Mittwoch, 26. März 2014

Die Gunst Ihrer Majestät der Würfel

Es weint sich aus der Winterhimmel… unter dessen Tränen gehe ich schnellen Schrittes zu diesem seltsamen Gebilde aus Würfeln, zu dem ich von Ihrer Majestät zitiert wurde. 
Am Tage zuvor wurde mir, durch einen Boten Ihrer Majestät ein Schriftstück überbracht, in dem ich zu Hofe zitiert wurde. Natürlich überlegte ich mir, ob es nicht besser wäre ins Exil zu gehen. Irgendwo fernab des Würfelpalastes. Aber ich entschied mich zum würdevollen letzten Gang… 

Zu Hofe wurde ich vom Geschmeiss kritisch beäugt. Es wurde getuschelt. Einige hielten bereits Steine in den Händen. „Der der ohne Sünde ist werfe den ersten Stein“ Sollte dies mir gelten? 

Keine Zeit des Wartens. Ich wurde sogleich zu Ihrer Majestät und dessen Gefolgsmann und Untertan vorgelassen. Ich sollte mich setzen - im Verhörzimmer. Wie im Film wurde mir ein Scheinwerfer ins Gesicht gehalten. Ich wurde angebrüllt: „Gestehe! Gestehe endlich! Verdammtes Weibsstück! Gestehe!“
Gar grausge Sünden, welche mir zur Last gelegt wurden sollte ich gestehen getan zu haben. Einiges entsprach der Wahrheit. Anderes war zu verschleiert, als dass man von wahren Begebenheiten hätte sprechen können. 
Mir wurden Bilder gezeigt. Bilder auf denen einstige Kollegen abgebildeten waren, welche das Verhör nicht überstanden hatten. 
Ich schwieg. 
Die Daumenschrauben wurden angelegt. Ich schwieg. 
Mir wurde kontinuierlich mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. Ich schwieg. 

Der Untertan Ihrer Majestät brüllte mich, die Nerven bereits verloren, an: „Gestehe! Gestehe endlich! Verräter! Du sollst brennen! Brennen sollst Du!!!“
Ich schwieg. 

Ihre Majestät erhob sich. In den mit pompösen goldenen Ringen geschmückten Fingern hielt er eine Schriftrolle, welche er ausrollte. Mit einem selbstgefälligen überlegenen Grinsen, las er mir meine Vergehen vor…
 - INSUBORDINATION
 - PERFIDIE
 - HOCHVERRAT
Je nach dem war die Strafe Folter oder Tod durch Folter. Mir wurde unterbreitet zu gestehen, damit ich einen schnellen fast schmerzfreien Tod sterben würde. Sollte ich weiterhin nicht gestehen, sollte ich brennen. Also waren die Steine des Geschmeiss’ nicht für mich bestimmt gewesen. Immerhin ein Trost, wenn auch ein schwacher. 

Während mir mit einer recht stumpfen Klinge, der grosse Zehe abgesäbelt wurde, sollte ich meine Unterschrift unter das, mit krakeliger Hand verfasste, Geständnis setzen. Ich musste 8 Zehen, 3 Finger und ein Ohr einbüssen, ehe die feinen Herren zu der Einsicht kamen, dass ich die mir vorgeworfenen Vergehen nicht begangen hatte. 

Ihre Majestät war ratlos. Ihrer Majestät Untertan kochte vor Wut. Er wusste es. Er wusste genau, dass ich die Schreiben verfasst hatte, welche das Königreich in Verruf brachten. Sämtliche Schriftstücke waren aus meiner Hand verfasst worden. Dennoch gestand ich nicht. Wozu auch? 
Ihrer Majestät blonder Untertan rückte seine Brille zurecht und bemerkte, „Selbst wenn dieses Weibsstück schuldig ist, ohne die 3 Finger ihrer rechten Hand, wird sie keine Schriftstücke mehr verfassen können.“
Er hatte ja keine Ahnung, dass ich die Schreiben mit der linken Hand verfasst hatte. 
Ich wurde aus dem Verhör entlassen und von den mir zur Last gelegten Vergehen freigesprochen. Sobald etwas Zeit verstrichen ist, werde ich erneut Schriftstücke unters Volk bringen. Sollten sie mir den linken Arm nehmen, werde ich die Texte diktieren. Schneiden sie mir die Zunge heraus, werde ich dennoch in der Lage sein, meine Schriftstücke zu verbreiten. Und selbst wenn sie mich töten, so werden meine Schriftstücke doch weiter existieren. 
Das Volk weiss, um die finsteren Machenschaften Ihrer Majestät Untertan und wird sich auflehnen. Verteidigungsanlagen werden errichtet werden. 

Gestern erst hörte ich die Stimme eines alten Mannes sagen: „Lass uns gehen zu Henri, und sprechen über REVOLUTION.“

Dienstag, 11. März 2014

Meine Sitzreihe ist nicht vorhanden

Ich mag den Typen vom KLM-Kundendienst, mit dem ich dieses sympathische Telefonat führen durfte wirklich.

Kurz nach Erhalt der Mail über den Flugzeug-change verfiel ich in panische Angst. Auslöser war die Frage nach dem Sitzplatz, welchen ich im A380 mit Bedacht gewählt hatte.
Über die Website war beim Seatmap noch immer das des A380 hinterlegt, also blieb mir nichts anderes übrig, als den Kundendienst anzurufen.
Ein sehr sympathischer, entweder neuer oder noch recht junger, Mitarbeiter meldete sich. Mit meinem Anliegen war er kurz überfordert und fragte, ob ich kurz Zeit hätte, er würde seinen Supervisor diesbezüglich fragen. Natürlich hatte ich Zeit :-)
Er meldete sich kurz darauf wieder und verkündete die frohe Botschaft:
Die Sitzplätze werden übernommen. Das heisst, Sie haben in der B777 die gleiche Sitzplatznummer, wie im A380. 
DAS irritierte mich doch stark, denn hatte ich doch das Seatmat der AF B777-200 auf dem Bildschirm vor mir und da war keine Sitzreihe L verzeichnet. Reihe K war die Letzte. Dies teilte ich dem Mitarbeiter mit und brachte ihn so etwas ins Schleudern. Ein witziger Dialog folgt:
"Sind Sie sicher? Das... ähm... kann eigentlich nicht sein."
"Ja, ich habe das Seatmap der B777-200 vor mir, und da existiert keine Sitzreihe L."
"Ähm... *seufz*... ja da bin ich grad überfragt. Haben Sie noch etwas Zeit? Ich würde meinen Supervisor nochmals fragen."
"Ja natürlich, kein Problem."
"Vielen Dank. Kleinen Moment. Bin gleich zurück. - Sind sie noch da?"
"Ja."
"Danke fürs wiederholte Warten! Also, mein Supervisor hat gesagt, die Sitzplätze werden übernommen und die Sitzreihe L ist in der B777-200 vorhanden."
"Okeee? Jetzt bin ich irritiert."
"Woher haben Sie denn das Seatmap?"
"Von der Page der AirFrance."
"Omg... ähm... ja dann wird es sich wohl um ein Altes handeln. Also Sie haben wirklich den Sitzplatz XX L, denn das ist bei uns im System so erfasst und in diesem System können wir keine Sitzplätze vergeben, die nicht vorhanden sind."
"Achso. Oke. Na gut. Und wo genau befindet sich denn dieser Platz? Ich achte immer auf Notausgang und vorallem darauf, dass ich keinen **** Gof hinter mir sitzen habe."
"Ähm ja... also Sie haben zwei Sitzreihen hinter sich."
"Kann man das noch ändern?"
"Leider nein. Ich habe nur noch einen freien Sitzplatz und der befindet sich in der Mitte in der Mitte."
"Omg...nein Danke. Das nun wirklich nicht. Und den Flug umbuchen, ginge das?"
"Moment.... nein leider nicht, weil Sie bei den Tarifbestimmungen akzeptiert haben, dass Umbuchungen nicht möglich sind. Hald weil der Flug so günstig war."
"Und gegen Aufpreis geht auch nicht?" frage ich mit leichter Verzweiflung in der Stimme.
"*lach*, leider nein. Ich kann wirklich nichts für Sie tun. Tut mir leid."
"Na ja, dann kann man nichts machen. Schade, aber trotzdem vielen Dank."
"Ja sehr gerne. Und über den Sitzplatz machen Sie sich keine Sorgen. Der wird schon da sein."
"Ja da bleibt mir ja nichts anderes übrig, als Ihnen zu vertrauen, was?"
"Hehe, ja scheint so."
"Gut, dann gehe ich am 30. in diese B777 und lasse mich überraschen, ob mein Sitzplatz vorhanden ist."
"*lach*, ich hoffe doch! Also Sie werden bestimmt einen Sitzplatz haben."
"Und wenn nicht, mache ich Tragflächen-Surfing. *lach*"
"*lachanfall* oder so!"
"Gut, vielen Dank nochmals."
"Ich danke auch - und frohe Weihnachten."
"Das wünsche ich Ihnen auch  - Dankeschön."

Tja, und so lasse ich mich überraschen, ob die B777-200 der Air France einen Sitzplatz für mich bereit hält. Eine Freundin meinte, wenn nicht, kannst Du Business fliegen. Ist doch auch schön. Haha wir werden sehen.

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#navilicious

Sonntag, 23. Februar 2014

Der neue Lehrer

Was er über seinen Vorgänger wusste, waren recht unerfreuliche Sachen. Um sich bei seiner Klasse beliebt zu machen, wollte er dessen Fehler nicht wiederholen. Frischen Wind ins Klassenzimmer bringen! DAS, ja das war seine Mission! Er würde es schon schaffen!

Seine Klasse, eine Abschlussklasse bestehend aus 16-jährigen starrköpfigen Teenagern, beäugte ihn sehr kritisch. Auf seinen Morgengruss wollte kaum einer eingehen. So schrieb er seinen Namen in grossen Lettern mit weisser Kreide an die Wandtafel.
Gernot Rudolfshain
Seine Schüler tuschelten. GerNOT, ja in Note werden wir den versetzen!
Er drehte sich um und schaute mit seinen leuchtend blauen Augen in die finster dreinblickenden Gesichter seiner Klasse 4B. Einer der Schüler drückte auf dem Mobiltelefon herum, was zu dem Zeitpunkt eher aussergewöhnlich war.
Er nahm die Kreide wieder auf:
Gernot Rudolfshain
Als er sich mit seinem blonden Haarschopf wieder umdrehte, schaute er in lauter fragende Gesichter. So versuchte er es auf die gönnerhafte Art. "Nennt mich Gernot.", verkündete er sich seiner Sache sicher.
Er hatte die Kids! Das Eis schien gebrochen!

