einer Tasse Zucker mit Kaff- ähm Kaffee mit Zucker. Dazu bringe ich Ihnen zwei Donuts mit Schokoladenglasur.“
Herr J., der von allen nur „der Schwitzer“ genannt wurde, schaute sie prüfend an. „Dann können Sie ja jetzt wieder an die Arbeit! Ich bezahle Sie nicht fürs Rumsitzen! Ist mein Tisch reserviert?!“
Natürlich war er das.
Sie hielt das nicht mehr aus. Was für ein Möchtegern-Despot! Zuhause hatte die Frau die Hosen an und daher spielte er hier den Gewaltherrscher! Wieso war gerade sie seine Assistentin?! Wieso?! Ein Danke oder Bitte war seinem Wortschatz fremd. Aber mit Exklamationszeichen geizte er nie. Dem Typen gehörte einfach mal eine ausgewischt. L setzte sich an ihr Notebook, um sich über einige, ätzende Stoffe zu informieren. Wo wären wir heute ohne Google und Wikipedia?
Nach ihrer Informationsbeschaffung war L zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich froh darüber, in einer Pharmaunternehmung zu arbeiten, hatte sie doch während ihrer exakt 28minüten Mittagspause etwas aus dem Lager zu holen. Ihr guter Freund K würde ihr schon dabei helfen. Mit einem zufriedenen Grinsen nahm sie ihre eigentliche Arbeit wieder auf.
Nach ihrer Mittagspause fand sie eine neue E-Mail vom schweisstriefenden Schwitzer in ihrem Posteingang vor:
Nur zu Ihrer Information: Das Essen im Freddy’s war ausgezeichnet, nur die Bedienung etwas unfreundlich! Sie sorgen dafür, dass ich das nächste Mal zuvorkommend bedient werde! Schliesslich bin ich ein guter Gast und sollte auch so behandelt werden! Das werden Sie nach Ihrem Feierabend machen! Sie werden da vorbeigehen und denen mitteilen, dass ich ein Anrecht darauf habe, zuvorkommend behandelt zu werden!
Ich werde heute Nachmittag früher Feierabend machen. Ich arbeite schliesslich ausgesprochen hart (was man nicht von allen hier behaupten kann). Sie hingegen werden noch Dokument A bearbeiten! Sie wissen schon, das ist irgendwo in diesem grossen Pharmaordner abgelegt. Sie werden es finden! Ich erwarte morgen einen vollständig überarbeiteten Bericht mit Randnotizen! Schliesslich muss ich das bei der Sitzung meinem Boss vorlegen. Also sorgen Sie dafür, dass alles perfekt ist! Ich will mich nicht schämen müssen! Und dieses Mal, erklären Sie diese Fremdwörter gefälligst!  
PS: Bringen Sie mir nochmal so einen Kaffee! Der war nicht so schlecht wie der gestern! Dazu bringen Sie mir noch diese mit Sahne gefüllten süssen Dinger mit dem Puderzucker!
Na wunderbar! Sie wollte heute pünktlich Feierabend machen und mit einem alten Bekannten ins Kino gehen. „Es tobt ein Krieg in mir!“
Sie brachte ihm den Kaffee und die Windbeutel. Der Kaffee allerdings war nicht genau gleich, wie der vom Vormittag. Beinhaltete er dieses Mal ein paar Tropfen einer übern Mittag aus dem Lager geholten Flüssigkeit. „Wohl bekomms!“
Sie würde diese Tropfen allerdings über einen längeren Zeitpunkt anwenden müssen, ehe sich eine Wirkung zeigen sollte. Sie hatte ja Zeit.
Ihr Blick fiel auf die kleine schwarze Deospraydose, die auf ihrem Schreibtisch stand. Sie würde eine aus dem Waschraum der Männer mitgehen lassen. Das war sicherer. Morgen.
Am Tag darauf kam der Schwitzer nur für kurze Zeit ins Büro. L wusste warum. Er setzte sich, wie jeden Morgen, mit seinem breiten Hintern auf ihren Schreibtisch, schaute auf sie herab und gab seine üblichen Floskeln preis: „Na, L. Wie geht es uns denn heute. Ist Dokument A erledigt?!“
Mit der rechten Hand griff er zum Deo und besprühte sich damit. Bereits früh am Morgen zeichneten sich Schweissränder auf seinem Hemd ab. Nicht nur unter den Armen. Wieso trug er auf immer diese hellblauen Hemden? Mit Schwarzen würde diese konstante Bewässerungsanlage immerhin ein wenig vertuschen können.
