Donnerstag, 18. September 2008

Schulbeginn



 18. September 2008

Da ich mich entschlossen hatte, die BM Easy zu machen musste ich wieder zur Schule. Aus welchem Grund auch immer fand ich mich dazu in Japan wieder. Meinen Rollkoffer hinter mir herziehend ging ich einen Schotterweg entlang. Hohe Hecken, frisches Gras und zu meiner Linken erstreckten sich Felder, auf denen Grüntee gedeihte.
Ich ging weiter, entlang an Müttern die mit ihren Kindern spielten. Schmetterlinge flogen durch die Gegend und wurden zu bunten Farbtupfern inmitten von lauter Grün. Die pure Idylle. Den Weg zum Ryokan kannte ich, da ich schon mal da gehaust hatte. Allerdings liess ich mich von der Schönheit der Gegend in den Bann ziehen, dass ich vergas abzubiegen und mich plötzlich auf dem Bergweg wiederfand, von dem aus ich auf die Dächer und den Garten des Ryokans blicken konnte. Also musste ich zurück.
Ich durchquerte den Garten und ging in eines der Häuschen. Wieso auch immer. Ich wusste, dass die Rezeption ganz hinten lag. Im Computerraum sassen zwei Jungs. Wir grüssten einander flüchtig. Auf dem Weg zur Rezeption suchte ich verzweifelt nach meinem Pass. Wo hatte ich den hingelegt? Habe ich ihn etwa zuhause vergessen? Nein, das kann nicht sein, ich musste ihn ja bei der Einreise vorweisen. Wo zur Hölle ist nur dieser verdammte Pass?! Anstelle meines Rollkoffers hatte ich nun eine grosse Tasche dabei, in deren Seitenfach sich mein Pass befand. Juhu
Ich bezog mein Zimmer und legte mich erstmal schlafen. Am nächsten Tag sollte ich den ersten Schultag antreten. 
Der Weg zur Schule war nicht allzu weit. Ich konnte ihn bequem zu Fuss gehen. Dort angekommen kam bereits das zweite Problem auf mich zu. In welches der vielen Gebäude muss ich wohl? Super, ich hatte den Zettel mit der Nummer des Klassenzimmers vergessen. Das fängt ja gut an! Mit nur 2 Minuten Verspätung betrat ich den Klassenraum. Zu meinem Erstaunen sah der Raum genauso aus wie mein Klassenzimmer in der Oberstufe. Die gleiche Lehrerin unterrichtete. Es war Frau Kauz. Als ich sie erkannte, hatte ich angesichts der Tatsache, dass ich mich verspätet hatte ein ganz ungutes Gefühl und stellte mich auf eine Rüge ein. Doch sie lächelte mir zu. Es hatte noch drei freie Plätze. Ich konnte mir aussuchen neben wem ich sitzen wollte. Eigentlich mag ich das nicht. Ich bin gerne die Erste, sodass die anderen entscheiden müssen, ob sie neben mir sitzen möchten oder nicht.
Frau Kauz schrieb alle Fächer an die Tafel und fragte uns, zu welchem wir etwas lernen wollten. Daher auch Berufsmatur Easy. 
Gleich am ersten Tag bekamen wir Hausaufgaben auf. Mathematik und sämtliche Kana sollten wir bis zum nächsten Tag machen.
Der erste Schultag dauerte nicht allzu lange. Meine Sitznachbarin, He-Ju, und ich gingen nach der Schule die Stadt erkunden. 
Am nächsten Tag war ich wieder zu spät. Was war mit mir los? Sonst bin ich immer überpünktlich. Diesmal war ich allerdings rechtzeitig beim Unterricht. Frau Kauz wollte unsere Hefte mit den Hausaufgaben sehen. Scheisse! Die hatte ich komplett vergessen. Da ich ihr aber versicherte sämtliche Kana bereits zu können musste ich nach vorne gehen und alle in korrekter Schreibweise an die Tafel schreiben. Somit war Frau Kauz wieder beruhigt. In der folgenden Stunde mussten wir japanische Gedichte lesen. Ich musste nach vorne und eines vortragen. Ich war mir meiner Sache sicher. Stolz keimte in mir auf, dass ich alle Kanji im Text kannte. Doch dann wurde es kälter. Ein kalter Schauer durchzog mich. Ich blickte auf und sah mitten im Gang zwischen den Bankreihen ein Mädchen stehen. In einem weissen Kleid mit schwarzen Lackschuhen. Die langen Haare hingen ihr ins Gesicht, sodass man dieses nicht sehen konnte. Sadako! Ich dachte an リング. Allerdings passten die Lackschuhe nicht. Erst dachte ich, meine Klasse will mir einen Streich spielen. Als ich mit dem Gedicht fertig war ging zurück an meinen Platz. Das Mädchen stand direkt neben meinem Tisch. Es war still in der Klasse und ich konnte das Atmen des Mädchens hören. Es glich eher einem Röcheln. Im Zimmer wurde es düster. Meine Klassenkameraden waren nur noch schemenhaft zu erkennen. Ich ging an ihr vorbei und setzte mich an meinen Tisch. Niemals hätte ich das Mädchen angestarrt! Panische Angst durchfuhr mich. Ich dachte an ihre Augen, welche mich anstarren würden. Sie stand noch immer neben mir. Mein Blick war stur nach Vorne gerichtet. Ich spürte, wie ich zitterte, wie mir beinahe die Luft wegblieb. Es ist doch nur ein Film! Nur ein Film! Ein Film! Keine Realität! Nur ein Film! Doch es war real. Sie stand neben mir im Schulzimmer! Sie bewegte sich. Sie drehte ihren Kopf in meine Richtung. Sie beugte sich runter zu mir. Ich spürte ihren Blick auf mir Ruhen. Er durchbohrte mich förmlich, obschon ich sie noch immer nicht anzusehen im Stande war. Sie kam immer nähre. Ihre Gesicht war dicht an meinem Wenige Centimeter trennten uns von einander. Ich spürte ihren Atem. Er war eisigkalt. In den Augenwinkeln konnte ich ihr Gesicht sehen. Hellblau und eiskalt. Ihre Augen starrten, schienen zu warten bis ich den Kopf drehte. Ich zitterte und versuchte sie zu ignorieren. Es gelang mir nicht. Ich sass da wie gelähmt. Ich rang nach Luft. Sie neben mir. Was konnte ich tun? Es kam mir vor wie Stunden!
Dann war es wieder hell im Schulzimmer. Das Mädchen war noch immer neben mir. Allerdings nahm sie ihre Haare vom Kopf. Ich blickte grauenerfüllt zu ihr. Ein Junge aus meiner Klasse grinste mich an. Ich war noch immer starr vor Schreck und fragte nur mit zittriger Stimme: Das warst du? Er grinste und nickte. Am liebsten hätte ich ihm eine geschmiert, doch ich konnte nicht. Noch immer sass ich wie gelähmt da.

© Navi M.

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