2003
Heut ist ein Schultag und wir ahnen nichts von dem Grauen, das noch folgen mag...
Auf
dem Heimweg, wir sitzen im Zug, ich schaue aus dem Fenster und überlege
mir, ob ich wohl den Gleisen entlang nach hause gehen soll – von
Winterthur nach Olten. Sanfte Regentropfen, die an das Fenster prasseln
holen mich aus meinen Gedanken. Das nächste woran ich mich erinnere ist,
dass Kyra und ich den Bahngleisen entlang gehen. Kyra. Kyra hat
braunes, lockiges Haar, welches ihr bis zu den Schultern reicht. Auch
ihre Augen sind braun. Ihr blaues Sweatshirt ist mir besonders in
Erinnerung geblieben. Das merkwürdige daran ist, ich kenne diese Kyra
nicht. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, so habe ich keine Ahnung wer
dieses Mädchen war. Da schien sie meine beste Freundin zu sein. Ich
fühlte, dass sie es war. Aber ich kenne dieses Mädchen nicht.
Wir
gehen zwischen den Gleisen her und drehen uns abermals um, um zu sehen
ob ein Zug angerollt kommt. Aber kein Zug weit und breit. Bis zu einem
Bahnhof, welcher dem Zürcher Stadelhofen gleicht, denn dort rollt als
einzige eine S-12 nach Brugg geräuschlos an uns vorbei. Heute frage ich
mich, warum ich das nicht suspekt fand.
Neben
den Bahngleisen sehen wir ein grosses Rohr aus Beton liegen. Es führt
einen Hang hinunter, zu einem alten Fabrikgebäude. Einem Labyrinth aus
leer stehenden Lagerhallen. Wir überquerten die Gleise ohne auf etwaige
Züge zu achten und rannten zu dem Betonrohr, kletterten hinunter zu den
Lagerhallen.
Jene
Hallen waren gross und lang aber nicht sehr breit. Hohe Wände aus Beton
und ganz oben unter dem Dach eine Reihe mit kleinen Fenstern. Der Tag
ging binnen weniger Sekunden in Nacht über. Kyra war nun nicht mehr bei
mir. Es war James, eine Freundin aus der Schule, die nun an meiner Seite
in jener düstren Baute stand. Wir schauten uns um. Es war unheimlich
und dennoch gingen wir weiter, immer tiefer in das Gebäude rein. Eine
Sirene ertönte, rote Lichter drehten sich wie verrückt im Kreise. Ein
Alarm ging los. James und ich rannten davon. Aus einem oder gar mehreren
Lautsprechern ertönte eine mechanische Stimme die folgenden Befehl
sprach: Gehen Sie nicht weiter. Bleiben Sie sofort stehen! Das ist ein Befehl! Ich
drehte mich um und hörte wie der Lautsprecher diese Durchsage
wiederholte. Immer und immer. Wir rannten davon, als wäre der
Leibhaftige persönlich hinter uns her, aus diesem Gebäude. Doch wir
rannten nicht wie geplant nach draussen sondern ins Innere einer anderen
Halle. Wir betraten diese und sahen ganz weit hinten in weiter Ferne
eine Lichtschimmer. Den Blick auf dieses Licht gerichtet marschierten
wir weiter geradewegs auf diesen Lichtschimmer zu. Es war so dunkel, wie
im inneren eines Scheisshauses auf dem Land. Und wieder heulte eine
Sirene auf. Dann das rote wild rotierende Licht und schliesslich die
Lautsprecherdurchsage. James rannte davon ich ihr zögernd hinter her.
Doch als ich der Durchsage zuhörte, glaubte ich zu spinnen. Endgültig
verrückt geworden zu sein, denn sie befahl uns nicht stehen zu bleiben
sondern gab folgendes von sich: Nicht stehen bleiben. Laufen Sie weg!
In wenigen Sekunden wird ein säurehaltiges Gas ausströmen, das sich in
ihre Haut fressen wird! Laufen Sie um Ihr Leben! Auch als ich die
Durchsage zum zweiten Mal hörte, konnte ich es noch immer nicht richtig
fassen, was ich da hörte. Von der Angst gepackt rannte ich, wie ich noch
nie zuvor gerannt bin. Raus. Ich wollte nur raus aus dieser verfluchten
Halle. Raus und endlich daheim sein.
Als
wir aus jener Halle raus kamen, war bereits wieder Tag und hinter uns
lag nur eine Lagerhalle. James war verschwunden. An ihrer Stelle war
dafür Kyra wieder bei mir. Es war, als ob James nie bei mir gewesen
wäre. Kyra rannte und rannte. Sie kletterte die Betonröhre hinauf und
ich schrie ihr von Pan besessen hinterher, dass sie auf mich warten
solle. Doch als ich diese verdammte Röhre empor geklettert war, war Kyra
nicht mehr da. Verschwunden, einfach so weg. Dafür lehnte sich ein
blonder Junge lässig an dem Betonrohr und grinste mich an. Kyra sei weg,
verkündetet er mir voller Stolz. Ich hätte ihm die Augen auskratzen
könne, so wütend war ich. Doch sein Blick wurde ernst und er fügte
hinzu, dass ich es ihr gleich tun solle. Es würde mir besser bekommen.
Ich ahnte ja nicht, wie Recht er hatte… Dann verschwand er hinter
Büschen, welche zuvor noch nicht da gewesen waren. Kyra war weg und der
Junge genauso. An James konnte ich mich nicht mal mehr erinnern. Was
blieb mir also anderes übrig, als mich allein auf den Heimweg zu
begeben? Neben dem Betonrohr waren einzelne Sträucher und dazwischen
verlief ein Weg hindurch, welcher vorhin auch noch nicht da war. Der Weg
lag inmitten von Sträuchern, welche sich rechts und links des Weges
befanden. Die Bahngleise waren etwas weiter weg als vorhin. Und, die
Sträucher bedeckten einen Zaun, der es verhinderte, dass man von meinem
Standpunkt aus auf die Gleise gelangen konnte. Aber zuvor waren wir ja
auch über die Gleise dahin gelangt. Da war kein Zaun. Auch dieser
verdammte Weg war noch nicht da gewesen.
Nicht
mal zurück hätte ich gekonnt. Hinter mir war ein mächtiger Zaun und
Sträucher und Bäume und der Weg zum Bahngleis war ja auch durch einen
Zaun und die Sträucher versperrt. Irgendetwas wollte mich auf diesen Weg
bringen. Irgendeine Macht. Dessen bin ich mir heute sicher.
Da
ich keine andere Option hatte, ausser nochmals zu diesen unheimlichen
Lagerhallen hinunter zu steigen oder diesen neuen Weg zu benutzen,
wählte ich den neuen Weg. Die Sträucher waren grün und saftig, auch das
Gras, das hoch gewachsen war. Die Sonne schien auf mich nieder und ich
fühlte mich irgendwie geborgen. Es war ein herrlicher Sommertag, einer
wie er im Buche steht. Nicht zu heiss und doch geht ein lauer Wind.
Wunderbar!
Wie
ich so den Weg entlang ging und den Sommertag am geniessen war, dachte
ich zunächst an nichts Böses. Dann rollte eine S-Bahn geräuschlos an mir
vorbei. Ich wunderte mich nicht mal darüber, dass die S-Bahn leise an
mir vorbei schlich. Es war, als würde ich sie ohne Ton im Fernseher
sehen.