Etwa 10 Minuten später verliess er das Gebäude fluchtartig und tippte von unterwegs eine E-Mail an L über sein veraltetes Blackberry:
L! Ich werde heute nicht mehr kommen! Sie besorgen das Alltagsgeschäft! Enttäuschen Sie mich nicht!
L grinste fies und dachte sich nur, dass er wohl morgen auch nicht erscheinen wird. Überhaupt die ganze Woche nicht. Ja, gewisse Liquide überzeugen doch in ihrer einfachen Anwendung. Der gute Schwitzer würde nun einige Tage noch übler riechen. Buttersäure richtig eingesetzt, kann wahre Wunder bewirken. 
Dies jedoch sollte nur der Anfang sein…
Am darauffolgenden Tag erhielt sie zwei Fläschchen von ihrem Kollegen aus dem Labor. Cyanwasserstoff und Schwefelsäure. Sollte das Eine ihn nicht dahinraffen, dann das Andere ganz bestimmt. L machte sich daran, zwei Deoflaschen zu präparieren.
Zwei Wochen später kam der Schwitzer zurück in die Firma. Der Geruch nach faulen Eiern war verflogen. Natürlich konnte er sich nicht erklären, woher dieser Gestank kam und verdächtige auch keinen der Mitarbeiter. Er glaubte, an eine allergische Reaktion auf irgendetwas.
Kurz nachdem er sich mit der blauen Axeflasche besprüht hatte, ging seine Atmung etwas schwerer. Der Schwitzer hatte zur richtigen Deodose gegriffen, begünstigt doch Schweiss die Aufnahme des Cyanid erheblich, da Blausäure eine hohe Wasserlöslichkeit besitzt. Die Sauerstoffbindungsstelle in der Atmungskette der Körperzellen wird blockiert. Durch die Deaktivierung des Enzyms kommt die Zellatmung zum erliegen, was zur inneren Erstickung führt. Darauf reagiert der Körper mit erhöhter Atemfrequenz, was die Aufnahme gasförmiger Blausäure erhöht. Die Zellen sterben schliesslich an Sauerstoff- und ATP-Mangel.
Da er sich immer gerne mit zwei verschiedenen Deos besprühte, griff er sogleich zur roten Axedose. Diese benutzte er weniger als Deo und mehr als Parfüm. Als die ersten Tropfen seine Haut berührten, spürte er ein leichtes Brennen. Gleichzeit machten sich die ersten Anzeichen der Cyanidvergiftung bemerkbar. Dem Schwitzer wurde furchtbar schwindlig und so stürzte er noch im Waschraum stehend, zu Boden. Er begann zu hyperventilieren und rang nach Sauerstoff. Nur schwach nahm er wahr, wie sich die Schwefelsäure allmählich durch seine Haut frass. Hätte er um den Inhalt der beiden Deodosen gewusst, wäre er L sicherlich dankbar um die Blausäure gewesen. Denn ohne die hätte er sich im grossen Spiegel des Waschraumes liegen sehen mit weit offenen Wunden an den Stellen, an denen die Schwefelsäure seine Haut getroffen hatte und sich immer tiefer ins Fleisch zu fressen begann. Danach wäre ein langer qualvoller Heilungsprozess eingetreten, mit sehr schmerzhaften und nur langsam und schlecht verheilenden Wunden. Dank der Blausäure blieb ihm dies erspart. Er verlor das Bewusstsein und blieb reglos auf dem weissen Kachelboden liegen. Die Blutlache um seinen reglosen Körper wurde stetig grösser. Die Wunden tiefer.
Als er gefunden wurde, oder zumindest das, was von ihm übrig geblieben war, waren die Stellen seiner Haut, die nicht zerfressen worden waren mit, bei Cyanidvergiftungen üblichen, leuchtend roten Livores versehen.
Für alle die, die es wissen möchten: 
Es war viel von ihm übrig geblieben. Doch war der Anblick nicht unbedingt schöner Gestalt. Frass sich die Schwefelsäure durch seinen Bauch, worauf das im Überfluss vorhandene Fett herauszurinnen begann. So lag er letzten Endes in einer Suppe aus dickem roten Blut und einer weiss-gelblichen Flüssigkeit, die sich mit dem Blut vermischte.
L’s Gedanken beim Anblick des Leichnams waren recht positiv, möchte man sagen. Sie dachte sich, dass seine Schweissdrüsen nun endlich verätzt waren und er auch gleich ein paar Kilo abgenommen hatte. Sie betrachtete dies als eine äusserst positive Wendung und lächelte zufrieden.