Gernot merkte nicht, wie ihm alles entglitt. Anfangs mochten ihn alle Schüler, doch mit der Zeit tanzten sie ihm auf der Nase herum. So brüllte er den Jungen mit dem Mobiltelefon nahezu täglich an, das (anfänglich) Ding und (schliesslich) das scheiss Ding wegzulegen. Der Junge grinste hämisch und telefonierte während den Stunden.
Gernot wollte hart durchgreifen und bediente sich den Methoden seines Vorgängers. So brüllte er den Jungen mit dem Mobiltelefon an, er möge dieses verdammte scheiss Ding endlich weglegen, sonst müsse er nachsitzen!
Da kicherte das aufsässige dicke Mädchen in der 2. Reihe. Auf seinen grimmigen Blick reagierte sie mit abwertendem Gelächter.
"Gernot, du bist ein Versager! Glaubst du wirklich, du kannst herkommen, einen auf Kumpel machen und dann wenn dich keiner ernst nimmt, auf streng machen? Bei deinem Vorgänger hats funktioniert. Das war auch ein Despot. Aber du? Sorry. No chance."
Weitere Stimmen meldeten sich in ähnlicher Weise:
"GerNOT, oh GerNOT, sehe sie doch, deine NOT!"
"Hey Keule, nimms easy. Kriegst die Kohle ja doch - egal ob der Laden läuft oder nicht!"
"Ja Alter! Meinst musst jetzt auf dicke Hose machen und wir nehmen dich ernst?"
"Komm runter. Mach dich nicht lächerlich!"
"Ja Gerni, ziehs durch! Sind ja nur noch 10 Monate!"
"Rudi bleib zuhaus. Wir rocken die Bude schon!"
"Ey Chef, du hast eh keine Ahnung, von dem was du tust. Also lass es! Wir wissens besser!"
"Joa! Wir sind die Chegger! Verzieh dich!"

Gernot wusste sich nicht mehr zu helfen. So verliess er sein Klassenzimmer auf der 7. Etage und ging nach unten ins Lehrerzimmer. Dort heulte er sich bei den anderen Lehrern und dem Hauswart über seine Klasse aus.
"Ich ertrage das nicht mehr! Die tanzen mir auf der Nase rum! Ich verstehe das nicht! Schlimmer als mein Vorgänger kann ich ja kaum sein! Wieso machen die das?! Ich habe die Kontrolle verloren. Jeder macht, was er will! Ich habe versagt... *snieff* Wie bekomme ich die je wieder in den Griff?! Es ist nicht auszuhalten, was da abgeht! Ich drehe noch durch! *snieff* Meine Klasse... Chaos! Das sind keine Teenager, das sind Monster! Monster, die mir entglitten sind! Oder es waren keine Monster und ich habe sie zu welchen gemacht... Ich will nicht mehr!"

Keiner der Teenager der Klasse 4B hätte sich je träumen lassen, was sie am kommenden Tag im Klassenzimmer vorfanden. Der leblose Körper des revolutionären Lehrers Gernot Rudolfshain hing, an einem um den Hals geknüpften Strick, von der Decke. Die beigefarbene Hose wies dunkle, durch die letzte Darmentleerung hervorgerufene Flecke auf. Die Hitze des Sommers bildete mit den Fäkalien einen unerträglichen Geruch, der noch Wochen nach seiner Bestattung im Zimmer hing.
An seinem rosafarbenen Hemd war eine DIN A4 Seite befestigt, auf der geschrieben stand "Ich wollte nicht hören, ich wollte nicht sehen und ich wollte nichts sagen.  Ich habe versagt."

Ein Gewinn für die Menschheit

Unschlüssig darüber, ob sie angesichts der gegenwärtigen politischen Situation etwas über die Herkunft ihres damaligen Vorgesetzten sagen soll oder nicht, sitzt sie vor ihrem Macbook Air... 

Jener Tag wird in die Geschichte eingehen als "Der Tag, an dem ihr Gesicht stillstand - und zu einem Dauergrinsen erstarrt war".
Wir schreiben den 31. Oktober 20XX, einen "kalten Winterbastard" von Morgen. Draussen ist es noch dunkel, wie könnte es auch anders sein, wenn man das Studio um 05:10 Uhr verlassen muss... Der Weg zum Hotel ist zu Fuss zwar nur an die fünf Minuten lang, aber man muss ja 10 Minuten vor der Zeit anfangen, nicht wahr? 

Obschon das Frühstück offiziell um 06:00 Uhr beginnt, stehen die ersten geschäftigen Gäste oft schon gegen kurz nach halb sechs verwirrt um sich blickend im Restaurant. So auch an diesem letzten Tag im Oktober 20XX. 
Zusammen mit der Lehrtochter wird sie das Frühstück bewältigen, was an diesem ruhigen Tag leicht machbar ist. 
Gegen 08:00 Uhr kommen zwei Menschen gleichzeitig auf sie zu und sprechen sie an. Einerseits der gefürchtete (und von ihr verachtete) Managing Director, den wir (um etwaigen Proceßen zu entgehen) Jochen Kruse nennen, andererseits ein chinesischer Gast. Da der Gast Vorrang hat, wendet sie sich diesem zu. Kurz darauf betritt sie das Office, wo der gute Jochen Kruse, mit der Frisur eines 12-jährigen Schuljungen, abgespreizten Fingers den Zucker in seinem Kaffee umrührt. Angesichts der vier Zuckertütchen, hiesse es wohl eher, "den Kaffee in seinen Zucker rührt"... 
Nun gut, den Blick in seine Tasse gerichtet, herrscht er sie an: "Haben Sie verlernt guten Morgen zu sagen oder was?!" 
Es folgt der 1:1 Dialog:
"Guten Morgen Herr Kruse, geht es ihnen gut?", sagt sie ganz unbekümmert, wohl wissend, was am Abend zuvor geschehen war.
"Ja! Aber ich glaube ihnen geht es nicht mehr gut, oder?!"
"Mir geht es wieder besser, danke der Nachfrage." war sie doch die Tage zuvor von einer üblen Magendarm heimgesucht worden, was unter Anderem Grund für dieses Wortgefecht war...
"Sie sollten sich besser mal entschuldigen, für das, was am Samstag hier los war!"
"Ich? Wofür denn?"
"Sie haben ja keine Ahnung, was hier los war!", worin er sich kräftig irrte. Natürlich war ihr bereits zugetragen worden, was sich an besagtem Abend so alles ereignet hatte:
Einerseits hatte er sie alleine im ausgebuchten Restaurant eingeteilt gehabt. Alle anderen sollten im Saal eingesetzt werden. Weil sie aber aufgrund der Magendarmgrippe nicht anwesend war, musste er ans Werk. Gäste, die ein 3-Gang-HP-Menü gebucht hatten, bekamen plötzlich ein 5-Gang-Menü. Die Gäste mussten recht lange auf ihr Essen warten, da er teilweise vergas, Tische abzurufen. Sei er angeblich runter in die Küche gerannt und habe gebrüllt, er brauche sofort das verdammte Fressen für Tisch 11! Die warten schon eine Ewigkeit! Vom Sous-Chef kam nur die Reaktion, dass sie keinen Bon für Tisch 11 hätten. Das wäre ihm grad scheissegal! Er brauche das verdammte Essen! Worauf der Sous-Chef entgegnete, dass es kein Essen ohne Bon gebe, Weisung von ihm persönlich. So hätte es in seinem Gehirn kurz rotiert und er habe wohl überlegt, wie viel Sinn es machte, noch weiter zu diskutieren, oder ob es nicht klüger wäre, wie jeder Kellner, an die Kasse zu gehen und den Tisch abzurufen. Er entschied sich für Letzteres, worauf er dann auch das Essen bald bekam. Er sei so etwas von abgesoffen. Da wären Gäste ganz ohne Getränke gewesen, andere hätten den falschen Wein bekommen, und so weiter. 
Sie erfreute sich an diesen Nachrichten natürlich, hatten der gute Jochen Kruse und sie doch einmal ein Gespräch, in dem es darum ging, dass er gerne mal ihr Jöbchen machen könne und sie seinen harten Job! (Aus sicherer Quelle wusste sie, dass er sich gelegentlich einer Flasche Weisswein widmete, worauf sie fast gesagt hätte, "Im Büro sitzen, Leute schikanieren und Weisswein trinken, ja ich denke, nach ein paar Jahren des harten Studiums, schaffe ich dies auch", um der Quelle nicht in den Rücken zu fallen, unterliess sie es aber) Tja, offenbar war er doch nicht in der Lage ihr "Jöbchen" zu bewältigen.

"Hier war das reinste Chaos! Andere hatten auch ein bisschen Magenschmerzen, aber die sind alle zur Arbeit gekommen und haben sich nicht einfach so einen schönen Abend gemacht, nicht so wie sie, die sich einfach mal so eine 4-tägige Auszeit nimmt!"
"Herr Kruse, ich war wirklich krank."
"Och, SIE tun mir aber leid... Da kommen mir gleich die Tränen!"
"Hätte ich herkommen und über ihren Schreibtisch kotzen sollen, damit sie mir das glauben?"
Ein irritierter Blick, da nicht gewohnt, dass ein Mitarbeiter so mit ihm spricht, gefolgt von einem seichten Lächeln.
"Und wenn ich sie schon anrufe, könnten sie auch ans Telefon gehen!"
"Ich war die ganze Nacht damit beschäftigt, mich zu übergeben und habe folglich am Nachmittag geschlafen."
"Sie haben mein vollstes Mitleid!"
"So etwas will und brauche ich nicht, Herr Kruse. Merken sie eigentlich, in welchem Ton sie mit den Mitarbeiterin reden? Das ihre Ausdrucksweise ebenfalls zu wünschen übrig lässt? Genauso die Ansage auf meiner Combox."
"Was soll denn damit gewesen sein?!"
"DAS wissen sie selber ganz genau. - Schön dass sie ans Telefon gehen! - und dann war noch das wegen der -angeblichen- Krankheit."
"Genau! Ich bekomme noch ein rechtsgültiges Zeugnis von ihnen!"
"Herr Kruse, ich habe den Arzt gefragt, ob das so gültig ist. Selbst wenn er es auf ein Stück benutztes Toilettenpapier geschrieben hätte, wäre es gültig."
"Das ist mir scheissegal! Das akzeptiere ich jedenfalls so nicht!"
"Wie sie meinen. Gerne bringe ich ihnen heute Nachmittag ein Neues."
"Ich bitte darum!"

Während dem Gespräch musste sie ihn 5x fragen, ob es ihm denn lieber wäre, wenn sie den November nicht mehr machen würde. Ging ihr eigentlicher Saison-Vertrag nur bis Ende Oktober, wurde aber angefragt, den November durch noch zu bleiben. Natürlich hatte er diese Frage immer umgangen.
Schliesslich:
"Nein Herr Kruse, ich behafte sie jetzt darauf. Ziehen sie es vor, den November ohne mich zu machen?"
Er wägte offensichtlich kurz ab, was das zu bedeuten hätte. Einerseits wollte er sie nicht mehr im Hotel haben, andererseits waren sie dann eine Person zu wenig - und er hatte keine Lust noch einmal im Service auszuhelfen.
"Das müssen sie entscheiden!"
"Gut, dann habe ich heute meinen Letzten."
"Dann bekomm ich aber noch eine schriftliche Kündigung von ihnen!"
"Ja, bringe ich ihnen heute Nachmittag sehr gerne vorbei."

Das erstaunlichste an dieser Unterhaltung war, das er sie permanent angebrüllt hatte, sie aber total ruhig geblieben war. 
Sie hatte die Stimme ihrer Mutter im Kopf, die sagte, sie solle ruhig bleiben und bloss nicht ausfallend werden. An diesen Rat hielt sie sich - fast...
Als er das Office durch die Bar verlassen wollte und ihr den Rücken gekehrt hatte, konnte sie nicht umhin, ihm noch einpaar abschliessende Worte mit auf den Weg zu geben: 
"Sie sind ein Gewinn für die Menschheit, Herr Kruse." , sagte sie im Ton von Peter Jecklin in der Rolle des Rico Prader in "Grounding". Er blieb darauf kurz stehen, ging dann aber weiter. Der Mann, im Sessel der Bar sitzend, hielt sich die Zeitung vors Gesicht und lächelte ihr gewinnend zu, als sie an ihm vorbei ging. Die Gäste im Restaurant hatten alles mitbekommen, war das Office doch recht ringhörig. Zwei junge Schweizer hörte sie sagen "War das der Chef? Scheisse was für ein Arschloch!", ein Rentnerpärchen meinte, "Das hat sie richtig gemacht! So eine Person sollte kein Chef sein!"
Alle Gäste nickten ihr gewinnend zu, die einen lachten permanent. 
Den ganzen Tag über hatte sie ein breites Grinsen im Gesicht, was bis zum Abend dann doch ein bisschen schmerzhaft war... -_^

-> Kurz nach ihrer Kündigung, wurde Jochen Kruse entlassen. Man benötige seine Dienste nicht mehr, hiess es seitens Management. 
Ausschlaggebend dafür waren wohl seine Nachricht auf ihrer Combox (welche sich als Soundmodul in diesem Blog, sicher gut machen würde), welche die Direktorin zu hören bekommen hatte. Dazu kamen noch diverse belastende Aussagen einiger Angestellter. Es machte den Anschein, als wäre Mobbing für ihn die wichtigste Führungsqualität gewesen. Von den weiteren Anschuldigungen und der darauffolgenden Gerichtsverhandlung erfuhr sie nichts. 

Montag, 17. Februar 2014

There is someone walking behind me...

Im DVD-Player rotierte Final Destination 3. Im Kino war ihr die Ironie des Songs nicht aufgefallen. Oder doch, und sie erinnerte sich einfach nicht mehr daran... There is someone walking behind you ertönte aus dem Autoradio, just in dem Moment als sich der führerlose LKW bedrohlich den Akteuren näherte...
Über solche Ereignisse amüsierte sie sich jedes Mal erneut. Schliesslich konnte sie da noch nicht ahnen, dass dieser Songtext bald Bezug zu ihrem Leben nehmen würde...

Sie war ein Freak, lebte in einer Welt bestehend aus Filmzitaten. Sie war das personifizierte IMDB. Oft wurde sie von anderen Filmfreaks so bezeichnet, was sie mit Stolz erfüllte.
Kontakt zu Gleichgesinnten pflegte sie nur über Foren und Chatrooms im Internet. Wahre Freundschaften kannte sie nicht. Hatte sie nie kennen gelernt. In der Sparte about me ihres Chatprofils stand daher, wie nicht anders zu erwarten, ein Filmtitel, dem es nichts weiter hinzu zufügen gab: Odd girl out

Ihre besorgte Mutter warnte sie vor der Gefahr aus dem Internet. Da würden sich nur Pädophile und anderweitig Geisteskranke herumtreiben. 
Ihre Mutter hatte keine Ahnung! Na ja, vielleicht doch, in Anbetracht des Films Megan is missing... Aber IHR würde so etwas nicht passieren. Schliesslich traf sie sich nie mit Menschen. Also wäre die Chance, als Leiche in einer blauen Plastiktonne verscharrt zu werden, sehr gering.

Ihre zahlreichen Accounts wurden plötzlich vermehrt angeklickt. Anhand der IPs erkannte sie, dass da draussen jemand war, dem sie wohl imponierte. Sie erntete immer mehr und mehr Klicks und Likes. Von jener IP schienen verschiedene Konten auszugehen. Möglicherweise ein Internetkaffee? 

Sich über ihre ansteigende Popularität im Internet freuend, machte sie sich, nichts böses ahnend, auf den Weg zur Arbeit. Die Arbeit... Ein Ort, für welchen sie diverse treffende Filmtitel aufzählen konnte: 
Cube, Ein Gebäude voller Räume, in welchen grosse Gefahr lauerte, wie bei ihrer Arbeit als Zimmermädchen... 
Stephen King's Misery, weil sie sich angesichts ihrer Cheffin, wie Paul Sheldon fülte...
Men behind the sun, weil sie sich teilweise in der Rolle eines "Baumstammes" wiederfand. Als unfreiwilger Teilnehmer an einem Experiment der Unit 731...
Das Haus der Vergessenen, weil die gefangenen Kinder, genau wie der Abteilungsleiter und dessen Assistenz, nichts hörten, nichts sahen und nichts sagten... 
Und so weiter... 

Immer öfter hörte sie auf dem Heimweg Schritte hinter sich, konnte aber nie jemanden sehen. In ihrer Handtasche lagen alsbald eine Schere, ein Springmesser, ein Butterfly, ein Pfefferspray als auch Schlagringe verborgen. Sie wollte sich ja verteidigen können...- im Ernstfall... 

Eines Tages sah sie eine finstere Gestalt unter ihrem Fenster stehen. Sie meinte, jene Gestalt auch auf dem Heimweg schon gesehen zu haben. War sie in Halloween?! Verfolgt von Michael Myers?! Wohl kaum! Aber ganz wohl war ihr nicht mehr... 

Als ob dieser Stalker nicht schon genug gewesen wäre, nahmen auch die Mobbingattacken seitens ihres Abteilungsleiters zu. Er liess keine Gelegenheit aus, um ihr eins reinzuwürgen. Zum einen waren ihre Arbeitszeiten Jenseits von Eden und auch aus ihren 2 freien Tagen wurde ein Tag und zwei halbe. Er kritisierte sie, wo er nur konnte. Ihn hätte man in einer blauen Kunststofftonne verscharren sollen! 

Die Gestalt trieb sich täglich vor dem Plattenbau herum, in dem sie wohnte. Sie erhielt anonyme Anrufe und dazu fand sie nahezu jeden Tag einen anonymen Brief in ihrem Briefkasten vor. 

Ihre Mutter meinte, das wäre bestimmt einer dieser Freaks aus dem Internet! 
Woher hätte sie denn wissen sollen, dass es ihrer Tochters Chef war, der sie stalkte und belästigte? 
Der freundlich und sympathisch wirkende blonde Mann mit den trübblauen Augen, der sie immer so fröhlich anlächelte, wenn sie ihre Tochter von der Arbeit abgeholt hatte... 

Im Gerichtssaal gestand er dann seine Tat ein. Er sei es gewesen, der das 18-jährige Mädchen brutal vergewaltigt und sie anschliessend, bei lebendigem Leib, in den grossen Wäschetrockner gesteckt hatte. Er hatte so etwas in My bloody Valentine gesehen. Natürlich im Remake von 2009. Sie kannte die Szene aus dem Original von 1981. 

Während ihr verbrühter, mit Blasen überzogene Körper im Trockner rotierte, lief im Radio Don't fear the reaper.

Donnerstag, 6. Februar 2014

Eine Auszeichnung - ein Abschied

Liebe Leser, geschätztes Publikum

Im Glauben vorsichtig genug zu sein, erstellte ich diesen Blog und schrieb unbekümmert Geschehnisse aus dem Alltag in der Gastronomie nieder. Witzig und unterhaltend waren sie.

Mich unbekümmert in den Gefilden des www aufhaltend, schreibend, lachend und einfach verweilend, begann ich einen Fehler, dessen Echo mich gestern in Form eines Schriftstücks ereilte. Ich möge dies bitte unterlassen.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge schickte ich meine Texte heute Morgen in die ewigen Jagdgründe. Wurde nicht auch Eric Draven dahingeschickt?
Wäre ich Mrs. Rockefeller und könnte mir, gekleidet in ein CHANEL Kostüm, Pelzmantel um die Schultern und der echten Louis Vuitton (wobei diese Marke ihren Glanz verloren hat, daher eher einer Yves Saint Laurent, oder PRADA) am Arm, die CHANEL goat boots an den Füssen, den Gerichtssaal betreten und die Kosten gleich bar mit Scheinen aus meiner goldenen mit Swarovski besetzten Geldklammer entrichten, würde ich weiterziehen.
Allerdings bin ich nicht Mrs. Rockfeller, noch Mrs. Gates und auch nicht die Tochter Howard Hughes. Ich bin ein ganz normaler "Büezer" aus dem Mittelland, der sich zu beugen hat.

Sollte mein Buch je erscheinen, werde ich mich wohl gen Elba ins Exil begeben müssen. Oder sonst wohin XD Kleiner Scherz am Rande (des Wahnsinns).

Jedem Schriftsteller (noch masse mich mir nicht an, mich so zu nennen, existiert mein Erstling doch in unvollendeter Form zuweilen als xxx.pages) bricht das Herz, wenn er der Zensur unterliegt. Zusehen muss, wie sein Herzblut versiegt. (Die schwarze Spinne). Daher mein weinendes Auge. Das Lachende aber, rührt daher, dass ich zensiert wurde!
Bin ich doch nicht "webfamous" (dies nur in sehr begrenztem Rahmen) und doch wurde ich zensiert!
Meine Werke sind der Zensur zum Opfer gefallen! Zugegeben, es erfüllt mich schon ein wenig mit Stolz. ^_^

Nun denn, "gastrogeplauder" exisitert nun nicht mehr. "snieff"

Freitag, 10. Januar 2014

Tortured


Die Sonne hing am Mittagshimmel und warf ihre wärmenden Strahlen gen Erdboden. Was für ein wunderbarer Frühlingstag!
Der kleine Alpi tobte mit seinen gleichaltrigen Freunden über die saftigen und weiten Wiesen des Bauernhofes. Seine Mutter sonnte sich fernab in der Nähe des grossen Kirschbaumes. Auch sie genoss den Frühling. Ganze Schwärme von Zitronenfaltern flogen in Pirouetten durch die Lüfte und bildeten bunte Farbkleckse auf dem sonst so blauen Himmel. 

Alpi spürte einen heftigen Schlag auf dem Hinterkopf und sackte zusammen. Als er die Augen wieder öffnete, war es dunkel um ihn. Es dauerte einige Minuten, bis er richtig zu sich kam, hatte es der zuvor verabreichte Schlag doch in sich gehabt. 
Nervös in die Dunkelheit hineinblickend, stellte er fest, dass er nicht allein war. Das Atmen Anderer war zu hören. Nun überlegte er, ob es sinnvoll wäre, in die Runde zu fragen, wer denn da sei. Allerdings hätte dies auch eine schlechte Idee sein können. Vielleicht sollte er ja noch immer bewusstlos da liegen? Alpi spielte beide Szenerien gedanklich durch und entschied sich dann doch, seinen ganzen Mut zusammen zu nehmen und sich bemerkbar zu machen. „Wer ist da?“ flüsterte er. Seine Stimme wollte einfach nicht fest sein, sie versagte. „Ich bin Lexi. Alpi, bist du das?“ hörte er eine vertraute Stimme fragen. Es war Lexi! Eine seiner Freundinnen. „Ja Lexi, ich bins! Wo sind wir hier? Was ist passiert?!“ „Ich weiss es nicht, Alpi… Ich weiss es nicht.“ Er hörte, wie Lexi zu wimmern begann. Da meldeten sich  weitere seiner Freunde zu Wort. Sie waren alle da. Jeder einzelne seiner Freunde, mit denen er zuvor noch auf der grossen Wiese gespielt hatte. Was war nur los? Keiner hatte eine Antwort auf die Frage. Keiner. Ausser dem kleinen Lyzander. „Mein Bruder hat mir von sowas erzählt. Er hat gesagt, man wacht an einem finsteren Ort auf. Dann sieht man kurz die Sonne und hört Schreie. Gequälte Schreie. Und dann ist man plötzlich selber der, der schreit und brüllt. Und dann wird es wieder schwarz.“ Lyzander’s grosser Bruder war vor einem halben Jahr spurlos verschwunden. Keiner hatte einen Anhaltspunkt. Keiner wusste, ob er abgehauen oder entführt worden war. Keki gefiel diese finstere Prophezeiung gar nicht, und so kam es, dass er den kleinen Lyzander anherrschte, er solle sein Maul halten! 
Die Luft an jenem finsteren Ort wurde immer drückender. Der Durst immer grösser. Einer von Alpis Freunden konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und brach in sich zusammen. Tolle. Er war der Erste, der es hinter sich hatte. Zwei Stunden, nach dem er zusammengebrochen war, war er tot. 
Alpi und seinen Freunden wurde die Tatsache bewusst, dass sie sich in echter Gefahr befanden. Das es kein Entrinnen geben würde. Möglicherweise war doch etwas Wahres an dem, was der kleine Lyzander erzählt hatte. Es herrschte eine beklemmende Stille. Jeder schien über das Selbe nachzudenken… 

Auf einmal wurde die Tür aufgerissen! Sie waren von der Helligkeit geblendet und sahen nicht, was vor ihnen lag. Eine dunkle bedrohlich wirkende Gestalt kam auf sie zu. In der Mitte des Gefängnisses blieb er stehen und brüllte: „RAUS HIER!“ Doch keiner wagte sich zu bewegen. Mit einer blutverschmierten Metallstange schlug er auf Lila ein. Sie brach zusammen. Er schlug weiterhin auf sie ein. Trat mit seinen Stahlkappenstiefeln in ihre Rippen. Erneut brüllte er, dass sich alle von hier verpissen sollen. Lyzander ging voran. Wow, war der mutig. Die anderen folgen ihm zaghaft. Die bedrohliche Gestalt schlug weiter wahllos mit seiner Metallstange auf Alpis Freunde ein. Neues Blut klebte daran. Tropfte herunter. Lilas Blut. Lila. Alpi drehte sich nach ihr um. Lila lag auf dem Boden, schwer atmend. Die Augen waren geschlossen. Blut rann aus der grossen, das Gehirn freilegenden Wunde, übers Gesicht auf den Boden. Sie zuckte. Lila. 

Es wurde wieder dunkel. Schreie waren zu hören. Schmerzensschreie. Folter und Tod schien ihr Schicksal zu sein. Dies liessen jene Schreie vernehmen. 
Es war dunkel und eng. Sie konnten weder vor noch zurück. Sie alle standen da in der Dunkelheit und warteten. Die Luft war stickig und trocken. Ein fauliger Geruch nach geronnenem Blut und Fäkalien drang zu ihnen durch. „Wir werden alle sterben…“ flüsterte Lyzander. „Mein Bruder hatte recht.“ Keki, wimmerte: „Ich will nicht sterben.“ 
Gellende Männerstimmen waren zu vernehmen: „HOSTEL mal anders, was?! HAHAHAHA“
„Hast Du den Kleinen vorhin gesehen? Wie der gezappelt hat, als ich ihn aufgeschlitzt habe? Wie ein verdammter Fisch am Haken!“
„Dafür hat mich die andere vorwurfsvoll angeglotzt, als ihr das verdammte Blut aus der verdammten Kehle geschossen kam.“
„Hey Männer! Ist doch scheissegal! Die fühlen ohnehin nichts. Wozu der ganze Scheiss mit betäuben? Frag mal Karl, der hat eben eine Niere rausgeschnitten. Die hat vielleicht herumgebrüllt.“
„Ah das war die Kleine von Karl? HAHAHA. Als ob DIE noch eine Niere brauchen würde.“
„Achtung Männer! Nachschub! Weiter gehts!“

Einer nach dem anderen wurde geholt. Alpi zitterte. Er blieb als Letzter zurück. Er hörte die gequälten Schreie all seiner Freunde. Er wusste, sie litten alle Höllenqualen, ehe sie verstarben. Alpi hoffte, sie mögen es bei ihm schnell erledigen. Dann war auch er an der Reihe…
Einer der Männer kam zu ihm. Packte ihn. Zerrte ihn weiter. Alpi wehrte sich. Versuchte dem Mann in die Hand zu beissen. Schlug und trat nach ihm. Da kam ein zweiter Mann dazu, der Alpi einen Stromschlag verpasste. Dieser rannte los. Er rannte über den anderen Mann hinweg. Blieb stehen. Musste sich orientieren. Schaute hin und her. Rannte weiter. Dann rutschte er aus und landete auf dem Bauch. Stiess sich das Kinn am Boden. Er schaute um sich. Er lag in einer riesigen Blutlache. Er war im Blut seiner Freunde ausgerutscht und lag nun dort. Ein Blick nach oben. Panik! Er sah seine Freunde. Alle in der Mitte aufgeschlitzt. Sämtliche Innereien lagen unter ihnen auf dem dunkelroten Boden. 
Es war Lexi, die mit aufgeschlitztem Bauch da hing und zappelte. „Lexi….“ Diese schaute ihn hilfesuchend flehend an. Er konnte ihr nicht helfen. Was hätte er tun können? „Es tut mir leid.“ flüsterte er, stand auf und versteckte sich hinter einer grossen Maschine. 
Fremde Schreie waren zu hören. Er sah die Mutter von jemandem. Sie wurde aufgehängt. Ein Messer wurde ihr in den Bauch gerammt und mit aller Gewalt nach unten gerissen. In ihrem Bauch klaffte eine grosse Wunde. Sie schrie und brüllte. Sie flehte den Mann an, damit aufzuhören. Sie gehen zu lassen. Dann flehte sie nur noch, er möge sie doch töten. JETZT. Der Mann ignorierte ihr Gezappel genauso wie ihr Flehen. Er begann ihr die Eingeweide herauszureissen. Alpi sah wie die Farbe aus ihren Augen verschwand. Weiss und Rot. Sie schrie noch einmal. Das letzte Mal. Dann kam ein weiterer Mann hinzu, der ihr den Kopf abschnitt. Mit einer grossen Klinge fing er an durch ihren Hals zu säbeln. Sie gurgelte, rang nach Luft. Lebte noch immer. Der Kopf landete in der Blutlache auf dem Boden. Wurde in eine Ecke gekickt. Achtlos. Alpi blickte in die toten Augen. Da wurde schon eine weitere Mutter aufgehängt. Alpi schlich weiter zurück. Er musste entkommen. Er musste hier raus…

Alpi gelang schliesslich die Flucht. Bezahlt hatte er diese mit seinem rechten Auge. Doch er rannte weiter und weiter. Schliesslich wurde auf einer Landstrasse von einem Ehepaar gefunden und mit nach hause genommen, wo sie ihn gesund pflegten. 
Alpi trifft in jeder Nacht in seinen Träumen auf seine Freunde. Er sieht sie auf der grünen Wiese. Diese verfärbt sich bald in ein dunkles Rot. Blutgetränkt. Seine Freunde sieht er abgeschlachtet da liegen. Diese Bilder wird er für den Rest seines Lebens nicht mehr los werden. Sie werden ihn stetig begleiten. In der Erinnerung oder im Traum.

Er hat es nie jemandem erzählt. Das Ehepaar jedoch schien darum zu wissen, kümmerten sie sich doch liebevoll um ihn. Es war ihnen egal, dass seine rechte Kopfhälfte entstellt war. Den anderen Kühen im Stall auch.



Dienstag, 7. Januar 2014

Seewasser für die Gäste

Mir wurde die Ehre zu Teil in einem der wohl schönsten Hotels der Schweiz arbeiten zu dürfen. Von Bergen, Wäldern, See und Wasserfällen umgeben, waren die knapp 6 Monate nebst der Hektik der Hotellerie einfach traumhaft. Arbeiten möchte ich der Hektik wegen nicht mehr dort, aber übernachten tu ich alle Jahre mal wieder im "Märchenschloss".

Wir hatten Glasflaschen mit Kristallprägung. Das Etikett schien aus dem 17. Jahrhundert zu stammen und verriet den Namen des Hotels und ausserdem dass es sich um hoteleigenes Wasser handelte. An dieser Stelle möchte ich sagen, dass ich nicht näher auf eben jenes Wasser eingehen werde, weil ich mich nicht plötzlich auf der Anklagebank eines Gerichtsaals wiederfinden möchte.

Die Gäste, die dieses Wasser bestellten, stellten oft die Frage, woher das Wasser denn sei? Ob es sich um Seewasser handle? Jene Frage erschien mir stets recht eigenartig. Seewasser für die Gäste eines hochangesehenen 4-Sternehauses... haha Nein. Es handelte sich dabei um Quellwasser.
Ich war beim Mittagsservice im Restaurant als ich von einem älteren Ehepaar gefragt wurde, was für Wasser das denn sei. Quellwasser von der hauseigenen Quelle. Der Mann schmunzelte und meinte, er habe schon gedacht, es sei vom Wasserfall. Ob wir Jemanden hätten, der die Flaschen da abfülle?
Da der Mann zu Scherzen aufgelegt war, entgegnete ich, dass unsere Azubis das zweifelhafte Vergnügen hätten, sich in die tosenden Fluten zu begeben und Wasser abzufüllen, wenn sie eines Fehlers bezichtigt würden. Der Mann schaute mich prüfenden Blickes an, merkte dann, dass es nicht ernst gemeint war und begann schallend zu lachen. Schliesslich stimmte auch seine Gattin und das Ehepaar am Nebentisch in das Gelächter ein.