Ein
bisschen weiter vorne sah ich dann eine rote Bank. Wie ich so war,
überlegte ich mir folgendes: „Hm… da könnte ich ja theoretisch
übernachten.“ Aber als ich dann diesen Mann sah, der mit einer Sense das
Gras schnitt, dachte ich, dass das wohl keine so gute Idee wäre. Obwohl
der Mann freundlich aussah und nur am arbeiten war, dachte ich, dass
vielleicht ein böser Mensch vorbei kommen könnte, während ich am
schlafen war. Ein Mörder, Vergewaltiger oder sonst ein Psychopath. Meine
Gedanken bildeten sich weiter aus, ohne dass ich es wollte. Ich dachte
daran, ja stellte mir vor, wie ich da am schlafen bin und dieser Mann
mit der Sense auf mich zu kommen würde und böse Absichten hatte.
Von
meinen Gedanken so angewidert und verängstigt ging ich an der Bank
vorbei. Ich wollte nur noch nach hause. Wiederum dachte ich, dass es ein
so schöner Tag ist, an dem mir wohl kaum was passieren könne. Bis mir
klar wurde, dass ich neben dem Mann mit der Sense die einzige Person
war, die sich auf diesem Weg befand. Und schon wurde mir wieder etwas
mulmig zumute. Ich ging an dem Mann mit der Sense vorbei. Er lächelte
mich freundlich an und ich nickte ihm zu. Irgendetwas an seinem Blick
irritierte mich jedoch. Ich drehte mich noch mal um und sah, dass sein
Gesicht ein anderes war, als jenes, welches mich gegrüsst hatte. Es sah
so böse aus. Ohne mir etwas anmerken zu lassen ging ich weiter. Noch nie
war mir so unheimlich. Ich hatte Angst. Aber all diese Gedanken, dass
er ein Mörder oder so sein könnte, all diese Gedanken um sein Gesicht.
Ich schrieb es meiner Paranoia zu und ignorierte es. Trotzdem musste ich
mich noch mal umdrehen und ich sah, dass sein Gesicht keine böse Fratze
mehr war. Es sah wieder genau so freundlich aus wie zuvor. „Alles nur
Einbildung! Schau dir noch mehr solcher Filme an. Lies noch mehr solcher
Bücher… War nur Einbildung. Geh endlich mal zum Psychiater!“, sagte ich
zu mir. Ich tat alles als Einbildung ab und schob es meiner Paranoia
zu. Ich meine, wie oft kommt es im realen Leben vor, dass sich ein nett
aussehender, arbeitender Mann in eine monströse Bestie verwandelt und
mich verfolgt um mich umzubringen? Ich sage es euch: Nie! Ausser in
Horrorfilmen passiert so was niemandem. Aber genau solche Gedanken hatte
ich immer. Zum Beispiel wenn ich am Abend durch die Strassen ging und
mir jemand entgegen kam, da dachte ich immer, es wäre ein Mörder, der
mich umbringen will. Oder ich konnte nie auf den Dachboden, selbst nicht
mal wenn das Licht an war. Ich dachte immer, dass da oben etwas sei.
Ein Gespenst, ein Monster, der Typ aus Hellraiser… Oder wenn ich aus dem
Keller kam, dann dachte ich auch immer, es würde mich jemand oder etwas
verfolgen… Oder dann das berühmte Monster unter dem Bett…
Wie
dem auch sei. Ich ging weiter. Bevor der Weg in einen kleinen Feldweg
abzweigte, sah ich den Bahnhof von Zürich. Einen davon jedenfalls.
Obwohl er so aussah wie der in Winterthur, war es einer von Zürich.
Anstelle zum Bahnhof zu gehen und den nächsten Zug zu nehmen ging ich
daran vorbei und bog in den Feldweg ein. Daneben lag eine Lagerhalle
einfach so auf dem Feld. Das Gebäude passte überhaupt nicht in dieses
Bild. Sie war gross und grau. Es sah so aus, als hätte man sie dort mal
kurz zwischen gelagert und dann vergessen. Ich machte mir keine Gedanken
mehr über die Halle, als ich ein brummendes Geräusch vernahm. Es war
mir vertraut, doch konnte ich es nicht zuordnen. Es wurde immer lauter
und ich verspürte eine Bedrohung, obwohl ich wusste, dass es ein
harmloses Geräusch war. Als ich weiter ging und um die Lagerhalle bog,
sah ich einen Mann mit einem roten Rasenmäher. Der Mann sah fast so aus,
wie jener von vorhin mit der Sense. Den Rasenmäher kannte ich irgendwo
her. Dann fiel mir nur der Name Stephen King ein. Der Rasenmähermann.