Samstag, 28. September 2013

Auf der Kippe

Ihr Spiegelbild schien nicht real. Diese Frau im Spiegel war nicht sie. Konnte nicht sie sein. Die aufgeplatzte Lippe. Die eingetrockneten Blutspritzer in ihrem Gesicht. Das einst weisse und nun blutgetränkte Sommerkleid. Das dunkelblaue, ja fast schwarze, und stark angeschwollene rechte Auge. Von ihrem perfekt gezogenen schwarzen Liedstrich waren nur noch dunkle Linien geblieben. Ihr Lieblingseyeliner von Shiseido, der sie gestern noch so schön hatte aussehen lassen, hatte sie über Nacht in ein Monster verwandelt. Sie war nur noch ein Schatten ihres Selbst. 
„Das bin nicht ich!“
Sie schaute diese Fremde im Spiegel an, und diese starrte einfach nur zurück. Ein Paralleluniversum musste einfach existieren. Eine andere Welt, in der sie jetzt fröhlich lächelnd vor dem Spiegel stand und sich frisierte. Tränen rannen über ihre Wangen. Tränen der Verständnislosigkeit. Tränen der Angst, der Verzweiflung – des Hasses.
Den Blick nicht von ihrem entstellten Ebenbild abwendend tastete sie nach ihrem Skalpell. Doch sie verspürte keinen Schmerz. In ihrem Bein klaffte eine breite lange Wunde. Das Blut tropfte auf den Boden, wo es eine kleine Lache um ihren Fuss bildete. Wieder und wieder zog sie die kalte Klinge durch ihre nackte Haut. Nichts! Die sonst übliche Erleichterung wollte nicht eintreten. Die Klinge fiel zu Boden. Sie verliess das Badezimmer.
Neben dem Bett auf dem Boden kauernd, sann sie über den vergangen Abend nach. Wie hatte er das tun können? Wie hatte sie es soweit kommen lassen können? War sie jemals glücklich mit ihm gewesen? 
Natürlich hatten sie schöne Stunden miteinander verbracht, aber auch oft gestritten. Viel zu oft. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er ihr zum ersten Mal physischen Schmerz bereitet hatte. Es war wohl schon zu weit zurück. In letzter Zeit kam es jedoch immer öfter vor, dass er ihr wehtat. Seine Wut an ihr ausliess. All seine aufgestauten Aggressionen. Wieso, wusste sie nicht. 
Sie dachte an ihre beste Freundin, die neulich am Telefon zu ihr sagte, dass sie sie nicht mehr wiedererkennen würde: „Ich habe immer zu Dir aufgeblickt! Du warst immer mein Vorbild! Was ist passiert?! Wieso lässt gerade du dir so etwas gefallen?!“ Sie wusste es nicht. Wann hatte diese negative Metamorphose begonnen? Früher hatte sie sich von Niemandem etwas gefallen lassen. Wenn einer nicht so wollte wie sie, dann konnte er gehen. Dass Vanessa, ihre beste Freundin, jedoch zu ihr aufgeblickt hatte, erstaunte sie zutiefst. War sie es doch, die Vanessa immer verehrt hatte. Vanessa war eine so starke Persönlichkeit und sie war stolz darauf mit dieser Amazone befreundet sein zu dürfen. 
Und nun? Sie war ein Nichts! Wegen ihm hatte sie sich von ihren Freunden abgewandt. Sogar ihrem Pferd hatte sie den Rücken gekehrt, weil der Freund wichtiger war. Ihr Freund. Ihr erster Freund. Alle wollten ihn, und sie hatte ihn! Was hatte sie jetzt davon? Nichts. Sie hatte einen gewalttätigen und jähzornigen Schläger, der zudem seine grosse Liebe in Alkohol und Zigaretten gefunden hatte. Wieso sie so lange mit diesem Menschen zusammen war, konnte sie sich nicht erklären. Was war mit ihr geschehen? Sie hatte ihm immer all ihre Liebe gegeben, doch es war nicht genug. Sie hatte alles für ihn getan, doch es war einfach nicht genug. Stets hatte sie sich ihm unterworfen. Er wollte es so. Er war der Herr. Er hatte das Sagen – immer. Wiederspruch bedeutete Schmerz. Das hatte sie langsam und qualvoll gelernt. Sie hatte ihn nie belogen oder betrogen. Er log ständig und hatte so einige Affären, was sie schon seit längerer Zeit vermutet hatte. Später dann sollte sich ihr Verdacht bestätigen. Sie erfuhr von all seinen Frauen und konnte auch einige Lügen aufdecken. Als sie ihn darauf angesprochen hatte, rastete er aus, stritt alles ab und schleuderte ihr einen seiner Kampfstiefel ins Gesicht. Trotz der Schmerzen hatte sie es gewagt, ja sich erdreistet, etwas zu entgegnen. Die Antwort kam blitzartig auf sie zugeschossen – in Gestalt seiner Faust, die sich ihr zwischen die Rippen bohrte und seinem Kampfstiefel, mit dem er auf sie eingeprügelt hatte, bis die Dunkelheit der Bewusstlosigkeit eintrat.
Während sie weiter darüber nachdachte, entledigte sie sich ihrem steifen Sommerkleid. An manchen Stellen klebte es an ihrer Haut. Klebte das geronnene Blut. Zurück im Badezimmer stellte sie sich unter die Dusche. Das kalte Wasser war eine Wohltat. Sie wusch sich das Blut aus den Haaren und von der Haut. Sie wollte sich reinigen. Sich von ihrer Vergangenheit freiwaschen und so blieb sie über 50 Minuten unter dem kühlenden Wasserstrahl stehen.
Die Frau, die ihr nun im Spiegel entgegenblickte, sah trotz der Verletzungen nicht mehr kaputt und verzweifelt aus. Etwas hatte sich verändert. Die Augen der Frau im Spiegel leuchteten voller Lebensfreude. Auf ihrem Gesicht lag ein triumphierendes Lächeln. In ihren Gedanken sah sie die letzten Bilder ihres Ex-Freundes. Wie sein regloser Körper auf dem Sofa lag. Er hatte keine Macht mehr über sie. 

Im Spiegelschrank stand noch die „Tatwaffe“, welche sie noch zu vernichten hatte. So schraubte sie den Deckel des kleinen dunklen Glasfläschchens auf und goss den tödlichen Rest in die Toilette. Das Fläschchen landete im Abfalleimer. Hervorlugte noch das weisse Etikett auf dem in schön geschwungener Schrift „Wolfswurz“ geschrieben stand. Daneben lag ein Buch mit dem Titel Die tödlichsten Pflanzen Europas.

862 Worte - Bestnote

Donnerstag, 4. Juli 2013

Sprachaufenthalt des Grauens - Einleitung



17-jährige Deutsche bei Sprachaufenthalt in der Slowakei vermisst
Die 17-jährige Yvonne G. aus Hamburg wird seit nunmehr 3 Tagen vermisst. Am vergangenen Wochenende reiste sie alleine in die Slowakei um ihren Sprachaufenthalt anzutreten, für den sie so lange gespart hatte.  Bei ihrer Gastfamilie Andrej und Nevenka K. ist sie jedoch nie angekommen. Eine gross angelegte Suchaktion….

Angelika schloss das Zeitungsapp auf ihrem iPhone wieder. Mehr wollte sie gar nicht wissen. Wer geht auch schon in die Slowakei?!  Ausserdem waren solche Meldungen ja an der Tagesordnung. Wenn es nicht wieder eine Massenvergewaltigung in Indien oder ein Erdbeben in Japan, eine erneute Atomkatastrophe, Hochwasser in Deutschland oder ein Krieg oder Proteste oder ein Bombenattentat oder ein Selbstmordattentäter oder ein Autounfall oder oder oder war, dann verschwand mal wieder ein Mensch, irgendwo in einem Land, mit dem sie nichts zu tun hatte.
Sie blieb in der Schweiz, wo es sicher war. Nie im Leben würde sie die sichere Umgebung von Rafz verlassen. Das höchste der Gefühle, war ja schon, dass sie hin und wieder in Zürichs Innenstadt essen ging. Aber ganz allein ins Ausland? Im Leben nicht!
Und spätestens seit Eli Roth‘ HOSTEL sollten die Menschen, die Slowakei meiden. Ausser man hätte Freude daran, verschleppt und zu Tode gefoltert zu werden…
Tja, und so erging es jetzt bestimmt dieser Nevenka… nein Yvonne. Irgendwo hatte man ihr aufgelauert und sie verschleppt. Hinterher einem gut zahlenden Menschen verkauft, von dem sie nun gefoltert wurde. Arme Yvonne. Sie würde niemals heiraten. Niemals zwei Kinder bekommen. Einen Jungen und ein Mädchen. Niemals. Sie würde sterben ehe sie dazu kommen würde…
Na ja, und wenn sie diese Yvonne finden sollten, sollte man ihr noch eine runterhauen! So dumm und leichtsinnig kann man doch gar nicht erst sein!

