Freitag, 12. Oktober 2018

Internet-Stalker II: Verfolgt!

Ich werde verfolgt. Nun ist es offensichtlich. Es kann nicht geleugnet werden. Ich werde wahrhaftig verfolgt!
Als ich heute Morgen das Haus verlassen hatte, war alles normal. Niemand hockte in den Büschen. Kein schmieriger nach Alk und Qualm stinkender Ben oder seinesgleichen. Als ich aber vorhin auf dem Weg nach hause war, bemerkte ich eine verhüllte Gestalt, die mir schon in Winterthur am Bahnhof aufgefallen war. Sie stand da. Die Kaputze tief ins Gesicht gezogen und neigte den Kopf immer wieder verstohlen in meine Richtung. In Winthi gibt es zahlreiche gestörte Gestalten, weshalb ich mir nichts weiter dabei gedacht habe. Die Gestalt stieg in den Zug. In einen Waggon weiter vorne und kam dann durch meinen Waggon spatziert, wo sie sich in das Abteil vor meinem setzte. Am HB angekommen stieg sie aus. Ich auch. Dann traf ich auf einen Freund und verlor die Gestalt aus den Augen und aus dem Sinn. Wir quatschten kurz und setzten uns dann noch ins Fedi auf ein Bierli.
Als ich dann an meiner Haltestelle ankam und durch die finsteren Strassen ging, hörte ich Schritte hinter mir. Als ich um die Ecke bog, erhaschte ich einen Blick auf die Person, deren Schritte ich gehört hatte. Es war die Gestalt aus dem Zug! Ich bin mir so sicher! Also nahm ich noch zwei drei Seitengassen und ging schliesslich zum Nachbarshaus, in der Hoffnung, die Haustüre würde auch dort wieder offenstehen. Sie tat es. Ich ging rein. Hastete die Treppe runter ins Untergeschoss, von wo aus ich durch das schmale Fenster auf die Strasse schaute. Die Gestalt stand vor dem Haus und schaute vom Nachbarshaus, in dem ich war zu meinem Haus und wieder zurück. Schliesslich nahm sie ihr Smartphone aus der Jackentasche und tippte etwas. Hoffentlich hatte ich sie verwirrt. Eventuell war sie nicht mehr sicher, in welchem Haus ich denn nun wohnte. Hoffentlich!
Er kann ja nicht wissen, dass die vier Häuser unterirdisch miteinander verbunden sind. Ich gebe zu, dass diese unterirdischen Gänge gruselig sind. Jedes Mal habe ich eine Gänsehaut, wenn ich in den Keller gehe und in diesen Gang schaue. Altes Steingemäuer voller Spinnennetze. Eigentlich könnte man hier einen Teil von Indiana Jones 5 drehen. Die Kulisse wäre perfekt!
Jedenfalls habe ich mich furchtlos durch den finsteren Korridor begeben. Lediglich drei uralte Glühbrinen erhellen den Gang punktuell mit ihren geschätzten 30 Watt. Ich bin mir fast sicher, dass diese Glühbirnen die ersten ihrer Art sind. Solche, die Thomas Edison auf der Weltausstellung vorgestellt hatte. Jene, die er laut Patentamt am 21.10.1879 erfunden hatte. Die man damals telegraphisch bestellt hatte und die mit dem Pony-Express ausgeliefert wurden.
Im Haus 1 angekommen, stieg ich in der Dunkelheit die Treppe rauf und verriegelte die Tür hinter mir.

Ich fühle mich in meiner eigenen Wohnung nicht mehr sicher! Wenn ich nach hause komme, prüfe ich erst jede Ecke. Hat sich etwas verändert. Hat sich gar jemand hier drin versteckt? Jedes Mal wenn ich unters Bett schaue, schlägt mein Herz so laut, dass es bestimmt bis in den Kanton Graubünden zu hören ist. Jedes Mal stelle ich mir die Frage, was mache ich, wenn einmal wirklich einer unter meinem Bett liegt? Was? Schreien und zur Haustür raus? Und dann? Renne ich, verfolgt von einem goldne Axt schwingenden Irren, durch die Strassen, wie diese Tussen in Horrorfilmen das machen? Na wunderbar! Oder denke ich mir nach einem anstrengenden Arbeitstag einfach, "gut, stich mich ab. Ich mag jetzt nicht davon rennen!" ? Ganz ehrlich? Wie reagiert man? Ich will es nicht herausfinden müssen.

Draussen war wieder ein Geräusch zu vernehmen. Licht war zwischen den Storenlammellen (eben gegooglet, und in Deutschland wird das, was bei uns "Store" heisst, als Jalousie bezeichnet oder als Gelenkarmmarkise, wenn es denn die auf dem Balkon ist. Bei uns heisst das schlicht Sonnenstore. Damit werde ich meine Deutschschüler quälen XD) zu sehen. Etwa das Licht einer Taschenlampe? Ein Auto kann es nicht gewesen sein. Auf jener Seite befindet sich nur der Waldrand. Ich höre Stimmen. Just in diesem Moment höre ich Stimmen. Ich höre Schritte. Jemand macht sich an den Jalousien zu schaffen. Ein Kratzen ist zu vernehmen. Meinen Taser habe ich griffbereit vor mir. Es klingelt an meiner Tür. Ich werde den Teufel und öffnen. Ich öffne meine Tür nie, wenn ich niemanden erwarte. Ausserdem ist es bereits 23:10 Uhr. Jetzt klopft es an meiner Tür. Jemand ist IM Gebäude. Steht vor meiner Tür und klopft. Ich reagiere nicht. Aufgrund dessen, dass auf youtube grad I'm going slightly mad von Queen läuft, wird die Person vor der Tür wissen, dass ich zuhause bin. Oder sie hält mich für einen derart verschwenderischen Menschen, der die Geräte laufen lässt. Es klopft wieder. Etwas energischer. Scheisse. Bitte verzieh dich! Das Klopfen wird noch etwas eindringlicher. Stärker. Bedrohlicher. Jetzt wird mit der ganzen verdammten Faust gegen meine Tür geprügelt. Am Fenster sehe ich wieder dieses Licht. Es sind zwei. Mindestens zwei. Kann ich mit zwei von ihnen fertig werden? Ich höre Schritte. Sie gehen weg. Entfernen sich. Ich blicke zur Tür. Darunter ist ein weisser Umriss in der Dunkelheit auszumachen. Ein Umschlag? Ich gehe hin. Schaue nach. Bin doch so dumm, wie diese Tussen in den Horrorfilmen. Ich schaue nach. Es ist ein Briefumschlag. Soll ich ihn öffnen? Milzbrand? Briefbombe? Die Neugierde siegt über den klaren Verstand. Ich öffne den Umschlag. Darin liegt ein Zettel. In krakeliger Schrift steht da nur:

Ich weiss, was du letzten Sommer getan hast!

Kleiner Scherz am Rande. Ich denke in meiner gegenwärtigen Situation sollten mir solche Scherze erlaubt sein. auf dem Zettel stand in krakeliger Schrift geschrieben: "das speiel"
Dass nicht einmal diese "Warnung" korrekt geschrieben wurde, lässt das Ganze recht lächerlich erscheinen. Was für ein Spiel? Spielt er auf Stephen Kings "Das Spiel" aka Gerald's Game an? Ich weiss es nicht... 

Jedenfalls werde ich jetzt nochmals alles kontrollieren und dann leg ich mich schlafen. Mit dem Taser in Griffnähe... 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen