Mittwoch, 2. Februar 2005

Lothar an Nathanael


1. Februar 2005


O Nathanael, Freund. Eure Zeilen lasen sich wie die jenen eines Buches, liessen mich zugleich erschaudern! Nathanael. Geister der Vergangenheit ersuchen Euch, ihnen die Tore Eures Verstandes zu öffnen und sie herein zu bitten. Freund, seit wachsam, denn der Wahnsinn lauert vor Euren Toren. Hierzu möchte ich Euch in den diesigen Seiten anvertrauen, wie ich fühlte. Seid gewiss, Ihr und einzig Ihr wisst um dies:

Nathanael, das Leben ist mir zu wider. Bald schon werde ich ihm überdrüssig. Werde dem Richter entgegen treten und Busse meiner vergangnen Taten ablegen. Denn die Geister der Vergangenheit ruhen nimmer!

Es ist eine stinkende Welt in welcher wir gehen und streben nach immer Neuem. Eine stinkende Welt, nicht nur weil ich den Gang zur Dusche bisher gemieden habe und mich der Geruch eins toten Tieres verfolgt, welches heutig von den wandelnden Grabstätten zu Mittag verspeist wurde. Dessen Geruch hat sich meiner angenommen als ich kurz in der häuslichen Küche war um mich mit einem Teller Salat zu speisen. Bitte verzeiht den Unterbuch, aber angesichts dessen, dass mein Geruch betörend während, schickt es sich nicht noch weiterhin zu schreiben. Denn Euch so gegenübertreten würd ich nimmer. Nun ehe ich noch einen Satz schreibe, werd ich die Feder beiseite legen und mich unter die Dusche verfügen.

Gewiss doch, reichlich spät meld ich mich zurück. Doch übermannte mich zuvor der Kasten der Sucht! O du grimmige Welt! Hinfort mit dir, Teufelszeug! Welch Satan hat dich in seiner finstersten Stunde erschaffen?! Du verruchtes Wesen stiehlst mich meiner Zeit! O du Ausgeburt der Hölle, wieso nur vermag ich nicht dir zu trotzen?! Nathanael, mein Freund, jene Zeit werd ich auf dem Sterbebett beklagen! Solls denn in der Tat so sein, dass ich mein kürzlich Leben so unbedacht verschwende?!

Mein Gemüt einst so ausgeglichen und klar, nun fast gänzlich trüb. Nun wieder zwingts mich, Euch mein Freund warten zu lassen. Denn meine grässlich, ja hässlich und kränklich Haut giert nach Lotion!

Ölig, wie eine Ölsardine meld ich mich zurück – und auch fast so tot…
Ich führe ein aussichtsloses Leben und eine Gier meines Innern will’s beenden. Doch da ist was anderes, tief, so tief in der tiefsten Höhle meiner Seele, dort wo Fledermäuse an den Füssen von der Decke hängen, dieses Etwas hält mein verdürstet Sein zurück! O mein Freund, wieso kann ich diese Misere des stetigen Verfalls, ja Zerfallens nicht mit unerträglicher Leichtigkeit beenden?! Freu ich mich meines Lebens zu sehr? Oder bin ich von feiger Natur? Tendieren tut’s mich Letzterem…

Überall ist Bitterkeit, Verzweiflung und der Tod. Not und totes Fleisch - … In meinen jungen Jahren, dennoch so verbittert wie ein alter Tattergreis. So verderbt und bitter. Es ist so bitter, mein Herz so bitter und ich mag es, weil es bitter ist…

Hoffte heute auf eine Lieferung meiner Bestellungen. Doch nichts geschah, wollte eintreffen. Ersätzlichst hin ein Brief Deiner Gestalt! O, welch Freudgefühl kam in mir hoch! Anfänglich las sich schwer Dein Wortgebild. Eure Hand war ins Unerkennbare abgedriftet.

O, Freund, werde morgen wieder dem gewohnten Gang nachgehen. Zur Arbeit pilgern. Woher der Wandel? Ich bin gestärkt. Stark sein und über die Schwachen spotten. Hohn und Schande über sie! So solls denn sein.

Mein arm verkümmert Freund, nur zu gut weiss ich um Euren Schmerz, Euer Leid, Euren Kummer! Geht’s mir doch zu oft so!

Ich bin verdammt auf Ewig abhängig zu sein. O meine frigide Seele komm und eile herbei. Brauche Dich in meiner Not! Es ist eine stinkende Welt!!!
HASS auf meine Gefühle und Emotionen! Ich durchschreite eine Hölle, wie nur Ihr sie kennt.

Nathanael, Freund, ein Treffen schlag ich vor am Wochenende. Am Nachmittag am Sonntag? Nicht draussen umherwandern, wie wir dies so oft getan, zu kalt ist die Kälte. Kommt zu mir, ich bin daheim.

Aussprechen, Reden, einander gegenseitig neuen Lebensmut einhauchen!
Kommt und besucht mich. Denn ohnehin ist alles übel! Und Übel ist alles!

Es grüsst Euch Euer Blutsbruder
Lothar aus dem sumpfigen Hopes End, dem Höllenpfuhl.

Nun denn, gut Nacht.

© Navi M.