Im Fernsehen wurde auch über das Verschwinden der Yvonne G. aus Hamburg berichtet. Die deutsche Polizei arbeite eng mit der slowakischen zusammen.
Sie war nach Wien geflogen und von dort mit dem Reisebus zum Bahnhof gereist, wo sie in einen Zug nach Bratislava eingestiegen war. Dies war sicher, da sich der Schaffner an sie erinnern konnte. Sie hätte ihm das Ticket gezeigt und gefragt, ob das auch der richtige Zug sei und ob der auch pünktlich in Bratislava ankomme. Sie wäre zum ersten Mal alleine unterwegs und würde die nächsten 3 Monate in der Slowakei bleiben um die Sprache zu lernen.
Der Schaffner habe sich noch gefragt, wieso man Slowakisch lernen will, wo in der heutigen Zeit doch Chinesisch treffender wäre. Aber die jungen Leute von heute seien ihm ohnehin alle suspekt…
Er erinnerte sich auch daran, dass sie den Zug am Bahnhof von Bratislava verlassen und ihm noch zugewinkt hatte.
Ein Mann erinnert sich, ein dürres Mädchen mit viel Gepäck gesehen zu haben, das alleine unterwegs war. Sie stieg in ein schwarzes Auto ein. „und fuhr so aus dieser Geschichte davon…“ dachte sich Angelika mit einem fiesen Grinsen im Gesicht.
Die Suche wird nun in der Slowakei fortgesetzt.
Schliesslich wurden noch Freunde und Familie gezeigt, die in die Kamera heulten und die für solche Situationen typischen Sachen sagten. Angelika fragte sich, ob die ein Skript bekommen hätten… Sagen doch alle immer das gleiche. Was für ein guter und netter Mensch sie doch war blabla… von allen gemocht… blabla…
Schliesslich zeigten sie Yvonnes Bruder, der mit verheulten Augen und pseudo finsterem Blick in die Kamera schluchzte, jedoch versuchte das Schluchzen zu unterdrücken. So kamen hohe piepsige Laute aus seinem Mund als er tatsächlich eine Drohung ausstiess. „Wenn ihr das seht un meine Schwesta habt, dann schwöa ich euch, ich töte euch! Ich werd euch alle töten!“ Angelika konnte sich nicht mehr halten vor Lachen! Sie hoffte inständig, dass irgendjemand so geistesgegenwärtig war und dieses Video auf youtube gestellt hatte, damit sie es sich immer und immer wieder ansehen und darüber lachen konnte.
Wen wollte dieser Typ eigentlich mit seinem Auftreten beeindrucken? Seine Haare waren zu etwas wie einem Iro zusammengegelt. Sein grauer Pullover hatte Löcher und auch die schwarze Cordhose (wer trägt heute noch ein Cordhose, der kein kompletter Öko ist?!) hatte ebenfalls einige Löcher.
Na ja… Bruder, diese Typen, die deine Schwester entführt haben, werden sie jetzt ganz bestimmt frei lassen, weil sie so vor deinem Anblick erzittern… haha
In dem Moment piepte ihr iPhone. Auf dem Display erschien das grüne Symbol von Whatsapp. Daneben stand:
Mia’s little iPhone:
Ich habs! Habe eben die Zusage bekommen! Sprachaufenthalt in Japan – Ich komme!!! Angiiiii komm rüber! Hab ne Flasche Moet Pink! Lass uns feiern!

Samstag, 4. Februar 2012

Unterbruch nach Bern


so geschehen am 4.2.12


Am Bahnhof in Olten in Sektor A stehend höre ich die Lautsprecherdurchsage: "Der IC nach Bern Thun ... verkehrt heute in geänderter Formation." So bewege ich mich nach vorn zu Sektor D. Als der ehemalige Intercity-Neigezug einfährt bin ich bereits irritiert, da dieses Model sonst nie auf dieser Strecke eingesetzt wird.