Der hatte genau so einen Mäher. Mit einem Lächeln im Gesicht ging ich
weiter. Ich fand das voll witzig, dass der Typ da genau so einen
Rasenmäher hatte. Erst jetzt sah ich, dass nach der Lagerhalle nur noch
Felder vor mir lagen. Nichts ausser diesem Weg und weiten Feldern,
dahinter mal ein Wald, der gespenstisch aussah und in weiter Ferne lag.
Ich tat was jeder andere auch getan hätte. Ich drehte um und ging
zurück. Vorbei am Mann mit dem Rasenmäher. Als ich diesen ein Stück
hinter mir gelassen hatte, hörte ich, dass der Rasenmäher lauter wurde,
sprich er näher kam. Der Mann verfolgte mich. Er kam mit seinem
Rasenmäher immer näher und wollte mir damit über die Füsse fahren. Schon
mal gesehen, was so ein Mäher mit einem Fuss machen kann?! Ich rannte
davon und der Typ jagte hinter mir her. Ich rannte und rannte, hinter
mir der lärmende Rasenmäher, der immer näher kam. Ich hoffte dass es nur
ein Traum sei und ich bald aufwachen würde. Denkste.
Als ich
wieder bei der Verzweigung war, rannte ich nach rechts. Wieso ich nicht
nach Links zum Bahnhof gerannt bin ist mir heute noch ein Rätsel. Als
ich nicht mehr konnte hielt ich inne und der Typ kam immer näher. Ich
versuchte dem Rasenmäher auszuweichen und gleichzeitig ihn dem Typen zu
entreissen. Es ging um Leben und Tod. Entweder er oder ich. In meiner
Todesangst, ich wurde geradezu von Pan getrieben, gelang es mir
schliesslich, den Rasenmäher an mich zu reissen und ihm erstmal über die
Füsse zu fahren. Er versuchte immer noch, mir den Mäher zu entreissen.
Ich sah keine andere Wahl. Ich war in solch einem Wahn, dass ich nicht
mehr klar denken konnte. Ich wollte nur noch eines und zwar diesem
Albtraum entkommen. Ich machte ihn fertig. Nahm den Mäher und drückte
ihn gegen seinen Bauch. Seine Eingeweide wurden zerkleinert. Blut
spritze nur so durch die Luft. Als er am Boden lag ergriff ich meine
Chance und machte Gebrauch vom Rasenmäher. Alles war voller Blut. Seine
Schreie werden mich wohl noch bis an mein Lebensende verfolgen. Es war
ein Gekreische. Die Klingen des Rasenmähers bearbeiteten seinen ganzen
Körper. Das Gesicht den Torso, die Arme, die Beine. Alles. Als er sich
nicht mehr regte und wirklich alles voller Blut und Innereien war,
schaltete ich den Mäher aus und machte mich davon. Natürlich trieften
meine Kleider nur so vor Blut. Aber als ich mich einige Meter entfernt
hatte, da waren sie sauber. So als wäre nie etwas passiert. Ich schaute
mich um. Es war ein ganz normaler Tag. Ich konnte kein Blut an mir
entdecken also begann ich mich zu fragen, ob ich mir das nur eingebildet
hatte. Doch dem war nicht so. Denn als ich um das Gebäude bog sah ich
ihn. Den massakrierten geschundenen Körper des Typen, den ich eben
umgebracht zu haben glaubte. Blut tropfte… es war keine Spur von Haut
mehr sichtbar. Seine Augäpfel hingen so im Gesicht… Er kam auf mich zu…
© Navi M.
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