Mir winkte nebst einem guten Trinkgeld im Verlauf des Nachmittages ein weiterer Schwatz mit eben jenem Paar. Da sie drei Tage bei uns waren, gab es bei jeder Begegnung etwas zu Lachen. ^_^

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Auf der Frühlingswiese

Saftiger Löwenzahn mit stechend gelben Blüten spriesst wild aus der Erde. Über die gesamte Wiese ist er verstreut. Dazwischen sind leicht violette Blüten zu sehen, von dieser seltsamen Blume, deren Namen ich stetig vergesse. Wenn man die Blütenblätter, die eher kleine Röhrchen darstellen, abzupft und sie auf die Zunge legt, schmeckt man Honig. 
Am Wegesrand zupft ein Mädchen eine Pusteblume ab und pustet die weissen Schirmchen über die Strasse. Voller Freude kichert es.
Zwischen Wegesrand und wiese schlängelt sich ein klarer Gebirgsbach durch die Idylle. Kleine Stromschnellen und Wasserfälle bilden ernste Gefahren für all die unzähligen Papierschiffe, die von den Kindern gerne aufs Wasser gesetzt werden. Sie machen Wettrennnen. Dem Sieger winkt meist eine Tüte voller Süssigkeiten. Die einzige Ausnahme bildet der kleine Ryan. Er beschenkt den Gewinner immer mit einem gesunden Reiskeks oder einer Stange Süssholz, achten doch seine Eltern extrem auf eine gesunde und abfallfreie Ernährung.
Hinten beim Waldrand stehen zwei Rehe, die misstrauisch auf die Strasse blicken. Ein Wildhase hüpft geradewegs auf die Wiese zu. Man sieht gerade noch sein Puschelschwänzchen hinter den Wildblumen verschwinden. Er hüpft vorbei an Bienen, und Stauden. Beim Stumpf des alten Apfelbaumes schert er nach Links aus und hüpft aus dieser Geschichte davon.
Hätte er den Weg nach rechts eingeschlagen, hätte er die kleine Suzie passiert, die mit einem morschen Zweig einen leblosen Frauenkörper piekst. Der Schädel ist zu Brei geschlagen. Der zahnlosgeprügelte Mund steht offen. Die Zähne liegen in der Nähe des Kopfes im Gras. Wo einst ihre Nase war, ragt ein zu einer grotesken Figur geschlagener Fleischklumpen aus dem Gesicht hervor. Vom nackten Fleisch dessen, was am Tag zuvor noch ein Gesicht darstellte, ist kaum etwas zu sehen, laben sich doch bereits Hunderte von Fliegen und anderem Getier daran. 
Ein zarte Briese weht über die Wiese. Suzie riecht den Geruch verwesenden Fleisches in der Mittagssonne nicht, steht sie ideal zur Windrichtung. Noch einmal piekst sie den Leichnam, verliert dann aber das Interesse und geht mit ihrem Papierboot in der einen, den Stock in der anderen Hand zum Fluss. Sie hofft auf ihre Freunde, die bald mit ihren Booten kommen sollten. Schliesslich will sie heute gewinnen! 



Freitag, 13. Dezember 2013

Der wiedergefundene Freund - Eine Fabel

Im Hotel zum goldenen Choleriker (höhö wie treffend diese Bezeichnung doch ist) war es, als die Eule mit den bunten Federn auf diesen Praktikanten traf.
Ein kleiner Pfau, kaum grösser als die Eule selbst (oder gar kleiner?), der irgendwie nicht so richtig in diesen Betrieb passen wollte. Er war einfach zu verrückt für das Hotel zum goldenen Choleriker, in dem sich die seltsamsten und exotischsten Kreaturen wiederfanden...
So gab es eine Gestalt, kalt und glatt wie eine Schlange aber mit der Figur einer Giraffe und deren beste Freundin, ebenfalls kalt und glatt wie eine Schlange aber mit der Figur eines Walrosses, welche den Pfau gar nicht mochten. Auch die Eule mit den bunten Federn mochten sie nicht. Überhaupt konnten sie niemanden leiden und verschossen ihre Giftpfeile in alle Richtungen. - Doch dies ist eine andere Geschichte, und soll ein ander Mal erzählt werden...
Der Pfau gab sich gänzlich unbeeindruckt von deren Herrschaft. Schliesslich existierten noch eine Löwin, eine Maus und eine Eule, welche ihm wohlgesonnen waren.
Der cholerische Chef war dem Pfau alles andere als zugetan. Zweifelte er doch an den Fähigkeiten des Pfauen. So fluchte er täglich über die eigene Kurzsichtigkeit und Dummheit, hatte der Pfau doch bereits den langersehnten Lehrvertrag in der Tasche.
Leider sollte der Pfau die anderen bald verlassen, um sich für eine kurze Zeit anderen Aufgaben zu widmen. Eine bittere Lehre blieb an seiner Stelle zurück. Seine geistreichen Spässe konnten auch von den Affen aus der Küche nicht überboten werden, trotz dem sie in diesem Glauben lebten...
Als der Pfau seine Ausbildung beginnen sollte, war die Eule jedoch bereits nicht mehr dort, und so sollten sich die beiden aus den Augen verlieren...
Zwei Jahre später trafen sie wieder aufeinander und waren noch immer ein Herz und eine Seele. Der Pfau hatte ein wunderschönes Federkleid bekommen, von welchem er, mit gespaltener Zunge, sagte, es werde noch viel schöner werden... Sein Herz noch immer am rechten Fleck, wenn man auch über den Verstand in Zweifel geraten könnte... Nicht dass die Eule dies jemals tun würde. Es sind immer die anderen.

Der Pfau wird auf Dauer einen festen Platz im Herzen der Eule mit den bunten Federn haben, mochte sie die "Verrückten" doch immer am meisten.

Sevimausi gewidmet <3, besch mer de Liebscht und eifach de Bescht!

Montag, 9. Dezember 2013

Der geizige Rassist

Aus wahrhaftiger Angst davor, er könnte mich mit seinem Lieferwagen überfahren, verzichte auf den Gebrauch seines richtigen Namens und auch darauf, sein Hotel zu erwähnen. Gesagt sei so viel: Es ist ein Hotel, das einen dieser, in der Schweiz üblichen Namen trägt wie:
Hotel zum goldenen Ochsen, Gasthof zum Bären, Hotel Krone, Landgasthof König, Restaurant Sonne, Gasthof Löwen...
Der Besitzer, im wahrsten Sinne des Wortes ein Choleriker, wie er im Lexikon beschrieben steht. Geizig und rassistisch noch dazu. Obschon er zum Sous-Chef Z aus Deutschland sagt, er solle dahin zurück gehen, wo er hergekommen ist, beschäftigt er ihn, da er ihm weniger Lohn bezahlen muss. Einmal brüllte der Choleriker durch die Küche (sodass es jeder Gast hören konnte): "Z! Du deutscher Nichtsnutz! Es reicht mir mit Dir! Du bist wahrhaftig eine Geldverschwendung! Die nächste Grenze ist gleich bei Laufenburg! Verschwinde aus meiner Küche und mach Dich auf den Weg über die Grenze! Euch Gesindel kann man für nichts gebrauchen!"

A, sein Spühler, kommt ursprünglich aus Namibia. Obschon er sich täglich über diesen "Abschaum" aufregt, behält er ihn - des Geldes wegen. Eines Tages hat er sich bei mir darüber beklagt: "Dahinten musste ich einen Wohnblock kaufen, damit ich diesen afrikanischen Abschaum irgendwo unterbringen konnte! Diesem Gesindel gibt doch keiner eine Unterkunft! Miete bezhalen die natürlich auch nicht! Ich ziehe es ihm vom Lohn ab! Fressen tut er ja ohnehin hier! Und der frisst weiss Gott viel! Von der Hungersnot da unten ist nichts zu sehen! Der frisst wie ein Mähdrescher, aber ist nach wie vor so mager! Das ist keine Armut da unten! Das liegt an den Genen! Gebrauchen kann man den auch nicht! Aber sonst gibt dem ja niemand Arbeit! Ich schon! Und was ist der Dank?! Häh?! Ich muss mich tagtäglich über diesen Dreckskerl aufregen!"

 Dann gibt es da noch K, ursprünglich aus dem Kongo, der eines der drei Restaurants alleine schmeisst. Der Dank dafür ist ein Lohn von knapp CHF 2000,- und tägliche Rügen. Jeden Tag kommt K vor der Zeit zur Arbeit und macht einen verdammt guten Job. Ehrlichgesagt, für diesen Hungerslohn hätte ich mich nicht dermassen ins Zeug gelegt. Im sicheren Glauben, K werde immer bei ihm bleiben, behandelt er ihn wie den letzten Dreck. Es gab einen Tag, an dem K den Choleriker am Hemdkragen packte und zum Schlag ausholte. Der sonst so stolze und erhabene Choleriker wimmerte nahezu und kreischte nach Z, der ihm zu Hilfe eilen sollte. Z konnte das Schlimmste verhindern. Seit dem Tag nimmt sich der Choleriker ein klein wenig zurück, wenn es um K geht.


Die eine Lehrtochter, eine gebürtige Türkin, die in der Schweiz aufgewachsen ist und perfekt Mundart spricht, ist ihm ein Dorn im Auge. So wehklagte er einst seinem Stammtisch: "So weit sind wir schon in diesem Land! Meine Lehrtochter ist eine Türkin! Jetzt muss ich schon die Türken aushalten! Seht Euch um! Manchmal glaube ich mich in Afrika! Gerade mal zwei Schweizer arbeiten für mich! Der Rest kommt aus Afrika, der Mongolei, Ägypten und der Türkei! Wenn das so weitergeht mache ich bald zu! Hänge ein mächtiges Schild an die Tür mit der Aufschrift: WEGEN ZU VIEL ABSCHAUM GESCHLOSSEN!"

Freitag, 29. November 2013

Ein winterliches Experiment der Unit 731

Wem die Unit 731 unbekannt ist, der möge sich seine Infos hier holen. Bei näherem Interesse empfiehlt es sich den ersten Teil von Men behind the sun zu schauen.
Um mein Empfinden besser unterstreichen zu können, gibt es weiter unten einen Clip aus Men behind the sun. Leser schwächeren Gemütes sollten sich diesen allerdings nicht unbedingt ansehen.