Als rund 3/4 derStrecke hinter uns liegen ertönt die freundliche Stimme des Lokführers: "Geschätzte Fahrgäste, dieser Zug verkehrt heute nur bis Bern. Grund dafür ist eine Änderung des Rollmaterials..."
Um Anschluss nach Interlaken soll gesorgt sein.
Unmittelbar vor dem Viadukt, der zum Bern Bahnof führt, bleibt der IC stehen. Bald darauf ertönt erneut die Stimme des Lokführers: "Geschätzte Fahrgäste, aus noch unbekannten Gründen verzögert sich die Weiterfahrt. Bitte bleiben sie im Zug." Ich amüsiere mich mit zwei weiblichen Fahrgästen darüber. Nach rund 6 Minuten setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Der Anschluss nach Interlaken hat netterweise gewartet. Im Anschlusszug sitzend lausche ich der Durchsage des wohl selben Lokführers: "Geschätzte Fahrgäste, wir verkehren mit einer Verspätung von rund 7 Minuten. Grund dafür war ein Stromausfall im Bahnhof Bern. Wir danken für Ihr Verständnis."

Sonntag, 7. August 2011

Die hohe Kunst des 4-Teller-Tragens

Ein friedliches (abgesehen vom damaligen selbstverliebten und arschigen Managing Director) 4-sterne Haus in Interlaken...
Da nur zwei HP Tische reserviert waren, war ich allein im Service. An für sich wäre das in Ordnung gewesen, wären da nicht plötzlich noch 5 à la carte Tische an rund 35 Personen, ein Hotelgast mit einem Anliegen bezüglich des Wasserkochers, 3 Herren an der Bar und darüberhinaus noch ein Roomservice dazu gekommen...
Irgendwie konnte ich das Alles managen und war heilfroh, als zum Schluss nur noch ein 4er Tisch mit netten älteren Damen aus Österreich übrig war. Die sollten nur noch das Dessert bekommen und so sah ich ein baldiges Ende meiner Schicht kommen.
Aus der Küche brüllte es in Richtung Pass: "DESSERT!". Da standen sie also, vier rechteckige lange Teller, die ich vom ersten Tag an nicht mochte. Da ich keine Lust hatte, zweimal zu laufen, und mir dachte, dass ich auch schon 4 Suppen und 4 normale Dessertteller getragen habe, dürfte dies auch kein Problem darstellen. So frei nach dem Motto: Ich riskiere lieber, dass mir etwas runterfällt, als das ich zweimal laufe, nahm ich den ersten Teller auf, dann den zweiten, den dritten und als ich den 4. Teller in der rechten Hand hielt, bemerkte ich, dass der 3. Teller wackelte und mir vom Arm zu rutschen drohte. Keine Hand frei, und doch versuchte ich den Teller noch zu stützen. Denkste. Der Teller landete laut scheppernd auf dem Boden, wo er zerbarst und das Dessert die Fugen ausfüllte.
Da der Koch ein recht cholerischer und leicht zu reizender Mensch war, überlegte ich kurz, ob ich ihm das wirklich sagen sollte. Aber was wäre die Alternative gewesen? Also nahm ich all meinen Mut zusammen und drückte den Knopf der Gegensprechanlage: "Duhu? Mir ist ein Dessert runtergefallen. Ich bräuchte noch eines. Sooooorry." Zu hören war, wie er mit seinen stahlkappenverstärkten Schuhen irgendwo dagegentrat. Dann kam er zur Gegensprechanlage und meinte, "Na super! Aber das dauert 10 Minuten! Die Scheisse muss erst auftauen!" "Oke, kein Problem, danke."

Am Tisch der vier Damen verkündete ich, dass ich eine gute und eine schlechte Nachricht hätte. "Fangen wir doch mit der Guten an: Ihr Dessert ist fertig und eben von der Küche hochgeschickt worden." Die Damen waren erfreut und fragten dann gleich, wo es denn sei. "Ja... und somit kommen wir zur schlechten Nachricht. Das, was sie eben so laut scheppern gehört haben, war eines der Desserts. Es dauert rund 10 Minuten bis ein Neues gemacht wurde." Die Damen brachen in schallendes Gelächter aus und meinten, das könne doch jedem mal passieren. Es war kein Problem.

Noch fröhlicher waren sie, als ich je einen Digestiv offerierte, als Entschuldigung für die lange Wartezeit. ^_^

Samstag, 10. Juli 2010

Die Aliens sind da!

Aus der Küche war ein Gespräch über Aliens zu vernehmen. Die Worte "Idiot" und "Spinner" konnte ich ebenfalls aufschnappen, wusste zu dem Zeitpunkt aber noch nicht worum es ging.
Meine Eltern waren zu besuch im Hotel. Gleich nach dem Frühstück wollten sie sich auf den Heimweg machen. Etwa zum gleichen Zeitpunkt wickelte sich unser Restaurationsleiter Alufolie um den Kopf und teilte jedem, der es wissen wollte (und auch allen anderen, die es nicht interessierte) mit, dass das der einzige Schutz gegen die Aliens wäre! ALIENSCHUTZ! SIE SIND DA! kreischte er durchs Office...

Als meine Eltern mit ihren Koffern zu mir ins Restaurant kamen, um sich zu verabschieden, war von meinem Chef nichts mehr zu sehen. Ich begleitete meine Eltern durchs Restaurant auf die grosse Terrasse, von welcher ein Weg zu den Parkplätzen führte.
Mein Chef rannte auf meine Eltern zu und brüllte von Panik erfüllt: "ALIENS!!! BEGEBEN SIE SICH UNTER DEN SONNENSCHIRM!!!" Meine Mutter schaute ihn fragend an. Er erklärte daraufhin, dass die Aliens angreifen würden. Sie müssen sich unter dem Sonnenschirm aufhalten, denn dieser würde zumindest ein bisschen Schutz gewährleisten. Mein Vater schaute ihn an und fragte, was es mit der Alufolie auf seinem Kopf sich auf sich habe. "Alienschutz! Durch die Alufolie können sie mich nicht aufspüren!" Aha... Das Spiel mitmachend gingen meine Eltern "im Schutz der zahlreichen Sonnenschirme" in Richtung Parkplätze. Als mein Chef ausser Hörweite war, meinte mein Vater ganz trocken schmunzelnd: "Hoffentlich meint der das nicht ernst." Meine Mutter fragte, ob der spinne. Ich nickte hämisch und gab zur Antwort, dass ich auch hoffe, dass er das nicht ernst meint.

Alufolie behielt er den ganzen Tag über auf dem Kopf. Erst beim Abendservice lag sie, für den Notfall griffbereit, auf seinem kleinen Schreibtisch im Office.


Aliens haben wir nie welche zu Gesicht bekommen. So sind wir alle zum Dank verpflichtet...

Dienstag, 3. November 2009

The Happening

A short fairy-tale about a nutcracker, a flowerbird, an owl and a rose


There was a class of 7  members, 3 women and 4 men. Your narrator wont tell you any names, otherwise your lovely narrator could be killed one morning on her way to the postbox... 

The streets between the houses were dark. A white close mist enclosed the buildings with its white bulgy arms. A dark bastard of a spring-morning... 
In the mist were some lights to see. The lights of a classroom were shining through it... 

Every day was a loud day. So much noise in the room. The noise mostly came from the nutcracker and the raccoon. the room was full of agitation and it was always very loud. All people, mostly the raccoon and the nutcracker chatted with each other. 
One day, the nutcracker had one of his childish minutes and wanted to put his pencil in the ear of the flowerbird. The flowerbird tweeted him, that he has to stop such stupid jokes! On that day the nutcracker stopped to talk to her. He started ignoring the flowerbird. 
Two weeks later, the classmates had to change their seat-places. The nutcracker sit between the owl and the rose. In front of him was the flowerbird. 
When they had to have a conversation about health care the nutcracker got angry because of a misunderstanding. He didn't talk with the rose anymore and ignored her perfectly! She didn't min. On the day after he asked the owl some stupid questions and offended her in a childish and nerved way. The owl made clear that she doesn't want to talk to him about that. Because of that the nutcracker stopped also talking to her and ignored her, too. That means that the nutcracker stopped talking to all women. He started ignoring them all. But... he didn't think about his situation. He sits in a triangle between these three women and that's the beginning of his tragedy. 
On Friday morning, he came too late again and had no clue what the others were doing. He didn't want to ask one of his seat-neighbours what they are doing and that's why he was sitting on his chair and did nothing. He fixed a solution-sheet lying on his table with his eyes and was waiting... He also didn't want to ask the rose, if she gave him the dictionary, which was on the table in front of her. No. He went to the teachers desk, took the book and went back to his place... 

the Friday was the most quiet day. The nutcracker hadn't anyone near him to talk with. There was no more noise and no more agitation in the room. The climate of learning became pretty good! 

The owl, the flowerbird and the rose said, that their teacher will be surprised on Monday, when he sees his quiet class. Maybe he will ask the nutcracker: "Who are you? And what happend with the nutcracker?!" o.O

written by Navi M.

A funny hobby


2009/11/03

First of all is a happening placed in the childhood. It is the most important thing you need for this hobby. It is an abnormal consum of movies and books, which started in the age of 6; as younger as better. All the freaks, clwons, animals, killers, psychos and fairys you met in your childhood will follow you on your life way... 

These are needful things.
After this you need a very good knowledge of one languge, you also need a computer, a typewriter or a pencil and some pieces of paper.
In the next stage you may start with your work. You ma start writing a story. But prior to this you should decide about what you'll write. 
You also may write about a happening. 
While you're writing your story, all the creatures you met in your past and also some sentences you read in books or some quotiations you heard in movies will come up again and visit your mind! 
When this happens you can play being a god. You have the power to let your figures alive or killing them. Its up to you, what happens with them. 

Writing stories is also a good way to pay back. But if you wants to pay back, please avoid using real names, otherwise you could be killed on the way to the postbox....

written by Navi M.

Montag, 22. Dezember 2008

Winter


22. Dezember 2008

Winter... Kalter Wind...
Es sind noch wenige Tage bis Weihnachten. Drei Tage noch. Die Bahnhofsuhr zeigt 17:34 Uhr. In wärmende Jacken und Mäntel gehüllt stehenden Zugreisende von überall her wartend auf dem Bahnsteig. Ab und an erwischt uns eine Böe kalten Windes.

Mein I-Pod spielt Songs von ムック. Ich sitze wartend auf der Bank auf dem Bahnsteig 12. Da höre ich eine in einen roten Parka gekleidete Frau abermals «Hallo?» rufen. Ich drehe mich um und sehe ein altes Mannlein, das auf dem Weg zum Perron auf dem Boden sitzt. Zusammengebrochen. Drei Menschen sind da um dem Mann zu helfen. Die Frau im roten Parka ruft unnachgiebig »Hallo? Hören sie mich?«. Sie redet auf den Mann ein, dass er nicht das Bewusstsein verliere. Ein weiterer Passant alarmiert den Krankenwagen.

Ich schaue wieder in die Ferne. Doch mein Zug kommt noch immer nicht. Die Menschen auf dem Bahnsteig glotzen runter zu dem Mann und den drei Helfern. Sie reden und starren. Ich schaue nicht mehr hin. Ich höre nicht mehr hin. Zu unangenehm wäre es mir, wäre ich dieser alte Mann, da auf dem kalten Boden, von zahlreichen Augenpaaren begafft... Unmöglich verhält sich der Mensch, denke ich. Meine gute Stimmung ist im Eimer. Meine Misanthropie ist wieder da. Die Misanthropie und das grosse Mitleid mit den Menschen.

Die S8 fährt ein. Endlich. Die Passanten scheinen ihren Zug vergessen zu haben, noch immer glotzen sie zu dem Mann. Ich höre die Frau im roten Parka zu jemandem sagen, ob er bei dem Mann bleiben könne. Sie muss weiter - mit der S8.

Als ich im Zug sitze bemerke ich, wie die Leute, eben noch auf dem Bahnsteig gestanden nun im Zug sitzen und weiterhin versuchen Blicke auf den Mann zu erhaschen. Mein I-Pod spielt nun 最終列車(dt. der letzte Zug). Ich überlege, ob ich das auf den Mann beziehen soll? Vielleicht ist sein letzter Zug abgefahren? Was für ein Schock muss das für die Hinterbliebenen sein?

Die S8 setzt sich in Bewegung. Die Fahrgäste drehen ihre Köpfe und schauen zurück zum Bahnhof, vielleicht bekommt man ja noch etwas mit von dem alten Mann?
Ich hänge meinen Gedanken zum Menschenmüll nach und betrachte die Schneeflocken, die sich in der Luft verlieren...

© Navi M.