Es war im Jahre 2010 als ich, da noch immer der Meinung künftig die Hotelfachschule Luzern zu absolvieren, eine Stelle als Room Attendant in einem 5-Sterne, Deluxe, Small Leading Hotels of the World, etc... Hotel im winterlichen Skigebiet in der Schweiz angenommen hatte. Mitte November fiel bereits der erste Schnee. Der rapide Temepraturabfall erinnerte enfernt an The Day after tomorrow, gefror doch der Atem in der Nase...
Das Hotel war saniert worden und uns wurde die zweifelhafte Aufgabe zuteil, alle 10 Etagen (inkl. der reich mit Spiegeln ausgekleideten Suiten) vom Baustaub zu befreien. Zu sechst befanden wir uns im Wohnbereich der einen Suite, der allein grösser war, als meine gegenwärtige Wohnung in Zürich. Meine Zimmergenossin A und ich befanden uns im hinteren Teil und versuchten den grauen Wandschrank schwarz zu bekommen. Stunden strichen ins Lande und der Wohnbereich wies kein Staubkorn mehr auf. Es war geschafft!
Unser Supervisor beauftragte einige der Mädchen, sich den Badezimmern anzunehmen, andere sollten die Balkons putzen. So durften A und ich uns auf den Balkon begeben, der die gleiche Fläche wie der Wohnbereich hatte. Unser Supervisor meinte, das bemooste Balkongeländer müsse wieder gänzlich in weiss erstrahlen. Ein heftiger Windstoss veranlasste ihn dann, sich besser wieder ins warme Innere des Hotels zu verfügen. A und ich blieben auf dem Balkon und schauten einander mit dem typischen "ernsthaft jetzt?"-Blick an.
Jede von uns führte einen Eimer mit heissem Wasser und einen Putzlappen mit sich. Handschuhe gab es natürlich keine. Die erst vereinzelt fallenden Schneeflocken vermehrten sich zunehmend. Nach rund 15 Minuten, die wir frierend auf dem Balkon verbrachten, war der Himmel trüb und ein Schneesturm sollte über uns hereinbrechen. A und ich tauchten unsere geschundenen Hände erneut in den Wassereimer und versuchten die bemoosten Stellen zu entfernen. Da allerdings das gesamte Geländer mit Moos und Dreck versehen war, dauerte dies einige Zeit.
Kalter nasser Schnee peitschte uns ins Gesicht. Wir hatten genug und wollten wieder ins Hotel. Die Balkontür war jedoch geschlossen. So klopfte A leicht genervt an die Glasscheibe. Unser Supervisor kam zum Vorschein und fragte, ob wir fertig wären. Nein. Aber es herrscht ein regelrechter Blizzard. Wir sollen mal nicht übertreiben. Das muss heute fertig sein! Ihr habt noch eine Stunde Zeit. So schloss er die Tür wieder und sperrte uns auf Balkon, auf dessen Boden mittlerweile eine undurchsichtige Schneeschicht lag.

Das Wasser in den Eimern war inzwischen kalt. Die Hände brannten. Jedem sollte das Gefühl von frostigem Winterwind auf nassen Händen bekannt sein... Es dürfte nicht weiter für Erstaunen sorgen, dass mir die eine Szene aus Men behind the sun durch den Kopf schoss: Die blanken Hände einer Chinesin werden dort abermals in der Winterkälte mit Wasser übergossen, bis sich schliesslich eine Eisschicht bildet... Etwas später werden diese Hände in heisses Wasser getaucht, um hinterher geschält zu werden. Natürlich alles im Dienste der Wissenschaft... So schaute ich um mich, um etwaige, in weisse Kittel gekleidete, japanische Wissenschaftler mit Klemmbrett zu erspähen...
Mit bereits tauben Fingerspitzen putzten wir weiter, einfach um nicht zu erfrieren...

Eine Stunde später war das Geländer blitzblank und erstrahlte unter der Eisschicht in makellosem Weiss! Unsere Lippen waren rissig, so auch die Hände. Die tauben Fingerspitzen tauten langsam wieder auf. Wir waren bis auf die Knochen durchgefroren und lagen am kommenden Tag mit Fieber im Bett. - Aber der Balkon war wieder blitzblank - und das ist doch die Hauptsache!


Freitag, 1. November 2013

Befremdlicher Besuch - Hah?



Im vergangenen Jahr kam da eine E-Mail. Wir kannten uns aus dem Internet. Sie fliegt jedes Jahr nach Deutschland, um Ferien zu machen. Sie wollte dann wissen, ob sie in die Schweiz kommen und eventuell bei mir wohnen könnte. Nach langem hin und her wurde jedoch nichts daraus.
In diesem Jahr fragte sie mich wieder. Wieso ich mich darauf eingelassen habe? Keine Ahnung. Wieso dieser Besuch schliesslich eskalierte? Ich kann nur raten… jedoch will ich nicht vorgreifen… Meine Schilderung soll am Donnerstag, dem 19. September 2013 am Flughafen Zürich (ZRH) beginnen. An dem Ort, wo die Geschichte (oder die Tragödie) ihren Anfang nahm…
Die Anzeigetafel der ankommenden Flüge teilte mir (und jedem, der es sonst wissen wollte) mit, dass Lufthansa Flug 1196 von Frankfurt planmässig um 17:20 Uhr landen sollte. Gepäckausgabe 19 Ankunft 1. Also machte ich mich auf den Weg, um meinen Gast aus Japan in Empfang zu nehmen. 

17:25 Uhr –  LH 1196 Warten auf Gepäckausgabe | LH 1196 Waiting for baggage claim

Um 17:30 Uhr schaute ich zum Gepäckband 19 und erspähte nebst einem potentiellen Terroristen, einem Bierbauch, der den Anschein machte, gleich an Herzversagen zu verenden, einem pseudo Metaller/Gothic (oder in welche Sparte dieser Möchtegern sich auch immer einzureihen versuchte – und kläglich scheiterte), der wohl beim Security Check so seine Schwierigkeiten gehabt haben dürfte, befand sich doch die halbe „Schrauben & Muttern“ Abteilung des Baumarktes an seiner Hose. Und um dem sonst schon lächerlichen Auftreten noch etwas Würze zu verleihen, baumelte an einem der unzähligen D-Ringe eine gelbe Plüschente. Hinter diesem merkwürdigen Menschen, mit Neandertalerbart (den er wohl Courtney Gains in der Rolle des HANS in Meine teuflischen Nachbarn abgekupfert hatte) standen zwei wahre (oder auch trve) Metaller in ihren Lederjacken. Sie schienen sich köstlich über den Neandertalerbart mit Plüschente zu amüsieren. Auch ich musste lächeln. 
Nebst vielen anderen Menschen war da eine kleine, wohl ca. 145cm grosse, verschüchterte und recht verwahrlost dreinschauende Japanerin, gehüllt in einen kakifarbenen Mantel. Den Mantel hatte ich schon auf Facebook gesehen. Auch den roten Rucksack hatte ich dort schon gesehen. Das musste sie einfach sein. Meine Besucherin, mein Gast aus Japan. Yoshiko.
Sie schaute zu mir rüber, unsicher ob ich ich war. Also winkte ich ihr zu und sie schien erleichtert zu sein, dass ich auch wirklich am Flughafen war. – Wäre ich besser zuhause geblieben. 


Die Ankunft

Die Tore öffneten sich und Yoshiko kam mit einem giftgrünen Rollkoffer, um den einer dieser, für Asiaten typischen, Koffergürtel geschnallt war, auf mich zu. Die Begrüssung erfolgte in Japanisch. Ein kurzer Austausch wie es ihr ginge, die üblichen Floskeln. Darauf erfolgte schon ein nicht enden wollender Monolog ihrerseits, von dem ich gerademal 40% zu verstehen in der Lage war.
Obschon sie mir mitteilte, dass sie total müde sei, fragte ich sie, ob sie hungrig sei und etwas essen gehen möchte. Sie verneinte mit der Begründung, dass in Japan jetzt Trinkzeit wäre und sie lieber schlafen gehen würde. 

"Varideeto"

Als wir in der Nähe des SBB-Schalters waren, fragte ich Yoshiko, ob sie ihr Zugticket, des Swiss Flexipass habe. Sie nickte. 
Wir gingen nach oben zum Ausgang in Richtung Tramstation, wo ich ihr mitteilte, das unser Tram in 9 Minuten kommen wird. Sie nickte zufrieden. Das Tram kam vor uns zum stehen, ich hatte bereits den ersten Fuss reingesetzt, als ich bemerkte, dass Yoshiko noch immer am gleichen Platz stand. Sie schaute mich fragend an. Ich winkte ihr zu. Sie verneinte und blieb einfach stehen, also ging ich zu ihr hin und fragte, was los sei. Sie kramte in ihrem Rucksack herum und zeigte mir ihren Flexipass. "Varideeto!". Da ich noch nie im Besitz eines solchen Passes war, wusste ich nicht um die Handhabung. Sie händigte mir eine A4-Seite aus. "Varideeto.". Die A4-Seite war gänzlich in Japanisch. Sie konnte mir aber nicht erklären, was genau sie von mir wollte. Also händigte sie mir einen Flyer aus, der nebst Japanisch auch in Englisch war. Ach so, der Flexipass musste am Bahnschalter aktiviert werden. Da ich keine Lust hatte nochmals nach unten zu dem ohnehin überfüllten Schalter zu gehen, und Yoshiko kein Tramticket lösen wollte, fuhr sie eben schwarz. 

Als wir in meine Strasse, mit den individuell und sehr eigen gestalteten Wohnhäusern einbogen, musste sie von jedem Haus ein Foto machen und war hellbegeistert über die Tatsache, dass sie die nächsten 3 Tage in so einem Haus wohnen durfte. „Eeeeeeh, sugoi, ne?!“
Nachdem wir rund 30 Minuten in meiner Wohnung zugebracht und uns bei einer Tasse japanischen Grüntees ausgetauscht hatten, fragte sie mich, ob wir nicht irgendwo essen gehen könnten. Obschon ich etwas erstaunt darüber war, willigte ich ein. Aber hatte ich nicht 40 Minuten zuvor gefragt, ob sie essen gehen möchte? Antwortete sie daraufhin nicht, sie sei müde und möchte schlafen gehen?

In Gesellschaft toter Fische

Wir gingen zurück zum Flughafen ins Foodland, wo ich mich nie wieder blicken lassen kann, brachten wir doch über 20 Minuten vor der Theke von Nordsee zu. Jede einzelne Speise sollte (und wurde) von mir ins Japanische übersetzt werden. Jede Fischgattung wurde erfragt. Schliesslich isst man nicht einfach irgendetwas. Eine solch gewichtige Entscheidung will wohlüberlegt sein. 
-> An dieser Stelle möchte ich kurz auf den mitleidigen Blick der Verkäuferin hinweisen, der auf mir ruhte. 
 Schliesslich entdeckte sie den NordseeBurger, und wollte natürlich wissen, welcher Fisch hier (in ermordeter, zerstückelter und frittierter Form) vor ihr in der Theke lag. So belästigte ich erneut die Verkäuferin, mit der Frage, welcher Fisch denn für diesen Burger jäh dem Leben entrissen worden war (natürlich nicht mit diesen Worten, aber solche Gedanken waren doch gegenwärtig). 
Yoshiko entschied sich dann, nach weiteren zwei Minuten Bedenkzeit, für eben diesen Burger. Der Letzte wurde allerdings von der Kundin vor uns weggeschnappt. Die Verkäuferin meinte, es gäbe gleich neue Burger, wenn wir einen Moment warten möchten. Als das für die gute Yoshiko doch in Ordnung ging – obschon ihr das Warten zuwider war – verspürte ich eine nicht in Worten und Zahlen messbare Erleichterung! 
Als sie dann ihren Burger bezahlen sollte und die Kassiererin fragte, ob sie etwas zu trinken dazu möchte, ging die Langeweile von vorne los. Ich übersetzte ins Japanische, ob sie etwas zu trinken dazu haben möchte. Yoshiko fragte mich, von der Getränkevitrine hinter der Kassiererin völlig unbeeindruckt, was es denn zur Auswahl gäbe. Ich betete ihr die ganze Liste runter und sagte zur Kassiererin, sie solle ruhig weiter bedienen, es könnte bei uns wieder eine Weile dauern… Diese lächelte dankend und wandte sich den anderen Kunden zu. 
Yoshiko entschied sich nach weiteren gefühlten 2 Stunden für ein kleines Mineralwasser ohne Kohlensäure, was ich der Kassiererin weitergab. In deren Augen sah ich einen Anflug von Panik aufflackern, als sie ganz leise zu mir sagte, dass sie nur noch Halbliterflaschen habe. Das war mir nun wirklich egal. Ehe ich noch mehr Zeit in diesem Fischfriedhof zubringen wollte, sagte ich, das wäre ok und erntete einen amüsierten Blick der Kassiererin. ^_^
Während den 40 Minuten, in denen Yoshiko ihren Burger buchstäblich genoss, hatte ich alle Zeit, ihr zu erklären, dass die kleinen Wasser ausverkauft waren, studierte sie doch noch ehe sie den ersten Bissen nahm, die Quittung und bekundete ihre Verwunderung über Preis und Grösse des Wassers. Es war aber in Ordnung, denn der Burger war gut. Und zum dritten Mal fragte sie nach, wieso ich kein Fleisch esse…
Nachdem Essen besuchten wir noch meine Kollegen, die an der Flughafenbar arbeiteten und blieben auf einen Cocktail dort. Die Cocktails gingen auf mich, machte sie doch keine Anstalten nach ihrem Geld zu greifen… Nun gut.
Wieder bei mir zuhause stellte sie die Frage in den Raum, ob Schweizer denn jeden Tag duschen würden? Auf meine Bejahung entgegnete sie, dass man in Japan nur einmal in der Woche duschen würde und faselte irgendwas von wegen Wasser, was ich aber nicht ganz verstanden hatte. Ich war ohnehin damit beschäftigt Harrison Ford in STAR WARS aus meinem Kopf zu kriegen, war doch ab „1x/Woche duschen“ die Szene im Müllschacht präsent: „Oh welch betörenden Geruch Sie entdeckt haben.“

Von Gratisessen und bösen Fremden

Am nächsten Morgen versetzte sie mir einen heftigen Schreck! Nicht an Besucher gewöhnt, erwachte ich völlig unbekümmert aus dem Schlaf, schlurfte in die Küche um mir einen Kaffee zu machen und da sass sie. In der Küche. An meinem Tisch. Auf meinem Stuhl und fönte ein „Ohayou“ in den Raum, gefolgt von irgendwelchen japanischen Worten. Da mein Gehirn aber noch im Stand-by modus war, verstand ich sogar das „Ohayou“ nur ganz knapp. Schliesslich fragte sie, ob wir denn nicht frühstücken würden, was mich etwas irritierte, denn hatte ich ihr in einer der zahlreichen Mails geschrieben, ich würde normalerweise nicht frühstücken und wir würden uns unterwegs etwas kaufen. Ich machte mir einen Kaffee und fragte, ob sie auch einen haben möchte. Den hätte ich mir schenken können, nippte sie lediglich zweimal daran und liess ihn unbeachtet stehen. Ich goss ihn vor der Abreise in den Abfluss, wo er seine Reise in eine unbekannte Welt fortsetzte und somit aus dieser Geschichte floss… 

Wieder wollte sie kein Tramticket lösen und fuhr nochmals schwarz. "Varideeto?" Ja, am Flughafen. Wir gingen zum SBB-Schalter, an dem wir gut 10 Minuten anstehen mussten und sie schaute neugierig in alle Richtungen. Dann kramte sie nach ihrem Flexipass, zeigte ihn mir und fragte erneut "Varideeto?". Ja, deswegen stehen wir hier an.
Am Bahnschalter fragte ich, ob man den Flexipass aktivieren könnte. Ja. Yoshiko schaute die Dame am Schalter an: "Varideeto?" Die Dame nickte. Sie brauchte aber noch einen "Passport". Yoshiko schaute mich fragend an: "nani?" Ich antwortete ihr mit "Pasupoot", was sie dann doch zu verstehen in der Lage war. Meiner Meinung nach klingt Passport im englischen Original ja sehr ähnlich mit dem japanischen "Pasupoot", aber gut. 
Die nette Dame am Schalter erklärte mir die Handhabung des Flexipasses. Yoshiko verstaute dann alles wieder in ihrer Minniemouse-Mappe, die sie aus dem Tokyo Disneyland mitgebracht hatte (was sie der netten Dame am Schalter voller Stolz mitteilte) und fragte erneut: "Varideeto?". Ja.
In Olten am Bahnhof kaufte ich mir eine Brezel und einen Kaffee. Sie hingegen drückte sich die Nase an Brezeltheke ab - kaufte aber nichts. Im Zug gen Interlaken sitzend starrte sie unentwegt auf meine Brezel, weshalb ich ihr etwas davon anbot. Sie brach sich ganz wenig davon ab und befand sie für sehr köstlich, also bot ich ihr nochmal an, sich etwas davon zu nehmen. Yoshiko ergriff die Papiertüte und stopfte sich die ganze Brezel allein rein. War zwar nicht so gedacht, aber gut, ich hatte ja noch meinen Kaffee. ^_^
In Interlaken gingen wir beim Mexikaner essen. Glücklicherweise spricht mein Bekannter, der da im Service arbeitet etwas Japanisch! Sie machte sich gar nicht erst die Mühe etwas zu verstehen und war froh, als er ihr das iPad mit Fotos der verschiedenen Gerichte reichte. Natürlich war ihre erste Frage: „regomend?“ (← Die Erläuterung dazu findet sich weiter unten im Text)
Nach dem Essen fragte sie, ob wir gehen wollen. Kaum hatte ich genickt, stand sie auf, zog ihren Mantel an und ging zum Ausgang. Ich schaute sie leicht irritiert an, auch mein Bekannter starrte sie an. Ich fragte nach der Rechnung, welche er uns gleich brachte. Erst machte sie keine Anstalten nach ihrem Geldbeutel zu greifen, erst als mein Bekannter und ich ihr 3x den noch offenen Betrag nannten, griff sie mürrischen Blickes in ihren „Vicotorinoxu“-Rucksack und kramte nach dem Portemonnaie.
Vor der Schiffsanlegestelle verschwand sie dann spurlos. Sie müsse noch ein Geschenk für ihre Mutter besorgen. Nun gut, wir hatten ja über eine Stunde Zeit dazu. Ich blieb zurück und holte mir lediglich ein Bier. Während dem Trinken unterhielt ich mich kurz mit einem Touristen aus Texas über das Schweizer Bier. Als Yoshiko zurückkam und sah, dass ich mich mit einem wildfremden Menschen und dessen Frau unterhielt, blieb sie hinter einem Baum stehen und spähte, wie so ein kleiner Waldschrat, hervor. Erst als die beiden Texaner ihren Bus bestiegen und aus meinem Radius verschwunden waren, kam sie langsam hinter dem Baum hervor, den Blick nicht vom Bus abwendend. Die Texaner könnten ja möglicherweise zurückkommen – mit Kettensäge.
Yoshiko fragte, was das für Bier sei. Schweizer Bier aus Interlaken. Rugenbräu. Ah so. Sie schaute so lange auf die Bierdose in meiner Hand, bis ich ihr anbot, davon zu probieren. Eigentlich hätte mir ja klar sein müssen, dass ich das Bier nicht zurückbekommen würde – und so geschah es dann auch. Nun gut, das Bier war inzwischen warm und so war es mir eigentlich egal. 

Grandhotel Giessbach

Als ich ihr sagte, die nächste Station wäre unsere, schaute sie mich überrascht an. Schien sie gar nicht zu wissen, dass wir im Grandhotel Giessbach nächtigen würden. Hatte ich ihr nicht unzählige Mails geschrieben und auch den Link zur Hotelseite mitgeschickt gehabt?
Wir teilten uns die Giessbachbahn mit einer Gruppe Franzosen, die Yoshiko nicht geheuer waren. Wir checkten mit ihnen ein, die gute Yoshiko hielt aber stets den Sicherheitsabstand von gut 5 Metern ein. Als wir über die Treppen nach oben gingen, fragte sie allen Ernstes, ob es denn keinen Aufzug gäbe. Nein. Natürlich gibt es einen, aber wenn man noch jung und gut zu Fuss ist, UND im Giessbach absteigt, geht man über die Treppe und bestaunt die viktorianische Architektur!
Ich hatte noch nicht mal die Tür hinter uns geschlossen als sie bereits den Fernseher einschaltete. Wozu? Sie verstand doch ohnehin kein Wort. 
Wir wollten noch rausgehen, um ein paar Fotos zu machen. Sie stand schon im Korridor, als ich sie dann fragte, ob sie nicht noch die beiden Lampen ausmachen wollte? Unverständnis. Doch sie ging nochmal ins Zimmer und knipste die Lichter aus. 
Beim Zimmer neben dem unseren, stand die Tür offen. Die Franzosen hatten drei Zimmer in diesem Flügel und gingen vom einen zum anderen. Als ich vorne beim Treppenhaus war, bemerkte ich, dass Yoshiko nicht bei mir war und so drehte ich mich um… Gar beschämender Anblick bot sich mir: Yoshiko stand vor dem Zimmer mit der offenen Tür und gaffte ganz interessiert hinein. Einer der Franzosen kam aus dem Zimmer, schaute sie an. Schaute mich an. Ich zuckte mit den Schultern. Er schloss die Tür vor Yoshikos Nase. Unverständnis. Dann zottelte sie mir hinter her und sah, dass es doch einen Aufzug gab. „Erebeta!“ Unbeeindruckt von ihrer Entdeckung nahm ich die Treppe – sie folgte mir.
Draussen war sie überwältigt von der Pracht des Giessbach. 
So überwältigt, dass sie plötzlich verschwunden war. Nach 10minütiger Suchaktion ging ich zurück ins Zimmer um mich fürs Abendessen fertig zu machen. 
Danach ging ich nochmal durch das riesige Eingangsportal und da stand Yoshiko, vor Kälte zitternd auf dem Treppenabsatz und starrte mich an. 
Ob sie sich auch noch umziehen möchte? Nein.
Sie sass mir gegenüber, diese scheussliche Mütze auf dem Kopf und in den ausgeleierten kakifarbenen Mantel gehüllt. Die Gürteltasche um den Bauch geschlungen. Ihre Mütze, aus einer Vielzahl verschiedenfarbiger, nichtzueinander passenden Stoffplätzen zusammengenäht, nahm sie dann irgendwann ab. IMMERHIN! Ihren alten Mantel, mit, möglicherweise waren es Mottenlöcher, hängte sie dann auch über die Stuhllehne. Ich will ja nicht als oberflächlich abgestempelt werden, aber wir waren in einem 4-Sterne Hotel, zumindest eine bisschen Klasse wäre da wünschenswert gewesen…
Sie schaute sich das Menü an und verstand kein Wort, war es doch in Deutsch und Französisch geschrieben. Wie war das nochmal mit, sie spreche mittlerweile recht gut Deutsch? 
Ich übersetzte ihr das Menü ins Japanische und Englische. Beim Pumpernickel stiess ich allerdings an meine Grenzen. Also umschrieb ich ihr in Englisch, was ein Pumpernickel sei. Natürlich verstand sie da kein Wort und ihr typisches mit hoher Fistelstimme gesprochenes „Hah?“ wurde zum running gag. 
Unser Kellner wollte die Bestellung aufnehmen und fragte sie in Englisch, was sie denn haben möchte. Yoshiko hörte ihm aufmerksam zu und sagte dann: „Engrish please?“ Der Kellner schaute mich irritiert an. Was mich angeht, ich brachte sämtliche Ressourcen der Selbstbeherrschung auf, um nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Der Kellner fragte mich dann, ob sie kein Englisch spricht. Nein, nur Japanisch. Ich übersetzte nochmals alles. Beim Hauptgang war sie dann nicht sicher, wofür sie sich entscheiden sollte. Schliesslich will man nicht in der Schweiz sein und durch das Essen eines „falschen“ Gerichtes in der Heimat zum Gespött werden. Grauenerfüllt, dachte ich zurück an die Szenerie bei Nordsee und da ich mich künftig wieder im Giessbach blicken lassen möchte, beschloss ich dem Treiben Einhalt zu gebieten! Also empfahl ich ihr, da sie den vegetarischen Hauptgang vorher schon abgelehnt hatte, das inzwischen tote Baby einer Kuhmutter. Yoshiko’s Augen leuchteten voller Begeisterung und so fragte sie: „regomend in Swiss?“ Der Kellner empfahl ihr das Schwein. „regomend?“ Er nickte. Also bestellte sie das Schwein. 

Homosexualität – Japaner sind immun!

Während wir beim Essen waren, spähte Yoshiko immerzu rüber zum Nachbarstisch, an welchem zwei Männer sassen. Yoshiko fragte mich dann irgendwann, worüber die Beiden reden. Keine Ahnung, ich belausche die doch nicht. Ob das zwei Schwule wären? Keine Ahnung.
Und dann… Welten prallten aufeinander! Supernovas! Mein Weltbild wurde erschüttert! Ein gänzlich neues Universum geschaffen! Wo war Stephen Hawking, als ich ihn so dringend gebraucht hätte?!
Yoshiko sagte tatsächlich zu mir, die ich nach wie vor fassungslos bin: 
„Das ist ja normal hier, oder?“
„Was ist normal hier?“
„Schwul zu sein. Mann und Mann, Frau und Frau. Normal in Europa, nicht?“
„Wie meinst du normal?“
„Ja es gibt viele. Sie sind überall… Europa und auch Amerika. Es gibt viele. Nicht in Japan.“
Da ich mir nicht sicher war, sie richtig verstanden zu haben, fragte ich nach:
„Du meinst, in Japan gibt es keine Homosexuellen?“
„Nein. Das ist eine europäische und amerikanische Krankheit. Eine Krankheit der weissen und schwarzen! In Japan und wohl ganz Asien gibt es das nicht!“, mit wohlgemeintem gesenktem Blick schnitt sie den gebratenen Schweineleichnam auf ihrem Teller entzwei und schüttelte beim Wort „nicht“ leicht den Kopf um ihre Verneinung zu untermalen.
„Meinst du das ernst?“
„Ja. Gibt es nicht! Auch alleinerziehende Mütter… ist hier ja auch normal. Gibt es in Japan auch nicht. Jedes Kind hat einen Vater und eine Mutter. Niemand wächst allein auf! Oder mit zwei Müttern oder zwei Vätern. Das ist nicht normal. Das ist ekelhaft.“
(Diese Aussage erinnerte mich an ein altes Medizinbuch meiner Mutter um das Jahr 1950, in dem Homosexualität als Krankheitsbild definiert steht. Heilung kann nur mittels Psychotherapie – und in besonders schweren Fällen mit Elektroshocks – gewährleistet werden.)
Zurück im Zimmer, wurde wieder als erste Aktivität überhaupt der Fernseher eingestellt. Sie soll den bitte ausmachen. Es nervt. 
Sie meinte dann total stolz, sie würde morgen auch duschen! Schön, nach zwei Tagen des Nicht-duschens… freute mich das sehr!  

Regomend?

Am kommenden Morgen war sie vor mir auf und brachte rund zwei Stunden im Badezimmer zu. Duschen, Haare waschen, Haare föhnen, Bad überfluten…
Die Tür war zu. Doch während dem Föhnen der Haare öffnete sie die Tür einen Spalt. Was war das? Eine Art Wecker, der mich brummend aus dem Schlaf reissen sollte?! Danke! Auch das Licht im Zimmer liess sie brennen, während sie im Bad war. Was für eine nette Person… Sehr rücksichtsvoll. 
Vor dem Frühstücken ging ich noch kurz ins Bad und war… erschrocken und erstaunt zu gleich! Alle Handtücher lagen wasserdurchtränkt auf dem Fussboden vor der Dusche. Was hatte diese Person in diesem Badezimmer nur gemacht?! Tsunami gespielt?!
Wir besichtigten die verschiedenen Etagen und Salons des Hotels. Yoshiko hatte ihre pinkfarbene kleine Kamera stets griffbereit um den Hals hängen. Im Salon Davinet, in dem ein Gemälde des Herren Davinet thront, fragte Yoshiko wer das denn gewesen sei. „Hah?“ und als nächstes fragte sie „regomend? Regomend in swiss?“ Bei wirklich jedem Gemälde, jedem Möbelstück und jeglicher Zierrat kam diese Frage auf. Mit „Regomend“ war u.a. gemeint, ob das etwas Bekanntes ist, etwas dass man kennen oder sehen muss. Bei einem JA, machte sie ein bis drei Fotos davon. Sagte ich NEIN, wurde die Kamera teils etwas zögernd, teils gleich ausgeschaltet… Ich begann mich zu fragen, ob sie nur Sachen fotografierte, die „regomend“ waren…

Yoshiko verschwindet spurlos

Beim Auschecken hielt sie einen Sicherheitsabstand von 5 Metern. Fragte auch nicht, wie hoch die Rechnung war, und was sie mir denn schulde. Nichts. Gut, rechnen wir zuhause ab, dachte ich mir.
Wir hatten einen straffen Zeitplan, in welchen sie involviert war. Doch beim Fotografieren der Wasserfälle, war sie auf einmal verschwunden. Nahezu 1,5 Stunden war ich damit beschäftigt Yoshiko zu suchen. Ich schaute den Fluss entlang runter, vielleicht war sie ja ausgerutscht? Vielleicht war etwas Schlimmes passiert? In Gedanken sah ich ihren roten Victorinox-Rucksack im Wassertreiben. Am Rücken einer einen kakifarbenen Mantel tragenden Leiche. Ich suchte sie überall und ging sicher 2x zum Hotel zurück. Nichts. Keine Spur! Also wanderte ich runter zur Schiffsanlegestelle. Nichts. So langsam war ich wütend. Ich dachte mir, ich gehe jetzt noch einmal zurück zum Hotel. Wenn sie nicht da ist, gehe ich nachhause und dann soll sie selber schauen, wie sie ihren Koffer, der noch in meiner Wohnung steht, wieder bekommt. Wieder oben beim Hotel sass sie auf der Mauer und winkte mir zu. Ich war kurz vorm Explodieren. Diese Person hatte meine Handynummer, war aber nicht in der Lage mal kurz anzurufen und zu sagen, wo sie war… Ich war so sauer und fragte sie (recht energisch) dreisprachig, wieso zur Hölle sie nicht angerufen habe! Ich hätte sie über 1,5 Stunden lang gesucht! Sie habe ja schliesslich meine Nummer. Als dann als Antwort ihr typisches „Hah?“ kam, wars vorbei. Ich sprach kein Wort mehr mit ihr und wollte nur noch nachhause! 

Finstere Blicke und good bye

Auf dem Heimweg schaute sie mich erst böse an, weil ich mich erdreistet hatte etwas zu Essen für mich zu kaufen. Sie schaute mir aus zwei Meter Entfernung mit knurrendem Magen beim Essen zu. Wir sprachen kein Wort.
Im Zug nach Luzern, in dem wir eine sehr lange Zeit zubrachten, sprachen wir kein Wort. Während ich die wundervolle Aussicht auf das Berner Oberland genoss, starrte Yoshiko auf den Boden. Die scheussliche Mütze tief ins Gesicht gezogen.
In Luzern am Bahnhof verstand sie die Welt nicht mehr. Ich eilte im Stechschritt dem Zug entlang gen Sektor A. Der Zug war jedoch voll. Also sollte der IC Luzern ohne mich verlassen. Yoshiko stand vor dem Eingang des Zuges und schaute irritiert um sich. Ich machte mich auf zu den Toiletten. Als ich wieder rauskam stand sie hinter der Schranke und schaute mich finster an und deutete auf die Schranke am Eingang der Toiletten. Sollte ich das jetzt etwa auch noch bezahlen? Keine Chance. Ich schaute sie fragend an. Sie sagte nichts und senkte den Blick wieder in Richtung Gravitation. Es schien wirklich so, als ob dieser Kopf ein besonderes Verhältnis zur Gravitation zu haben schien, war er doch stetig gen Boden geneigt…. 
(Wenn man dieses Phänomen nun untersuchen wollte, gehörte das in den Bereich der Physik?)
Als wir wieder auf dem Bahnsteig waren, spielte Yoshiko wieder Verstecken. Sie kauerte hinter dem Wartehäuschen auf dem Boden. Gürteltasche umgeschnallt. Victorinox-Rucksack ebenfalls umgeschnallt. Sie kauerte in seltsamer Pose hinter diesem Häuschen, von zahlreichen Pendleraugen angestarrt. Bis heute weiss ich nicht, ob sie da hingepisst hatte oder nicht… o_O
Ich achtete nicht mehr länger auf sie. Sie folgte mir jedoch wie ein Schatten von ÖV zu ÖV. 
Wieder bei mir in der Wohnung, wimmerte sie ein Arigatou und plötzlich war sie weg. Samt Gürteltasche und Victorinox-Rucksack. Sie verliess, ihren giftgrünen Koffer vor sich her rollend, in der Abenddämmerung diese Geschichte… Zurück blieben nur ihre offene Rechnung bei mir und der blaue Koffergürtel, welcher zum jetzigen Zeitpunkt auf irgendeiner Müllkippe auf sein Ende wartet…
Sayounara! さようなら!